verheiratet? hat sie Kinder? wird sie noch in Schönheit blühen, oder finde ich eine alte, abgelebte Frau in ihr? In diesem stand verschwindet ja die Jugend meist noch viel schneller, als bei jenen, die sich schonen können, die nicht der harten Arbeit unterworfen sind. Wenn sie noch lebt und die Ihrigen, so sind sie wahrscheinlich arm, und so kann ich dem Glücke danken, dass es mich gerade jetzt so sehr gesegnet hat, um ihnen helfen zu können.
Mit diesen Empfindungen trat er in die alte schöne Stadt ein. Er besuchte sogleich den ehrwürdigen Dom, dann zunächst die Plätze, die seine Phantasie geweiht hatte. Sodann verliess er die Stadt, um nach jenem dorf zu wallfahrten, denselben Weg, den er vor Jahren so oft betreten hatte. Er sah den kleinen Fluss wieder, und als er in die Gegend kam, wo er damals Kunigunden von jenem Rasenden befreite, als er dieselbe Anhöhe seitwärts im wald entdeckte, wo er Abschied von ihr genommen hatte: fühlte er sich so bewegt, zitterte er in Erschöpfung so heftig, dass er sich in dem wald verbarg, und sich weinend auf dieselbe Stelle niedersetzte. "Wie oft mag ihre stimme hier ertönt sein", sagte er; "hier mag sie geruht haben, um meiner in tiefer Wehmut zu gedenken." Die Blätter dufteten wie damals, und nach lauem Regen quoll wie damals ein Walddunst von unten empor; die stillen Bäume säuselten im sanften Winde, an ihren Stämmen glänzte gebrochen und geteilt der Schein der Sonne, und auf das falbe Laub des Bodens fiel der bewegte Schatten der Blätter, der ein Gatter bildete.
"Es muss sein!" rief Leonhard nach einer lange Pause, und raffte sich gewaltsam auf. "Ich muss dort die Zauberlinde sehen, unter welcher sie tanzte, das ganz abgelegene Wohnhaus, rundum von Busch und Baum umgeben, den ländlichen Garten, wo ich mit ihr Blumen aufband und Früchte pflückte, ich muss von ihr erfahren, und mein Herz dem eindringenden Schmerz eröffnen."
Er wandelte weiter, der Linde sowie einigen Hütten vorüber; kein Mensch begegnete ihm. Jetzt bog er seitwärts; noch funfzig Schritt, da sah er das Haus. Alles war still. Die Gattertür vorn war offen und nur angelehnt; auch dort blühten Malven, Astern und einige andere Herbstgewächse. Die Haustüre war nicht verschlossen, aber innen alles still, wie ausgestorben. Dann klinkte er die Tür auf, und war nun wieder in jener alten, so wohlbekannten stube, er um so viel älter geworden. Das dämmernde Licht, die kleinen Fenster, das Spinnrad in der Ecke, der hölzerne Tisch: alles noch wie damals, nichts verändert, aber die Menschen waren fort, es war wie ein Totenhaus. Er warf sich in den ledernen Armstuhl, in welchem der Alte immer zu sitzen pflegte, und überliess sich ganz seinen Träumen. Plötzlich sah er auf, und eine grosse, edle Gestalt trat durch die Tür; sie trug auf dem Kopf den Wasserkrug, und musste sich neigen, als sie hereinschritt. "Mein Gott!" rief Leonhard, "ist es möglich! Kunigunde!"
"O Leonhard, mein Leonhard!" rief sie mit dem freudigsten Ton, und beide stürzten einander in die arme; lange ruhte Brust an Brust. Als sie sich geküsst, geweint, gedrückt und wieder geküsst hatten, traten sie voneinander, und beide sahen sich verwundernd, lächelnd, beseligt an. "Himmel!" sagte Leonhard, "du bist schöner und grösser geworden, voller und im Ausdruck edler, wie eine Göttin der alten Fabelzeit stehst du vor mir; es ist ein Wunder mit dir geschehen, denn du bist nicht älter geworden, unter Tausenden hätte ich dich gleich wieder gekannt."
Sie lachte und sagte: "Älter, ja viel älter bin ich geworden, das versteht sich. Du siehst aber vornehmer aus, als damals, und noch verständiger! Ei! mein Leonhard, wie glücklich bin ich, dass du nun endlich einmal wieder da bist! Ich habe lange auf dich gewartet, aber ich wusste, und wusste es ganz gewiss, dass du kommen, jetzt, bald kommen musstest, kurz vor meinem tod, und da bist du ja nun auch wirklich."
"Du sterben", erwiderte Leonhard, "in dieser Fülle und Kraft der Gesundheit?"
"Ja, ja, mein Leonhard", sagte sie mit freundlichem lachen, "und es ist recht gut, dass es so ist. dafür und für alles danke ich dem Himmel. Kannst du denn eine Weile bei mir bleiben?"
"Einige Tage gewiss", erwiderte er, "vielleicht eine Woche, wenn es dir nur möglich ist, wenn dich nichts hindert."
"Komm in den Garten!" rief sie lebhaft, "dort setzen wir uns wieder hin, wo damals die Rosen so schön blühten; jene Zeit ist jetzt vorüber, aber diese Tage, in welchen du nun bei mir bleiben kannst, sind meine Rosenzeit – und dann das Grab."
Sie gingen in den heitern einsamen Garten hinaus, und setzten sich an jene Stelle. "Zehn Jahr", sagte sie dann, "habe ich auf dich gewartet; kann ich dir jetzt nur zehn Stunden in die lieben Augen sehen, und den Ton deiner stimme hören; – ach! so war die Zeit der Hoffnung ja nicht