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lass uns darüber sprechen", sagte Leonhard, "es ist spät." Und die beiden Freunde trennten sich. Am folgenden Tage ass Leonhard zu Mittag bei seinem Freunde Elsheim, obgleich erst einiger Streit vorangegangen war, weil Leonhard nur höchst ungern seine Lebensweise, selbst dem Freunde zu Gefallen, änderte. Elsheim hatte keine anderen Gäste, und als sich Albertine entfernt hatte, begann zwischen den beiden Freunden wieder folgendes Gespräch, die vormaligen begebenheiten betreffend.

"Du bist mir gestern noch manches schuldig geblieben", fing Leonhard an, "und so will ich denn auch gegen dich, Geliebter, keine Scheu tragen, und frage dreist: Was ist aus Charlotten geworden?"

"Ja, ja", antwortete der Baron, "es ist ganz recht von uns, und geziemt unserer Dankbarkeit, dass wir einer solchen Schönheit nicht vergessen. Dieses wunderbare Wesen, ja, Freund, sie ist noch immer schön, aber sie hat ihre Bahn, die ihr vielleicht am besten geziemte, auf eine seltsame Weise verlassen.

Mochte sie es überdrüssig sein, so allein und einzeln zu bleiben da sie alles um sie her sich verheiraten sah, hatten die Virtuosen, die nun abgereiset waren, ihre letzten Liebhaber, als leichtsinnige Musiker ihr Verdruss gemacht, und vielleicht ihrem Ruf geschadet, genug, sie nahm sich vor, sich ebenfalls zu verheiraten, um als ehrsame Frau, unter dem Schilde ihres Eheherrn, alle Verleumdungen und nachteiligen Gerüchte niederzuschlagen, und da ihr nichts missrät, was sie ernstaft will, so war sie denn auch schon nach vier Wochen, zum Erstaunen der ganzen Nachbarschaft, eine ehrbare und unbescholtene Hausfrau."

"Und wen hat sie geehlicht?" fragte Leonhard in gespannter Erwartung.

Elsheim antwortete lächelnd: "Der gute Mannlich ist von ihr geheiratet worden, denn einen monat vorher war es ihm wohl noch nicht als möglich erschienen, dass ihn dies Schicksal betreffen könne. Aber er ist glücklich mit ihr, sie ist es mit ihm, und wer kann dann noch etwas Erhebliches gegen diese Verbindung sagen? Seit zwei Monaten ist er auch Vater eines Knaben, und er weiss es schon jetzt genau, wie er diesen erziehen will, und welche Talente sich in dem kind entwickeln werden. Sie ist völlig umgewandelt, wenn man den Ausdruck von einem Wesen brauchen darf, welches niemals einen Charakter hatte. Sie hat sich nämlich der Frömmigkeit ergeben, Mannlich hat nachfolgen müssen, und steht jetzt mit den MissionsGesellschaften und anderen frommchristlichen Brüderschaften in Korrespondenz und enger Verbindung. Er ist, von ihr angetrieben, so eifrig geworden, dass er oft auf seinem Gute fromme Konventikeln hält; er predigt, sie singt, Bauern und Dienstboten helfen, und sein eigener Kutscher schreit bei offenen Fenstern so laut, dass sie es oft, wenn der Wind so steht, auf dem nächsten Gut vernehmen."

"Und das Komödienspiel? Und Berlichingen? Und Goete?" fragte Leonhard.

"Alles das", sagte Elsheim, "ist jetzt die allergrösste Sünde und Bosheit, die der Teufel in persönlicher Gestalt auf der Erde eingeführt hat. Alle Poesie, die geistliche abgerechnet, ist abscheulich; alle, die sich daran erfreuen, sind ewig verdammt, und kommen mit Shakespeare, Raffael, Lessing, vorzüglich aber mit Goete, wenn der einmal stirbt, in ein und denselben Schwefelpfuhl."

"Ist es möglich", rief Leonhard im höchsten Erstaunen, "dass diese Menschen, gerade diese, sich von ihrer ersten Bahn so weitab verirren konnten?"

Elsheim sagte: "Gerade diese am ersten, Freund, denn in ihnen ist kein Widerhalt, keine Sperrung und kein Hemmschuh, der dem Laufe abwärts irgend entgegenwirkte. Ich sagte ihr einmal: 'Schöne Frau, Sie sind noch viel zu jung und reizend, um jetzt schon mit dem Heiland zu kokettieren, der bleibt Ihnen für alle Zukunft gewiss, nehmen Sie doch fürs erste noch einige junge Fäntchen in Anspruch, die nichts Besseres wünschen, als von Ihnen aus dem Groben gebildet zu werden'; – aberich wurde mit meiner Sündhaftigkeit, falschem Witz, Arroganz und Übermut von der Frommen schön abgeführt und zur Ruhe verwiesen, so dass ich es nicht zum zweitenmal wagte, sie in ihrem Glauben irremachen zu wollen."

Leonhard war nachdenklich geworden; dann sagte er: "Erinnerst du dich der schönen, bedeutenden Worte Otellos, als er schon alle Schandtaten seiner Frau erfahren hat und sie glaubt als er schon ihren Tod beschlossen hat, wie er immer wieder von seiner Liebe und ihrer Schönheit überwältigt ausruft: 'Aber, es ist doch schade! Jago, es ist schade, – Wie soll man die Schönheit künftig anbeten, da auch diese ein solches Ende genommen hat?'"

"Ja wohl", antwortete Elsheim, "denn sie war schön und ist es noch. Lange noch wird sie es bleiben, und man muss sich nur darüber am meisten verwundern, dass diejenige, die sonst das Netz nach allen Männern auswarf, nun so prüde und zurückgezogen lebt, und so strenge ist, dass sie auch nicht den unschuldigsten Scherz, auch die harmloseste Leichtfertigkeit nicht duldet. Albertine ist jetzt, mit ihr verglichen, ein ausgelassener Freigeist."

"War dies denn nun auch", sagte Leonhard, "im Buch des Schicksals so niedergeschrieben, oder ist es eine willkürliche Sündhaftigkeit, schlimmer als die vorige?"

"Mag es sein, wie es will", erwiderte Elsheim, "