war es notwendig, dass ich ein anderes poetisches Abenteuer bestehen, eine alte sehnsucht meines Herzens sich erfüllen musste um jetzt ohne Resignation, ohne Gefühl eines Mangels, mit meiner Friedrike ganz und auf meine Lebenszeit glücklich zu sein. Ich nannte dir damals jene Kunigunde, die ich in der Nähe von Bamberg hatte kennen lernen; du erinnerst dich vielleicht noch, was mir mit ihr begegnete –"
"Wohl erinnere ich mich", sagte Elsheim; "es ist eine geschichte, die sich nicht so leicht vergisst."
"Ich ging wieder von Nürnberg nach Bamberg", fuhr Leonhard fort; "man kann nicht andächtiger sein, als ich es auf meiner Wallfahrt war. Die Eltern lebten noch, und waren durch die Grossmut eines künftigen Eidams nach dem Elend vieler Jahre wohlhabend geworden. Kunigunde, voll, frisch, schöner, als je, lebte noch in dem letzt leeren haus, in dem Gärtchen, unter den alten Geräten, und hatte mich mit der grössten Sicherheit erwartet."
"Dich? erwartet?" rief Elsheim im grössten Erstaunen.
"So ist es", antwortete Leonhard, "ich traf sie in dieser ruhigen Geister-Stimmung. Unser erkennen war, als wenn wir uns gestern getrennt hätten. Was soll ich dir sagen, mein Bruder? – Ich blieb dort im haus beinahe drei Wochen, und habe in ihrer teuern Nähe alle Seligkeit ausgenossen, die dem sterblichen Menschen nur vergönnt sein mag. Ich wusste nämlich, dass ihr bestimmter Bräutigam in dieser Zeit nicht kommen könne, denn ich hatte es in Nürnberg mit angesehen, wie der Berauschte und Wütende dort mit einem Pferde stürzte und umkam; und dieser ganz Abscheuliche war niemand anders, als jener edle Wassermann."
"Wassermann!" rief Elsheim.
"Kein anderer", sagte Leonhard, "und wie recht hatte daher meine Antipatie, die sich so lebhaft regte, als dieser Widerwärtige sich uns zum erstenmal zeigte. sonderbar genug war es auch dasselbe Untier, mit welchem ich schon damals kämpfte und aus dessen Händen ich Kunigunden erlöste; er hatte sich seitdem aber so in aller Hinsicht verändert, dass ich ihn anfangs nicht wiedererkannte."
"Die Sache ist aber ganz mytisch", sagte Elsheim.
"Höre weiter", fuhr Leonhard ganz ernstaft fort. "Sie glaubte fest an ihren nahen Tod. Ich blieb in der stillen Hütte dort, sah die Eltern und führte das Geschäft ihrer Erbschaft zu aller Zufriedenheit; dann wieder, von aller Welt vergessen, von niemand bemerkt, jede Stunde, Minute in ihrer Nähe, in ihren Armen, stets gespräche und Küsse wechselnd, nichts wünschend und vermissend, war ich dort in so manchen Stunden wie auf einer menschenleeren, fernen und unentdeckten Insel im Ozean."
"Eine Feengeschichte", sagte Elsheim, "oder sie war mehr eine Kalypso, eine verborgene Göttin, und du ihr Odysseus, nur mit dem Unterschiede, dass du dich nicht mit Tränen nach der Heimat zurücksehntest."
"In ihrer Seligkeit", sprach Leonhard weiter, fühlte ich mich am meisten beseligt. "O Freund, welch tiefes, unergründliches Wesen ist das menschliche Herz! Welch ein Wunder-Rätsel unverstanden und doch so einfach, die Liebe des Weibes! In einer unserer schönen Stunden gestand sie mir, dass ich sie nur einmal im Leben gekränkt habe, an jenem Nachmittag, da ich sie von dem Ruchlosen erlöst, sie mir ihre ganze Liebe angeboten und ich diese süsseste Vereinigung, um das Schicksal nicht herauszufordern, verschmäht hatte."
"Mich dünkt", sagte Elsheim, "auch Sigune klagt im Titurel auf eine ähnliche Weise, als sie vor dem Leichnam ihres Geliebten in tiefer Trauer sitzt. Auch hierin ist deine geschichte Legende und grenzt an das Wunderbare. Früher verschmähtest du diese Liebe und ihren Triumph, um ihn jetzt nach so manchem Jahr zu feiern; damals flohst du aus ihrer Nähe, und jetzt, nach langer Frist, machtest du einen Weg von funfzig oder sechszig Meilen, um deinen alten Fehler wiedergutzumachen und dir die Schöne zu versöhnen. sonderbar!"
"Was auch sonderbar ist", sagte Leonhard, "dass ich damals in meinem Glück durch keinen Vorwurf gestört wurde; wir fühlten uns beide nur befriedigt. Auch nachher, auch seit diesen zwei Jahren, habe ich jene schönen Wochen nicht bereuen können. Aber, als ich nun zurückkam, war es wie ein Traum, oder wie eine sehnsucht, oder wie soll ich es nennen, von mir genommen; jetzt erschien mir meine Friedrike erst im klarsten Licht, meine Liebe zu ihr lebte im schönsten Bewusstsein, und auch sie fühlte, dass ich inniger, herzlicher zu ihr zurückkehrte, als ich ausgereiset war, sie sah, dass mein Glück dasselbe blieb und von keiner Laune mehr gestört ward. Und so wird es nun bleiben bis in unser Alter hinauf."
"Und jene lebt noch?" fragte Elsheim.
"Ach! Freund", sagte Leonhard tief erseufzend, "ihr Wesen war so geisterhaft, überirdisch; sie sprach mit solcher Sicherheit von ihrem nahen tod, dass ich oft in der Wonne ihrer Nähe schaudern musste. In ihren Angelegenheiten reisete ich in das Würzburgische. Sie erwartete einen Bruder, der lange ausser Landes gewesen war. Wie ich zurückkomme, finde ich die Familie in Tränen. Sie war dem Bruder zwei Meilen entgegengegangen; sie hatte sich, wie die Eltern sagten, so erhitzt, dass sie seitdem bettlägerig