was diese an mir, den Leichtsinn, eine gewisse Frechheit, von der ich nichts wusste, und dergleichen mehr, aussetzte. Bei dieser gelegenheit, Freund, wurde nun dein Lob in allen Tönen gesungen. Du warst Albertinen das Muster eines Mannes, diese Kindlichkeit fehlte mir, sowie diese Unschuld, eine gewisse Redlichkeit und dergleichen Haupttugenden mehr, so dass die Kleine auch früher den irrigen Glauben gehegt hatte, Albertine sei sterblich in dich verliebt. Jetzt teilte sie Emmrichs Meinung, dass sie von einer leidenschaft gegen einen Undankbaren schon früher sei verzehrt worden, dessen Unart und Frivolität, dessen Verliebteit in Charlotten, sowie manche Tollheiten, sie immerdar tief verletzten.
Wie gern wollte ich ihr jetzt alle diese Leiden vergüten. Aber sie wich mir aus, sie vermied mich, soviel sie es irgend konnte. Oft musste ich glauben, dass ihr mein Wesen wirklich unerträglich sei, und dies brachte mich in meiner überspannten Empfindung gar oft der Verzweiflung nahe. In manchen Stunden fiel mir ein, ich wollte fortreisen, und in fernen Ländern, unter anderm Himmelsstrich, mein Gemüt und meine Heiterkeit wiederzufinden suchen. Ein blick, der etwas freundlicher schien, bannte mich dann wieder in ihre Nähe, und versöhnte mich auf lange mit mir selbst. – Doch, wozu die Freuden und Leiden, die Schwankungen meines Gefühls dir schildern? – Ich sah wohl, wie aufmerksam sie mich prüfte, wie scharf sie mich aus der Ferne, auch wenn sie mit andern lebhaft sprach, beobachtete. Selbst Dorotea machte mir von Zeit zu Zeit einige Hoffnungen, sie meine, ich werde geliebt, nur klagte sie darüber, dass die sonst so zärtliche Freundin sich seit einiger Zeit auch von ihr zurückzöge, und gegen sie verschlossener sei, als jemals.
Wir hatten an einem der schönen Herbsttage einen gemeinschaftlichen Spaziergang in jenen schönen Buchenwald gemacht in welchem du dich auch einmal verirrtest. Ich führte Albertinen, Emmrich ging mit Doroteen, der begünstigte Bassist mit Charlotten. Dieser zündete mitten im wald ein Feuer an, und Dorotea kochte mit hülfe Charlottens den Kaffee in der grünen Wildnis; sie hatten spassend die Geschirre und allen Bedarf in ihren Körbchen mitgenommen. So veranstaltete sich unvermutet ein kleines ländliches fest, und es nahm sich artig aus, wie die rote Flamme, die in dem dürren Reisig hoch aufloderte, die Stämme und die belaubten Zweige der Buchen färbte. nachher spazierte man noch, weit vom Wege ab, rechts und links. Endlich waren wir denn auch völlig verirrt, denn keiner hatte in seinen lebhaften Gesprächen auf den Weg geachtet. Der Bassist schrie laut, aber vergeblich, von nirgendher eine Antwort. Wir fürchteten endlich, die Nacht könne uns überraschen, und wie es in solchen Fällen wohl zu geschehen pflegt, alle strengten sich an, um etwas zu ersinnen, dessen Gelingen immer noch misslich blieb. Emmrich lief mit Dorotea fort, um Menschen aufzusuchen, der Bassist und Charlotte in derselben Absicht nach einer andern Richtung. Diese fingierten den Rettungsversuch vielleicht nur, um sich noch mehr zu verirren. Man hörte die vier verschiedenen Stimmen noch ein Weilchen, endlich verhallten alle, und ich war mit der schüchternen Albertine ganz allein. Es war einer der seligen Augenblicke unsers Daseins, denn jetzt bekannte sie mir ihre schon längst gehegte Liebe. Den ersten heiligen Kuss, den ich auf ihre Lippen drückte, erwiderte sie herzinnig. So erschüttert, begeistert, zitternd, wagte ich es, damit sie mich ganz kenne, das Geständnis, dass ich mich von Charlotten habe verleiten lassen, meinem bessern Gefühl, der Heiligkeit der Liebe, ungetreu zu werden. O Leonhard, da lächelte sie über meine Heftigkeit, oder Übereilung, wie soll ich es nennen? so milde, so lieblich und herzerobernd, und sagte: 'O Liebster, diese deine Sünde ist mir längst bekannt; ohne dass ich es begehrte, hat mir die plauderhafte Lene dies alles schon damals erzählt, als du noch nach jener Hütte eiltest.' – O Herzensfreund, wie war ich gedemütigt und entzückt zugleich! denn niemals, in keinem Augenblick, hat sie dieser Charlotte ihren Zorn, oder nur ihre Unzufriedenheit merken lassen, sowenig sie ihr gefallen konnte, sosehr jene sie auch verletzte und kränkte. Ja, an einem Tage, als Charlotte an Migraine litt, und alle, Dorotea, die Tante und meine Mutter über Land gefahren waren, hat sie sie christlich gepflegt, ihr vorgelesen, sie gewartet, und niemals das kleinste Zeichen gegeben, dass sie von ihr mehr wüsste, oder von ihr gekränkt sei. Oh, wie tief war ich gedemütigt, wie grausam beschämt! Aber wie wuchs auch seit diesem Augenblick meine Liebe und Verehrung zu diesem einzigen Wesen!
Ja, es ist mir so gut geworden, wie ich es mir immer wünschte. Diese stille Laube, dieser Platz im wilden wald, jede Stelle wo ich mit ihr wandelte, die Bäume, an denen ich stand, und sie erwartete, alle diese Plätze sind mir Heiligtümer geworden, und werden mich noch im hohen Alter prophetisch anreden, und mich mit unsterblichem Zauber locken. Dort also ist mein Orient und mein Wunderland. Und glaubst du wohl, Freund, dass, seit Albertine meine Gattin ist, ich in gewissem Sinn verliebter binn als vorher? Aber Eros hat mir auch ein neues Herz in meinem Busen geschaffen, in bin ein anderer Mensch geworden. – Doch, Liebster, warum haben wir den alten Magister heute nicht gesehen?"
"Morgen