. Wassermann hatte nur wenige und sehr entfernte Verwandte. Diese wohnten in der Würzburgischen Stadt, in welcher Wassermann seine Häuser besessen hatte. In Bamberg war ein Testament niedergelegt, in welchem der reiche Wüstling Kunigunden und ihren Eltern und Verwandten sein ganzes Vermögen vermachte. Die Ehe aber war nicht vollzogen worden. Leonhard reisete mit dem wackern Rechtsgelehrten, der sich der Sache mit grossem Eifer annahm, nach jenem Städtchen. Die Nachrichten und Beweise von Wassermanns tod waren seitdem auch vom Nürnberger Magistrate eingesendet worden. Mit den Verwandten, welche gar nichts von dem Vermögen des entfernten Vetters erwartet hatten, war bald ein billiger Vergleich geschlossen, und alle waren zufriedengestellt. So konnte der grösste teil der Verlassenschaft Kunigunden und den Ihrigen zugesprochen werden, was um so erwünschter war, da nun eine jüngere Schwester ihren Bräutigam heiraten und mit diesem eine Wirtschaft anfangen konnte. Kunigunde hatte auch noch die Freude, dass ein Bruder von seiner vieljährigen Wanderschaft zurückkam. Diesem war sie mehrere Meilen in der Freude ihres Herzens, als die Nachricht eintraf, heftig, wie sie war, entgegengegangen. Dies begab sich in den Tagen, als Leonhard nach jener Würzburgischen Stadt gereiset war. Dieser junge, brave Mann konnte sich nun als Schmied in Bamberg, oder auf einem dorf niederlassen. Die Alten im Gefühl ihres Glücks, waren voll Freude und Dankbarkeit gegen Leonhard, der ihnen mit Aufopferung von Zeit, Geld und Mühe hauptsächlich zu diesen Herrlichkeiten verholfen hatte. Mit welchen Augen die glückliche Kunigunde ihren Liebling betrachtete, ist leicht zu ermessen. – Und wie glücklich und unglücklich war er selbst in diesen Tagen, die so reich an begebenheiten, Freuden und Schmerzen waren!
Siebenter Abschnitt
Die ersten schönen Frühlingstage waren wieder gekommen. Mehr als zwei Jahre waren verflossen, seitdem Leonhard in seine Heimat zurückgekehrt war. Immer hatte er auf seinen Freund Elsheim gehofft, dieser aber ward durch eine unerwartet eingetretene bedeutende Krankheit seiner Mutter auf jenem fern liegenden Gute zurückgehalten. Es schien dem jungen Mann Sünde, die letzten Lebenstage seiner teuren Mutter, deren einziges Glück er war, nicht zu erheitern, und so war es natürlich, da sich keine Hoffnung zur Genesung zeigte, dass er ihren Tod abwartete, der erst bei der Annäherung des Frühlungs erfolgte. Er hatte ihr noch die Freude machen können, ihren längst gehegten Wunsch zu erfüllen, dass er sich nämlich mit Albertinen vermählte. Ein Enkelchen, einen Knaben, hatte die alte Frau auch noch vor ihrem Hinscheiden gesehen, und so starb sie denn froh und zufrieden, da sie den einzigen Sohn glücklich wusste.
Elsheim hatte in dem langen Zeitraume nur selten geschrieben; auch waren seine Briefe nur kurz und flüchtig, so dass Leonhard diese Vorfälle nur summarisch erfahren hatte, ohne die Motive und Veranlassungen näher zu kennen.
Jetzt aber war Elsheim mit Frau und Kind angekommen; Dorotea, die sich von ihrer innigst geliebten Freundin nicht trennen wollte, war mit ihnen; der Knabe, welcher, zu Ehren Leonhards, Wilhelm getauft worden war, befand sich wohl und munter, und so waren alle zugegen, die Leonhard als Taufzeugen für sein Töchterchen schon ziemlich lange erwartet hatte.
Elsheim, welcher einige Tage früher ankam, war nicht wenig erfreut und überrascht, seinen Freund so glücklich und heiter zu finden; jenes sinnige Nachdenken, das ihn sonst oft in den heitersten Stunden überraschte, und welches zuweilen in ein finsteres Träumen ausartete, schien völlig von ihm gewichen zu sein. Er war so natürlich froh, so ganz in sich befriedigt, so völlig Mann geworden, dass Elsheim im wahren und festgegründeten Glücke seines Freundes sich selber glücklich fühlte. So war auch seine Gattin, Friedrike, noch selbständiger, als ehemals. Da man die Taufe bis zur Ankunft der Freunde aufgeschoben, so konnte die junge Mutter schon wieder aus dem Bette sein. Es war natürlich, dass die beiden Eheleute, denen jetzt zum erstenmal ein Kind geschenkt war, sich liebender erwiesen, dass der Mann der Frau zärtlich und schonend begegnete; aber der scharfsichtige Elsheim erblickte in dieser wechselseitigen Hingebung noch etwas Innigeres, welches er nicht ganz verstand, jedoch bald einmal die Erklärung desselben von seinem Freunde zu hören hoffte.
War Elsheim verwundert, so erstaunte Leonhard in einem weit höheren Grade über die Verwandlung des baron. Jene Munterkeit, die ihn so liebenswürdig machte, war ihm geblieben, ja, man konnte sagen, sie war erhöht, aber gewissermassen geläutert und verklärt; denn jenes Schroffe und Herbe, was den Freund in manchen Augenblicken der Übertreibung wegen gestört hatte, war Leichtigkeit und Anmut geworden. Wenn Leonhard es hätte beschreiben sollen, würde er vielleicht gesagt haben, das Wesen seines glücklichen Freundes sei jungfräulicher, unschuldiger geworden; denn, dass er glücklich sei, zeigte sich in jedem blick und jeder Miene. Friedrike war sehr vergnügt darüber, die Freunde nach einem so langen Zwischenraum wiedervereinigt zu sehen, und zeigte nichts von jener Empfindlichkeit oder Eifersucht, durch welche Leonhard in früherer Zeit sich wohl verletzt fühlen mochte.
Das fest der Taufe war heiter, und alle erfreuten sich der schönen Aussicht, welche die Zukunft verhiess. Albertine, nach welcher das Töchterchen genannt wurde, hielt es bei der religiösen Zeremonie; Elsheim war zugegen, sowie der Professor Emmrich der sich schon seit einem Jahr in dieser Stadt niedergelassen hatte. Zugleich war der kleine Tischlermeister Krummschuh eingeladen, der sich sehr geehrt fühlte, dass er mit so vornehmen Leuten an dem Feste teilnehmen sollte. Die kleine fröhliche Dorotea war zurückgeblieben, um dem kleinen Wilhelm Gesellschaft zu