ich habe wenigstens dazu beigetragen, meinen ehemaligen Freund und Ausbildner in diese Lage zu versetzen. Sein Gut ist jetzt schuldenfrei, er kann anständig leben, Sorgen werden ihn nicht quälen, wenn er nicht auf eine wahnsinnige Art wirtschaftet, und die Summe, die ich ihm dazu vorgeschossen habe, werde ich niemals zurückverlangen."
"Billigst du es nicht auch", warf Leonhard schnell ein, "da ich jetzt eine Tochter habe, und die Aussicht auf mehrere Kinder wahrscheinlich ist, dass wir unserm Franz, damit er, auch wenn wir sterben sollten, seine Laufbahn machen kann, ein kleines Kapital niedergelegt haben? Friedrike war sehr erfreut, als sie mir diesen Gedanken vortrug, dass ich ihn sogleich billigte, und auch von dem Meinigen dem hinzufügte, was sie von ihrem Vermögen dazu bestimmt hatte."
"Brav, mein Leonhard!" rief Elsheim, "und ihr erlaubt mir auch gewiss, diesen Fond noch etwas durch meinen Betrag zu vergrössern."
"Aber wo sind die Virtuosen geblieben?" fragte Leonhard, nachdem er seinem freigebigen Freunde gedankt hatte.
"Sie reiseten von mir nach England", sagte dieser, "und sind dort beide zu früh gestorben. Kein Wunder übrigens, da sie gar zu leicht lebten, und weder sich, noch ihr schönes Talent irgend schonten. Überhaupt aber, Freund, ich möchte mir wegen der Konfusion Vorwürfe machen, die wir durch unser Komödienspielen dort in der Gegend, wo bis dahin dergleichen nie war erhört worden, angerichtet haben. Du hast es noch mit angesehen, wie jener Ehrenberg von den Dummköpfen bewundert wurde. Was aber wirst du sagen, wenn ich dir erzähle, dass er jetzt ein Gutsbesitzer und wohlhabender Mann ist? Er richtete auf den Gütern von Dülmen und Bellmann ein schönes Nationalteater ein, man gab die brillantesten Stücke, und von den Weibern spielten die ergrauenden Töchter der Witwe die Hauptrollen. Plötzlich wollte die eine von diesen mit aller Gewalt den Ehrenberg heiraten. Widerspruch von allen Seiten. Aber er kam zu spät, die Liebenden hatten im festen Vertrauen auf ihr Glück ein Hausmittel angewendet, so dass die Mutter wohl ihre freiwillige Zustimmung geben musste, wenn sie nicht den Ruf ihrer Tochter preisgeben wollte; wie denn die Unvermählten immer im hoffnungslosesten Zustande gerade dann leben, wenn sie recht guter Hoffnung sind. Die Teaterwut hatte so überhandgenommen, dass Bellmann und selbst Dülmen von Zeit zu Zeit mitspielten, die jungen Bellmänner, die von natur Entusiasten waren, nicht einmal zu nennen. Aber auch aus dieser Begeisterung hat sich eine Mesalliance entsponnen, die ebenfalls schon ihre guten Früchte, das heisst Kinder, getragen hat. Da die Lene immer zur Aushülfe herbeigeholt wurde, ja offne grosse Rollen übernehmen musste, so hat in einigen der älteste Sohn Bellmann sie so reizend gefunden, dass er sie in einer mondhellen Nacht entführte, und sie nach zwei Tagen als angetraute Gattin in das Haus seines Vaters zurückbrachte. Der verwilderte Schulmeister hat seitdem immer die allerwichtigsten Rollen gespielt, und erkennt kaum den grossen Ehrenberg für seinen Nebenbuhler. Er hat sich Stiefeln machen lassen, von solcher Künstlichkeit, dass man jetzt sein hölzernes Stelzbein gar nicht mehr gewahr wird, und so hat er zum Erstaunen der Welt den Kaspar den Torringer, sowie den Otto von Wittelsbach, und selbst den König Philipp im Don Carlos dargestellt. Die Edelleute, die ihn beschützen und bewundern, sind in den Narren so vernarrt, dass er jetzt wie ein Bruder mit ihnen lebt. Da er sein Schulamt ganz versäumte, bekam er anfangs oft Verweise, manches Mal selbst scharfe, dann Drohungen, und endlich, weil nichts fruchtete, hat man ihn abgesetzt. Der Adel der Provinz hat aber für den grossen Mann eine Subskription eröffnet, so dass er sich jetzt viel besser, als bei seiner Schule steht. Nun dirigiert er mit Ehrenberg bei Dülmen, Bellmann, der Freifrau und einigen anderen Edelleuten das Teater und unterrichtet die wissbegierige Jugend im Spiel. Auch der Verwalter Lenz hat, voll Begeisterung, die Ökonomie aufgegeben, und ist seiner schönen stimme wegen jetzt Tenorist bei einem grossen, namhaften Teater. Ich wünsche diesem lieben Mann von Herzen Glück und eine fernere Ausbildung seines schönen Talentes."
"Freilich", sagte Leonhard, "ist dein gutgemeinter Scherz zu einer ziemlichen Verwilderung ausgeartet. So geht es aber oft im Leben, und es ist eine gute Andeutung oder Allegorie für die geschichte der deutschen Kunst. Es wäre eigentlich nicht uneben, wenn ein guter Kopf die Historie unserer wirklichen deutschen Bühne beschriebe, und uns zeigte, dass es dort eigentlich ebenso hergegangen sei. Zettel hat ja doch eigentlich bei uns über Sommernacht, Elfen, Fürsten und Herren, und die ganze anmassliche Aristokratie den Sieg davongetragen."
"Er ist aber selbst Aristokrat", wandte Elsheim lachend ein, "und seine Kameraden erkennen ihn als den besten; müsste er nur nicht eigentlich von dem ganz unfähigen Mondschein verdrängt werden?
Nun aber", fing Elsheim nach einer Pause wieder an, "habe ich dir so viel gebeichtet, und deiner Neugierde genuggetan – doch du – wie ist es dir denn ergangen? Wo bist du damals geblieben? Wie kommt es, dass ich dich so verändert, und zu deinem Vorteil verwandelt, wiedertreffe? Nun sprich auch einige gescheite Worte, um mich darüber aufzuklären."
"Wie gern", sagte Leonhard. "Du musstest, um der Liebe zu Albertinen fähig zu werden, dich in Charlotten vergaffen, und so