zu lang, so ist mein Leben ja doch ein schönes gewesen."
Er sah sie jetzt im Tagesschein, und ihm dünkte, es sei in ihrer Schöne etwas Überirdisches, Verklärtes. Wie er ihr in das Auge sah, ward dessen Bläue wie vergeistigt, und er fuhr zurück vor dem Überschwang der Liebe, der ihn aus diesen Sternen anblickte.
"Ja, du bleibst vielleicht mehr als zehn Stunden", sprach sie dann nachdenklich, "bis er kommt, der uns trennt."
"Wen meinst du?" fragte Leonhard.
"Weisst du es denn nicht, o gewiss! dass ich Braut bin? Mein künftiger Mann, der Schreckliche! Ach, Liebster, bei alledem ist das menschliche Leben fürchterlich!"
Sie sank laut weinend an seine Brust. "Oh, meine Eltern", sagte sie dann, "haben seitdem viel Elend überstanden; sie sind ganz arm geworden; diesem Leiden trat noch eine schmerzhafte Krankheit des Vaters hinzu. Seit ich dich kennengelernt, wollte ich gar nicht heiraten, und das brachte meine Eltern zur Verzweiflung; denn es hatten sich manche junge und reiche Leute gemeldet, die über unser Elend hinwegsehen wollten. Ach! Leonhard, du kannst dir nicht denken, du Glücklicher, wie es das Herz zerreisst, wenn man den Jammer sieht, die sorge, die Angst der Alten um jeden Groschen, der geschafft oder verwandt werden soll. Daneben die lauten, und noch schlimmer die stummen Vorwürfe, die Blicke einer Mutter, die nach hülfe schmachten. Und nun hat man es in der Hand, mit einem Wort, mit einer einzigen kleinen Silbe zu helfen, dieselben Eltern wieder glücklich zu machen, die Blut und Leben in der Kindheit für uns hingegeben hätten; nun fallen einem alle die Blicke und Küsse ein, die teure Sorgfalt in Krankheit, wie oft sie sich selbst am mund absparten, um dem kind Freude zu machen, um ihm Arzenei zu verschaffen, um ihm ein Spielzeug zu kaufen. Und ebenso war es schon vorher, lange vorher, ehe man denken und sich erinnern kann; dieser mütterliche Busen, der jetzt nach einem Labsal schmachtet, hat uns gesäugt; das tränende Auge hat über uns gewacht; – sieh, Liebster, man lässt sich endlich von Angst und Not, Liebe und Verzweiflung, und von der stimme eines Engels, der dazwischenspricht, bereden – und sagt dann das Ja, worüber die Alten aufjubeln, und einem danken, als wenn man sie vom tod gerettet hätte, wie es denn hier auch der Fall war – aber, Leonhard, ich hätte, um ihr Elend zu enden, nicht einen jener hübschen jungen Männer nehmen können – nicht wahr, das hätte dich noch mehr gekränkt? Und weiss ich doch nicht, ob du nicht auch schon längst verheiratet bist."
Leonhard sah trübe vor sich nieder und fragte dann: "Und wer ist dieser Auserwählte?"
"Du kennst ihn wohl", sagte sie; "ein Mensch, der dich hasst, der dich damals ermorden wollte." Als er wieder Witwer war machte er sich an uns, und bot seine hülfe an, weil er reich ist. Er setzte etwas darin, mich nicht aufzugeben, und so habe ich mich drein ergeben müssen. Jener hässliche Mensch ist es, mit dem du den Kampf damals ausfochtest.
"Der?" sagte Leonhard, "und er ist hier?"
"Ach nein! er ist auf Reisen, wie öfter, und das ist ein Glück. In acht Tagen etwa wird er zurückkommen. Er hat seitdem vielerlei begebenheiten erlebt, und späterhin auch einen andern Namen angenommen, seitdem ihn ein reicher Vetter in der Stadt zu sich nahm, und ihn zum Erben einsetzte. Dann ist er in Deutschland und auch auswärts herumgereiset und hat viele Weinberge und grosse Häuser drüben in einer benachbarten Stadt. Er hat meinen Eltern das grösste, bequemste Haus im dorf hier verschrieben und vermacht, auch Weinberge, Wiesewachs und Fluren und Triften. Ach, meine Alten sind seitdem so glücklich! Oben, am Ende des Dorfes wohnen sie auch in dem grossen haus. Hier habe ich mir in der lieben alten Häuslichkeit meine wohnung aufbewahrt, bis dahin wo das Schreckliche geschieht, und der Wassermann zurückkommt."
"Wassermann!" rief Leonhard höchst überrascht aus "– o der der kommt niemals wieder!" – Er erzählte der Erstaunten nun was sich in Nürnberg begeben hatte.
"Das ändert freilich alles", sagte sie nach langem Stillschweigen. Sie gingen hierauf, nachdem beide sich mehr gesammelt und Freude und Rührung überwunden hatten, nach dem grossen haus, zu den Eltern Kunigundens. Alles geriet hier über die Nachricht von Wassermanns tod in Bewegung. Man fragte dies und jenes, man verstand sich nicht; die Alten, die so lange vom Elend waren verfolgt worden, fürchteten, von neuem unglücklich zu werden, und dass man ihnen den kürzlich gewonnenen Besitz wieder entreissen könne. Leonhard tröstete und beruhigte sie. Er fühlte, was in solchen Bedrängnissen ein verständiger Freund den Unerfahrenen sein, wie hülfreich er ihnen werden könne. Jetzt war es ihm von neuem tröstlich, eine bedeutende Summe bei sich zu haben, weil ihm ahndete, dass er des baren Geldes um die Lage dieser Armen zu sichern, wohl bedürfen würde Statt der schönen Ruhe, von welcher er geträumt hatte, wurde er in eine unerwartete Tätigkeit geworfen. In Bamberg suchte er einen tüchtigen Rechtsgelehrten auf