1836_Tieck_097_135.txt

arme Menschheit!"

Noch von diesen Betrachtungen angefüllt, wollte er durch eine der Hauptstrassen dem Tore zuschreiten. Neben ihm ritt ein schlanker junger Offizier, der vor einem grossen haus, vor welchem ein Soldat schilderte, abstieg, und dem schläfrigen Reitknecht, welcher ihm gefolgt war, sein Ross übergab. Wahrscheinlich hatte der junge Krieger im haus seinem Vorgesetzten etwas zu melden. Der Bediente desselben hielt nun faul und halb schlafend das mutige Pferd, das nur ungern sich langsam auf und ab führen liess. Indem erhob sich in der nächsten Strasse ein Getümmel, und eine Menschenmasse, die aufgeregt lärmte, zeigte sich bald. Leonhard konnte dem Strome nicht ausweichen, wie er es gern getan hätte, denn Wassermann war wieder der Held dieses Triumphzuges. Man führte ihn vom Verhör zurück, und er war erhitzt und trunken. Die Polizei wollte ihn jetzt in sein Gefängnis zurückbringen; da er sich aber unterwegs schwach und ohnmächtig angestellt hatte, so waren die Diener des Gerichtes nachgebend genug gewesen, mit dem Klagenden in ein Weinhaus einzukehren, damit er sich nach dem Verdruss und der Erschöpfung wieder etwas stärken möge. Diese ungehörige Freundlichkeit hatte der Zornige aber in Übermut und Hast so gemissbraucht, dass er jetzt, völlig berauscht, indem er bald schrie, bald lallte, durch die Strassen geführt werden musste.

Jetzt sah er Leonhard, der sich an die Mauer drängte, um seinen Blicken zu entgehen. "Patron da!" schrie Wassermann, "sehen wir uns doch einmal wieder? Oh, ich habe ein gutes Gedächtnis, Eure Physiognomie ist mir bekannt. Jetzt haben mich freilich die Philister unter, und ich bin in Banden. – Lasst mich, ihr Häscher, oder was ihr seid, ein Wörtchen mit meinem vertrauten Freunde da, meinem Intimus sprechen! Er ist eine verliebte melancholische Seele, und kann hier an meiner Standhaftigkeit sich ein Exempel nehmen."

So drängte er sich zu Leonhard hin, auf welchen jetzt alle Blicke gerichtet waren. Indem dieser noch überlegte, wie er sich, dem Tollen gegenüber, vor so vielen Zuschauern benehmen solle, ward er auf eine sonderbare Weise von dieser Verlegenheit befreit. Mit Blitzesschnelle riss Wassermann dem träumenden Reitknecht die Zügel aus der Hand, und schwang sich, so trunken er war, kräftig und mit Sicherheit auf das Pferd des Offiziers. Sowie er im Sattel sass, schrie er laut und trieb das Ross zur Eile, das auch sogleich mit ihm durch die Menschenmasse brach, und im gestreckten Galopp die Strasse mit dem Jauchzenden hinunterrannte. Einen Augenblick war alles in Erstaunen; aber bald sammelten sich die Polizeidiener, und einer von diesen bestieg das Pferd des Reitknechts, um dem Flüchtigen nachzueilen. Die Jugend und alle Menschen, welche Neugier versammelt hatte, stürmten nun dort in die Strasse hinein, dem Flüchtigen nach.

"Er ist verrückt!" sagte ein anderer Polizeidiener; "wo kann er hin wollen?" Indem trat der junge Offizier wieder aus dem grossen haus, und war nicht wenig verwundert, keins von seinen beiden Pferden mehr anzutreffen. Die Erzählung des schläfrigen Reichtknechtes verhallte in dem Getümmel und dem Geschrei der Nachlaufenden, Fragenden und neu Hinzukommenden. "Ihm nach! nach!" schrien diejenigen, die mit der Polizei in die andere Gasse liefen. – "Wer ist es? Was?" andere. – "Ein grosser Räuber ist angekommen!" rief ein Bürgersmann dazwischen, "und den wollen sie jetzt fangen; er hat aber den Vorsprung! Wenn sie nur die Tore zumachen!" – Von einer anderen Seite hörte man rufen: "Ein fremder Courier! Was der wohl Neues bringe mag? Es muss sehr wichtig sein, denn er reitet ja wie toll und besessen."

Leonhard war mit den übrigen nachgegangen; das Getümmel und Schreien tönte nur noch aus der Ferne, aber das ganze Stadtviertel war in tumultuarischer Bewegung. – Nun ward es stiller, und nach einiger Zeit sah man jenen Polizeioffizianten zu Pferde, welcher das Ross des Lieutenants führte. Auf die Anfrage sagte dieser: "Er hat richtig den Hals gebrochen, der tolle Bösewicht; den Abhang dort hinunter, wo er im Carriere niedersprengte, ist er mit dem Pferde auf dem glatten Pflaster schrecklich hingestürzt, den Kopf gegen die Mauer geschmettert, und ist gleich tot geblieben: das sind die Folgen vom Saufen. Es ist nur abscheulich, dass wir noch Verdruss wegen des Übeltäters haben werden. Er konnte aber so schön bitten und so malade und elend tun."

Man hatte dort, in ziemlicher Entferung, den Toten in ein Haus gebracht, und bei der Untersuchung erklärte der Arzt, dass alle hülfe vergebens sei. Der Offizier war sehr erzürnt auf seinen Diener, denn bei dem gewaltigen Sturze hatte sein schönes Pferd auch Schaden genommen, und man konnte nicht sogleich wissen, ob es nicht, ausser an den Knieen, welche bluteten, auch innerlich verletzt sei.

Viel später also, als er erwartet, verliess jetzt Leonhard die ihm teure Stadt, in welcher er so mancherlei erfahren und erlebt hatte, worauf er nicht vorbereitet war. Nach zwei Tagen befand sich Leonhard in der Nähe von Bamberg. War er in Nürnberg immer gerührt gewesen, so war seine Stimmung jetzt mehr erhoben und ihm selber rätselhaft. Ihm bangte bei jedem Schritte, mit dem er sich den Plätzen näherte, an welche sich so überaus teure Erinnerungen hefteten. Lebt sie noch? sprach er zu sich selber, und wie? Ist sie