leisten, der, obgleich erst ein Jahr alt, schon redete, und gern mit seiner Freundin spielte und scherzte.
Beim Mahle war man herzlich froh, und Albertine und Friedrike sagten sich die freundlichsten Worte. Es war vorauszusehen, dass sie in Zukunft vertraut und einander unentbehrlich sein würden. Froher, als gewöhnlich, zeigte sich der Professor, denn er sah Albertinen schöner, als je; alle seine Wunsche für sie waren in Erfüllung gegangen. Auch er fand den jungen Baron ernster, aber edler, und man sprach viel darüber, wie man im schönsten Freundesverein den Sommer zubringen, wie man sich im Winter gemeinsam beschäftigen wolle, was man miteinander lesen, welche Spaziergänge man machen könne. Elsheim gab selbst der Hoffnung Raum, dass sein Freund mit Frau und Kind doch noch einmal sein Gut an der fränkischen Grenze wieder besuchen könne.
Friedrike begab sich, da sie sich etwas angegriffen fühlte, früher zur Ruhe, und Emmrich geleitete Albertinen nach haus; froh und dankbar verliess Krummschuh die Gesellschaft, und Leonhard und Elsheim befanden sich nun allein miteinander in jener stube und an dem runden Tisch, an welchem ihnen vor beinahe drei Jahren der alte Magister seine geschichte erzählt hatte.
Die beiden jungen rüstigen Männer reichten sich die hände, und sahen sich mit dem blick der reinen und festen Freundschaft an. "Liebster Bruder", fing Leonhard an, "du bist wahrhaft glücklich, nicht zum Beneiden, wie man sich immer ausdrückt, denn ich glaube, ich bin es nicht weniger; aber noch immer begreife ich es nicht, wie du dahin gelangt bist. Deiner Briefe waren so wenige, immer nur einige Zeilen, anfangs verdrüsslich, dann zurückhaltend, dann blieben sie einmal ganz aus, dann ward mir kurz deine Vermählung, und nach zehn oder elf Monaten die Geburt deines Kindes gemeldet- und so bin ich mit dir ohne historischen Zusammenhang: unsere Herzen sind eins, aber ich habe dich und dein Schicksal nicht begriffen. Vielleicht kannst du mir jetzt, in dieser traulichen Stunde, hierüber näheren Aufschluss geben."
Elsheim lachte herzlich und sagte: "Liebster, wenn ich verdrüsslich bin, schreibe ich ungern Briefe, noch viel weniger aber, wenn ich mich recht glücklich fühle. Ach, und in jenen Tagen, da sich mir das Paradies der Liebe öffnete, wie hätte ich da Worte suchen mögen, wo hätte ich sie auch finden können, dir meine Seligkeit mitzuteilen! Sehen wir uns, sprechen wir uns doch jetzt; warst du es doch selbst, der zuerst den seltenen hohen Wert Albertinens erkannte, als ich noch in meiner Verblendung herumlief und nach Wolkenschatten haschte."
Er wurde ernst und fuhr fort: "Immerdar habe ich an jene gespräche denken müssen, die wir auf der Reise miteinander führten. Wer kennt das Leben, wer sich, oder andere Menschen? Auch wer klar zu sein glaubt, fällt wiederum in das Trübe, Widersprechende und Unzusammenhängende, und diese Verirrung war vielleicht notwendig, damit man sich jenseits vollständiger wieder antreffen möchte. Es gibt so viele Romane und Erzählungen, vieles ist geistreich, manches davon gehört zu den Kunstwerken; aber, so viel ich nun auch weiss, ist jenes Tema noch niemals, oder mit wahrer Menschenkenntnis durchgeführt worden. Ja, Freund, dieser Rausch und diese seltsame leidenschaft für jene reizende Charlotte, die mich eine Zeitlang mir selbst entführte, war zu meinem Leben, die Befriedigung derselben zu meiner Ruhe und meinem Glücke notwendig. Wie schön jenes Wesen ist, welche Gewalt sie über die Sinne und den taumelnden Geist ausüben kann, hast du ja selbst erfahren. Die Menschen brauchen immer das Wort Liebe, und sie wissen selbst nicht, was sie damit ausdrücken wollen. Jene Idealisten nun gar, die sie ohne Gestalt und Farbe malen wollen, und nur die Vernichtung des Gemüts und der leidenschaft darstellen können! In jedem Menschen, in jeder Situation, in jeder Rede und jedem blick ist die Liebe, wenn sie wirklich da ist, ein anderes Wesen, ein neues, originelles Individuum, und darum ist dies Tema für den Dichter so unerschöpflich, wenn er ein echter Dichter ist. So liebt ich Charlotten ungestüm, fast wahnsinnig, und ich habe dir schon damals gestanden, wie mich die Eifersucht peinigte, neben dem sonderbaren Kontrast, dass ich dies verführerische Wesen nicht achten, und noch weniger ehren konnte. Sah ich doch täglich ihre Unwahrheit und Verstellung, wie sie nur dem Augenblick lebte, und selbst, wenn sie gewollt hätte, unfähig war, im Geliebten den edlen Menschen zu achten. Und doch war diese ewige Lüge ihrem Leben und selbständigen geist keine Unwahrheit: denn nur so, wie sie war, war ihr Witz, ihre Schalkheit, ihr Beherrschen der Menschen möglich. Dass alles Ehrbare, Echte, wahrhaft Menschliche und Treue ihr unzugänglich war, goss diesen wundersamen Zauber über sie, welcher unsere noch jugendlich frischen Herzen so sonderbar berauschte. Hätte man sie achten können oder ehren müssen, so konnte man sie nicht mehr lieben. Aber auch einzig sie konnte diesen Wollustrausch, diesen feinen und seelenbetäubenden Wonnedurst erregen und befriedigen. Du hast dies ebenfalls erlebt, ein anderer würde mich vielleicht nicht verstehen.
Als meine Seele und meine Sinne nun befriedigt worden, als ich das Glück genossen hatte, welches mir damals das höchste, wenigstens ein unerlassliches erschien: wie war nun mein Gefühl? Meine erste Besonnenheit war, dass ich dich, Geliebtester, unendlich vermisste; ich klagte es buchstäblich den Wäldern