war. Sie starb lächelnd in meinen Armen, und machte die Prophezeiung von ihrem nahen tod wahr."
"Weisst du denn auch", sagte Elsheim, "dass alles dies eine wundersame geschichte ausmacht? Mein Himmel, da fehlt ja nur wenig zu einem phantastischen Märchen! Und doch ist der Grundstoff davon wieder so alltäglich! – Aber nun, Freund, bleibt uns noch übrig, dass du mir etwas von deinem alten Magister erzählst."
"Heute nicht", sagte Leonhard sehr gerührt, "es möchte nur das Phantastische noch vermehren. Nimm diesen Brief fürs erste mit, und lies ihn aufmerksam in deinem haus. Morgen sprechen wir dann weiter."
Mit einer herzlichen Umarmung trennten sich die beiden Freunde, beide gerührt und beide nachdenkend. Dorotea, die nur erst wenig in der Stadt gelebt hatte, war über alles erfreut, was sie sah und hörte. Auch nahm sie grossen Anteil an den mechanischen Anstalten, Fabriken und arbeiten aller Art. Darum besuchte sie auch gern in Emmrichs oder Leonhards Begleitung dessen Tischlerwerkstätte, und sah den Arbeitern zu, indem sie sich daran ergötzte, zu lernen, wie aus dem rohen vierkantigen Brett durch vielfache Behandlung und mannigfaltige Instrumente nach und nach ein zierliches Gerät hervorgeht, in welchem man nur durch anstrengende Erinnerung seine erste ursprüngliche Gestalt wiedererkennt. "Und doch ist jenes erste Brett", sagte sie, "schon von der künstlichen Sägemühle bearbeitet, die es vom Baumstamm so sicher und glatt abschneidet." In dieser Freude und Liebhaberei traf sie ganz mit Friedriken zusammen, die auch so grosse Lust an der verständigen menschlichen Tätigkeit hatte. Diese meinte oft, die Welt sei nur dazu geschaffen, dass sich alles auf ihr rühre und bewege, und je mehr Maschinen klapperten und spännen, Mühlen rauschten und Eisenhämmer tobten, die Webestühle sausten, und Bauleute, Maurer, Bergmänner klopften, rutschten und hämmerten, um so glücklicher sei das Menschengeschlecht. Deshalb war sie oft in hoher Freude, wenn sie von den Werkstätten ihres Mannes her die Arbeit rauschen und raspeln hörte, die an manchen Tagen in das lauteste Toben ausartete. Sie pflegte zu sagen: "Dadurch hat die Stille des Sonntags erst einen Sinn, dass sie einen so schönen und heiligen Gegensatz mit dem alltäglichen Lärmen macht." Leonhard, sosehr er mit Leib und Seele Handwerker war, widersprach dem oft, und es gab Stunden, in denen ihm das Geräusch seiner Arbeitssäle nicht wohlgefiel. heute war Dorotea mit Elsheim gekommen, und nachdem sie sich lange an der Tätigkeit erfreut hatte, ging sie zu Friedriken, die nun sehr mit ihr darüber lachte, dass ihr Mann auf des baron schloss für einen berühmten Professor der Baukunst gegolten habe. Die heitere Friedrike ergötzte sich sehr an den vielen kleinen Anekdoten und Lächerlichkeiten, die dort vorgefallen waren, doch hütete sich das kluge Mädchen, viel von Charlotten und deren verführerischer Schönheit zu erzählen.
Elsheim ging mit Leonhard über den Hof zu dessen abgelegenem Stübchen, wo sie vor den Fenstern den alten Nussbaum sahen und nichts von dem Geräusch der Tätigkeit vernahmen. Elsheim gab dem Freunde den Brief des Magisters zurück und sagte: "Mein Leonhard, man dünkt sich klug und erfahren, man meint Gedanken und Schicksale erlebt zu haben, und dennoch möchte ich mich nicht unterfangen zu sagen, dass ich diese seltsame Epistel ganz verstanden habe. Aber ebensowenig möchte ich behaupten, sie sei Unsinn und entalte gar kein Verständnis. Wenn ich mich so ausdrücken darf, so gibt es wohl eine Staffel der Verrückteit oder des Wahnsinus, die durch das Überschreiten der Vernunftgrenze eine gewisse Heiligkeit und Weihe erhalten hat. So sahen es oft die Alten an, und im Orient herrscht noch dieser Glaube. Manche alten Einsiedler und religiösen Erscheinungen, vieles, was wir so geradehin Schwärmerei nennen, muss wohl aus diesem Standpunkt angesehen werden, nur dass diese Überschreitung oder Freimachung des Geistes von der Vernunft aus einer anderen Ursache herrührte. Und doch war es auch die Liebe, welche eine heilige Terese und ähnliche Gemüter, wie die seltsame Guyon und so viele andere, erregte, vor deren Schriften wir jetzt, wenn wir nicht unbillig sein wollen, mit jener stummen Ehrfurcht stehen, bei der uns das, was wir begreifen, mit Entzücken erfüllt, und die mit einer Art von Gespensterfurcht gemischt ist."
Leonhard billigte diesen Ausspruch, und erzählte dann, wie er die näheren sonderbaren Umstände von der Verwirrung des Magisters erst bei seiner Zurückkunft von Friedriken erfahren habe. "Diesen Brief", fuhr Leonhard fort, "schickte sie mir, weil sie ihn gar nicht verstand. Der alte Mann blieb aber immer wunderlich, und in einem solchen Zustand poetischer Aufregung, dass ihn Friedrike vermied, und noch weniger mit ihm allein sein mochte, weil seine sonderbaren Reden sie ängstigten, und der kleine Franz sie einmal weinend bat, sie möchte ihm einen andern Lehrer geben, denn bei diesem könne er nichts mehr lernen, da der Alte selber alles vergesse, Ober- und Niedersachsen, Schwaben und Pommern miteinander verwechsle, und ihm die Grammatik so wunderlich erkläre, dass er selber auch ganz verwirrt werden müsse. Vom Einmaleins und dem Rechnen wolle er gar nichts mehr hören, denn der verwirrte Mann behauptete, zwei mal zwei mache gar nicht vier, es gäbe keine Zwei, und es sei Sünde und Bosheit, von dieser Zwei nur zu sprechen. Das Kind selbst war ausser sich, und unter dem Vorwand, dass Franz krank sei und sich jetzt nicht anstrengen