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beigebracht hatte, so war es natürlich, dass die Jugend des Ortes fast ohne Abrede, ein Bündnis gegen den kleinen Simson geschlossen hatte, und ihm so viele Possen spielte, als sie nur ersinnen konnte. Wie nun aber in dem Zwerge überhaupt keine Vernunft war, so hatte er sich auch ein ganz unsinniges Spielwerk ausgedacht. Er schlief fast gar nicht; sobald Mondschein eintrat, war er noch mehr alert und auf den Beinen. Dann schleppte er alte Fässer auf die Höhe des berges hinauf, trug wasser hin und scheuerte und hantierte die ganze Nacht, dass ihm der Schweiss vom gesicht triefte, und er müde und ermattet dann zurückhumpelte, worauf er in einen festen Schlaf fiel. Es kann wohl sein, dass sein Körper dieser Anstrengung bedurfte, denn nachher war er besonders vergnügt. So trieb er es fast immer, solange der Mond schien, und die Eigentümer liessen ihn auch in seiner Dummheit gewähren, weil er ihnen die Tonnen immer wiederbrachte. – Einstmals kam ich von einer Kirmes mit einem Schwarm junger Leute; wir alle waren fröhlich und ausgelassen. Da treffen wir in der Nacht den kleinen Simson bei seinen Fässern. Sogleich geht das Necken los, das Schimpfen und lachen; aber er ergreift den einen von uns, und schlägt ihn mit solcher Wut zu Boden, dass dieser sofort die Besinnung verliert, und für tot daliegt. Der Zwerg wird auch wacker durchgedroschen, wehrt sich aber wie ein Held und wir alle hatten lange Zeit Flecken aufzuweisen, die wir uns in dieser Schlacht geholt hatten. Der arme Kaspar aber wurde niemals wieder ein gesunder Mensch, und blieb zu aller Arbeit untüchtig. So wurde denn der Zwerg vor Gericht angeklagt, und weil der Kaspar wirklich ein verkrüppelter Mensch geworden, so tat man den wütigen Zwerg zur Strafe in ein Narrenhaus. Wie es aber so geht, am Ende hatte sich der Kleine doch nur seiner Haut gewehrt; Spass und Schlag lassen sich nicht auf der Goldwaage wiegen. Ein mitleidiger Arzt bewies, dass der Unkluge bei dieser Einsperrung seine Gesundheit zusetze, und dass er auch friedfertig sein würde, wenn ihn die bösen Buben in Ruhe liessen, was nicht zu leugnen war. Man liess den Simson wieder frei, und uns jungen Menschen wurde von Obrigkeits wegen bedeutet, den Armen, der wegen seiner Statur und des Mangels der Vernunft schon unglücklich genug sei, nicht ferner zu molestieren, und ihn nicht in Wut zu setzen. Alles vernünftig; nur meinten wir jungen Leute in unserm Dünkel, uns sei ein himmelschreiendes Unrecht geschehen, besonders weil unser Kamerad sein trauriges Leben in Abzehrung hinschmachtete. Indessen fügten wir uns, und hielten uns still, um nicht Verdruss zu haben. Wir gingen der boshaften Kröte aus dem Wege, der, als ob er es gewusst, dass wir eine Nase gekriegt hätten, immer laut und höhnisch hinter uns drein lachte. Nach Verlauf mehrerer Monate gab es ein Hochzeitsfest, dem viele von uns beiwohnten; andere hatten den Gemsen aufgelauert. Wir alle nun heiter, von der Hochzeitfeier und vom Wein ermuntert, an nichts weniger als den dummen Simson denkend, ziehen Alpenlieder singend über das Gebirge; zum Unglück aber führt uns der Weg wieder vor seinem Tonnenmagazin da oben vorbei. Diesmal ist er es, der zuerst angreift; er stürzt sich unter uns, und schlägt einen der Hochzeiter nieder, der sich eben drüben im Dorf nach dem Tanz verliebt und verlobt hatte. Der arme Junge liegt zu Boden, schreit, und wir merken, dass ihm zwei Rippen zerbrochen sind. Nun alles her über den Übeltäter, und sie sind nicht übel willens, ihn gar totzuschlagen. Da, möchte ich sagen, springt der böse Geist, der den Zwerg immer beherrscht hat, in mich hinein, und ich rufe: 'Haltet euch zurück, Freunde, tut ihm nichts! Lasst uns das Ungeziefer in die grosse Tonne hier sperren, den Boden wieder verspunden, und das Teufelsgezücht so den hohen Berg in den Abgrund hinunterrollen und laufen lassen.' Gesagt, getan. Mit lautem lachen wirft sich der ganze Schwarm auf den Zwerg; sein Sträuben nutzt ihm nicht, seine Kraft ist ohnmächtig, denn es sind zu viele, die sich seiner bemächtigen. Man tut den Armen in das Fass und lässt dies den Berg abwärts rollen, den Abhang hinunter, der ziemlich steil und gewiss eine Stunde Weges sich erstreckte.

sonderbar! bei meinen Rat, den ich gab, war ich ganz heiter, mein Gewissen war stumm und meldete sich nicht. Nun erschrak ich vor mir selber und dem Unheil, das ich angerichtet hatte. Wir besorgten erst den Beschädigten, und als dieser unter Dach und Fach war, eröffnete ich meinen Kameraden, dass ich entschlossen sei, auszutreten, denn wir hätten etwas Heilloses begangen und würden in schwere Verantwortung fallen. Sie lachten erst und wollten mir nicht glauben, dann wurden sie still und ratschlagten; einige gingen hinunter und wollte sehen, was aus dem in der Tonne geworden sei. Ich ging noch diese Nacht in ein anderes Tal, und von dort lief ich in eine mir ganz fremde Gegend. Hier eröffnete ich mich einem Priester, der mich aber nicht lossprechen wollte, indem er sagte, der Fall sei zu wichtig, und er müsse die Sünde erst dem Bischof melden. Das verdross mich denn auch. So lief ich immer weiter und kam endlich in protestantische Länder. Mein Vormund und alle meine Verwandten handelten sehr brav an mir; man schaffte heimlich