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und Fluren, dass ich dich jetzt schon hatte abreisen lassen, obgleich mich damals dein Abschied erfreute, und deine Reise mir einen Stein vom Herzen nahm. Noch zu einigen Zusammenkünften fand ich mich ein in jenem einsamen Häuschen dort am Buchenwalde; aber der Zauber, der mich so golden umsponnen hatte, war zerbrochen und zerrissen, wie von Armida oder Alcinda war die Täuschung abgefallen, und wenn man unter diesen Gefühlen erwacht, so ist die Wirklichkeit gar zu arm und nüchtern, weil der Traum zu wonnereich war.

Emmrich hatte es durch seinen Entusiasmus dennoch möglich gemacht, dass wir Shakespeare 'Wie es euch gefällt' aufführen konnten. Statt deiner, wie er es erst willens war, musste ich nun jenen kindlichen, ungebildeten und in seiner Natürlichkeit so braven und edlen Orlando spielen. In den Liebeszenen, welche Albertine so heiter und lieblich gab, fiel es mir jetzt erst auf, wie schön dies Wesen sei, wie edel gebaut, welche Töne in ihrer Brust wohnten, mit welchem Gefühl sie sprach. Da wirkte eine frühere Ermahnung Emmrichs nach, und seine Worte fielen mit neuer Kraft auf mein Herz, wie ich mich eine Zeitlang wirklich ungezogen gegen sie betragen hatte. Ich erschien mir wie ein alberner Knabe, dass ich, um meiner guten Mutter nur zu widersprechen, mich so willkürlich gegen alle Vorzüge dieses Mädchens verblendet hatte. Ich kam ihr näher, war freundlicher, redete sie nach beendigtem Stück fast mit Zärtlichkeit an, und niemals, niemals werde ich den blick vergessen können, mit welchem sie mich ansah. Wie soll, wie kann ich ihn beschreiben? Er drang mir durch Mark und Bein. Ein zarter, holder Vorwurf lag darin, ein unendliches Mitleid mit mir, dass ich sie habe verkennen mögen, und doch ein unsäglicher Schmerz ihres eignen Herzens; es war als wenn der blick sagen und mit holdseliger Bitterkeit fragen wollte: Endlich? – Sie wendete sich dann plötzlich ab, und eilte in ihr Zimmer, um sich umzukleiden.

Von dieser Stunde an folgte ich ihren Schritten, und hatte jetzt, im buchstäblichen verstand, Charlotten völlig vergessen. Diese trieb schon seit einigen Tagen ihr Wesen mit den Virtuosen, was mich gar nicht mehr interessierte; aber unser kleiner Cadet wollte wahnsinnig werden, und es war hohe Zeit, ihn in seine Anstalt zurückzusenden. Meine sehnsucht nach Albertinen, meine Bewunderung ihrer Schönheit, dass ich sie immerdar vermisste, und ihre Gegenwart suchte, alles dies wuchs mit jedem Tage. In einer schlaflosen Nacht musste ich es mir bekennen, dass es Liebe sei, was mich so quäle und doch peinigend beselige. sonderbar! ich hatte nicht den Mut, ihr dies Gefühl zu gestehen, obgleich ich jetzt schon Emmrichs Worten glaubte, dass die Holdseligste eine leidenschaft für mich empfinde. Endlich, in jener abgelegenen Gartenlaube, wo ich sie einmal allein antraf, wagte ich es. 'Wie, Vetter!' rief sie aus, und ihre wunderschöne stimme zitterte im klingenden Silber vor tiefer Bewegung: 'dies sagen Sie mir? Und es kann Ihr Ernst sein? Woran soll ich das erkennen?'

'An diesen stürzenden Tränen', rief ich, indem ich zu ihren Füssen niedersank. 'Stehen Sie auf!' sagte sie ängstlich, 'es könnte uns jemand überraschen.' Ich setzte mich zu ihr, sprach, bewies, forderte, wünschte und flehte; sie aber sah schweigend vor sich nieder, und erhob nur von Zeit zu Zeit das schöne Haupt, um mir scharf in die Augen zu sehen. Sie schien mit sich zu kämpfen, sie sann über Gedanken, die sie aussprechen möchte, sie stritt mit Gefühlenendlich sagte sie; 'Und wenn ich nun an Ihre Liebe glaube, wie Sie es nennen? Die leidenschaft nehme ich wahr; stammt diese aber auch aus jenem Quell, den ich Liebe nennen möchte? Und selbst, wenn ich Ihnen glauben wollte, kann ich Ihnen jetzt noch keine Antwort geben. Doch, ich erscheine Ihnen, der Sie ganz andere Forderungen machen, vielleicht altklug, oder gar prude. Nur eins versprechen Sie mir: sagen Sie von dem, was Sie jetzt so heftig zu wünschen scheinen, auch kein Wort Ihrer Mutter. Sie wissen wohl, welche Pläne sie einst hatte, und ich möchte in dieser Sache von niemand, auch dem Besten nicht, überredet werden. Vieles, ach! vieles muss überdies noch anders werden.' – Mit diesen Worten entfernte sie sich, nachdem ich ihre Hand, die sie mir freundlich überliess, heftig geküsst hatte.

Man wird oft schlimmer, indem man besser wird. Mein Gemüt war erhoben, ich hatte vieles in mir überwunden, was ich jetzt niedrig nennen musste, und doch nahm ich jetzt planvoll zur List meine Zuflucht, die ich noch vor wenigen Wochen würde verachtet haben. Ich suchte mir nämlich die kleine Dorotea zu gewinnen, und dieser ein unbedingtes Zutrauen einzuflössen. Das war bei dem guten lieben kind nicht gar schwer, obgleich sie mich oft gescholten, oder mir auch empfindliche Wahrheiten gesagt hatte; mein nekkender Ton war ihr oft zuwider gewesen und sie hatte sehr oft geäussert, kein Mensch könne Zutrauen zu mir fassen. Wie es mir also gelang, sie recht treuherzig zu machen, entdeckte ich ihr den Zustand meines Gemüts, und da sie überzeugt war, es sei mein Ernst, versprach sie mir alle hülfe, und wiederholte mir manche gespräche, die sie mit Albertinen geführt hatte, und