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Morgenschein hinein, und macht ein Affengesicht dazu, als wenn alles nun erst seine Bestimmung und seinen Wert erhielte, weil er die Nase hineinsteckt, das Maul dumm aufsperrt und Gottes Schöpfung approbiert? Er denkt, Gott Vater kuckt oben zum Fenster hinaus, und sagt zu einigen Engeln, indem er sich die hände vor Freuden reibt: Ach! seht Kinder, nun schaut mein Leonhardchen alles an, was ich so sauber da unten hingestellt habe, die Berge, das wasser, alle die Waldung; ja, ja, darauf habe ich lange gewartet, was das Männchen dazu sagen würde. Ei seht, er billigt alles, er ist mit meinen Bemühungen ganz kontent, er nickt mit dem lieben Köpfchen: so ist doch meine Schöpfung nicht umsonst! – Nun, und die Weibsen? Denen läuft Er, Dummerjan, doch gewiss am meisten nach, hat wohl schon manchem dummen Gänschen das Gehirn verwirrt, hat sich von andern an der Nase führen lassen. Wenn ich nun mein spanisches Rohr dort aus dem Winkel hervornähme und kuranzte Ihn hier in meiner stube herum, dass Er wie ein Bär tanzen müsste: könnt Er sich darüber wundern? habe ich Ihn eingeladen, zu mir zu kommen? Er also hält sich zu haus einen alten Narren, der Ihm Spass machen muss, so einen verschimmelten Magister? Ist Er denn nicht Narr genug für seine Haushaltung? Ich denke immer, der Flaps könnte noch seine Nachbaren mit versorgen. Der verteufelte Hochmut in dem Gesindel! Aber es wird euch gewiss noch einmal zu haus kommen, euer Komödienspielen, in dem ihr ganz verlernt, was Leben und Wahrheit ist. Halunken ihr! Marsch fort, da ist die Tür! Ich will Sein dummes Gesicht nicht länger vor mir sehen! Er sieht aus wie ein Gimpel! die kann ich nicht leiden."

Leonhard wollte ohnehin hier nicht länger verweilen, und verliess den törichten Alten, dessen Grobheiten ihn nicht beleidigen konnten. Er besuchte alle die Orte der Stadt, die ihm in der Erinnerung lieb geblieben waren, und richtete sich dann ein, am folgenden Tage Nürnberg zu verlassen.

Als er am Abend schon ziemlich ermüdet an die Ruhe dachte, kam noch der fromme Lamprecht zu ihm, und brachte ihm Abbitte und Entschuldigung vom Besessenen. Der Anfall war diesmal schneller als sonst vorübergegangen, und er war nun zerknirscht, und sass weinend und bereuend auf seinem Zimmer. "Er hat nicht den Mut", sagte Lamprecht, "sich vor Ihnen sehen zu lassen, gegen den er sich so abscheulich betragen hat; er schwört aber, er hätte alle die Grobheiten ausstossen müssen, ein innerer mächtiger Geist habe ihn dazu gezwungen. Da Sie sich für den Magister, seinen alten Schulfreund, so sehr interessieren, so schickt er Ihnen zum Andenken jenes Exemplar des Gryphius. Sie möchten dabei, bittet er, an seine besseren Stunden denken."

Leonhard nahm das Buch, dankte und liess dem Alten freundlichen Gruss und Vergessenheit des Vorgefallenen zusagen. "Den abscheulichen Wassermann", sagte dann Lamprecht, "werden sie wohl, wie ich gehört habe, auf drei Wochen streng und bei schmaler Kost einsperren; auch hat er Abbitte tun müssen, und wird noch in eine grosse Geldstrafe kondemniert, die dem Armenhause zum Besten kommen soll."

"Und was macht Ihr Franke?" fragte Leonhard.

"Er bessert sich körperlich", antwortete jener, "aber geistig habe ich jetzt viel mit ihm zu tun."

"Wie das? Sie schienen ja so einig?"

"Sonst immer, aber jetzt muss ich ihm predigen und predigen, dass ich ihm nur sein Judentum wieder aus dem kopf bringe."

"Sie sagten mir ja aber, dass in jedem Jahr diese Verrückteit an einem bestimmten Tage komme, und ebenso wieder verschwinde: also wird ja mit der Gesundheit sein Christentum von selbst wieder in ihn zurückfluten."

"Gut gesagt; aber kann man es denn gewiss wissen? Es ist darum doch wahrlich keine verlorene Mühe, unterdes an ihm zu arbeiten, damit er auch während seiner Verrückheit an die Wahrheit kräftig erinnert werde. Auch kann es ja sein, dass jener Wurf mit der Bouteille diese unnütze Phantasterei tiefer in sein Gehirn eingekeilt hat, so dass sie nicht so leicht sich ablöset, wie sonst; und deshalb fühle ich mich berufen, jetzt bei ihm gewissermassen die Rolle eines Missionars oder Heidenbekehrers zu spielen. Ist doch aller Irrwahn nur partielle Verrückteit."

Sie nahmen freundlichen Abschied. Da er wieder allein war, wollte es Leonhard bedünken, als habe Lamprecht, so gut wie Franke und Alfert, seinen teil von jenem anlockenden Gerichte gekostet, das auf die Sterblichen betäubend wirkt. Er suchte in sich selbst jene Gegend zu entdecken, wo auch ein kleiner schadenfroher Dämon seinen Küchengarten angelegt haben könne. Dann betrachtete er nicht ohne Rührung das alte Buch, und las die Zeilen, die der damals junge Magister seinem vermeintlichen Schwiegervater hineingeschrieben hatte. "Wie rund, wie ängstlich", sagte er, "wie hoffnungsreich und jugendlich ahndend ist jeder Buchstabe! Welche Zeit, Not, Erfahrung, Jammer zwischen der verblassten Dinte und seinem letzten Brief! Nun ängstet er sich nicht mehr um die Schrift, er zerreisst keck die Lettern, er will nicht sich und die andern mehr mit der Zierlichkeit bestechen. Ach ja, auch in der Handschrift des Menschen liegt oft und erzählt sich eine geschichte, auch eine furchtbar tragische zuweilen. – Armer Mensch!