was erst wiedersprechend erscheine, oft auch zur freigeisternden Ketzerei und unchristlichem Wandel.
"Schwärmerei!" rief Lamprecht aus, "ja, das ist euer beliebtes Wort, ihr Weltlichen, womit ihr alles Geistige und Übersinnliche niederschlagen wollt. Euch graut immerdar vor dem Geheimnis, und, wenn ihr könnt, tut ihr alles in den Bann als Ketzerei, was eurem törichten Schwanken und allen den ungöttlichen Negationen in den Weg tritt, damit ihr nur für andere Zweifel schwärmen könnt. Für diese, für das Nichts seid ihr fanatisch, und verdammt den Bruder, der euch die blinden Augen öffnen möchte. Ist dies nicht sophistische Gleissnerei?"
"Lieber Freund", sagte Leonhard, "ich bin viel zu unwissend, um mit Ihnen über so hohe Gegenstände disputieren zu können. Lassen Sie mich in meiner Bahn fortwandeln, und ich will Sie auf der Ihrigen nicht stören. Sollte es nicht viele Wege zum Himmelreiche geben?"
"Es ist uns so verheissen", antwortete Lamprecht, "nur kommt es darauf an, wie wir dieses höchst wichtige Versprechen erklären, damit es nicht selbst der Sünder zu seiner Rechtfertigung brauche; denn das Böse in uns ist gar listig, und versteht es, sich mit Redekünsten und hell schimmernden Trügnissen zu waffnen. Sie mögen, werter Freund, am Ende nicht unseres Bündnisses bedürfen; aber ich, der Schwache, Hinfällige, würde ohne dasselbe alles Trostes, aller Stütze beraubt. Ach! lieber Mann, Sie nannten, als Sie uns von Ihren Reisen erzählten, auch Tirol, mein vielgeliebtes Vaterland. Nach jenen schönen Bergen sieht das Auge meines Geistes immerdar zurück, und selbst Religion und Schrift können mir in manchen Stunden keinen Trost darüber geben, dass ich diesen unersetzlichen Verlust habe erleiden müssen. Ich begreife die Menschen nicht, deren es doch so viele gibt, die freiwillig ihr Vaterland verlassen, und nachher in der Fremde nichts vermissen. Oh, wenn ich nur wenigstens einmal als durchwandernder Gast dahin wieder kommen, mit Tränen und nassen Augen nur einmal meinen Abschied nehmen und es anblicken dürfte!"
"Wie kommt es denn", sagte Leonhard –
"Ich habe Vertrauen zu Ihnen", fuhr jener fort, "und so mögen Sie denn erfahren, was ich sonst immer verschweige; denn ich weiss, dass Sie mein Geheimnis nicht verraten werden, da wenn es bekannt wird, ich noch jetzt vielen Verdruss, ja wohl Unglück dadurch erleiden würde. Ja freilich drückt mich ein Verbrechen, oder nennen wir es, wenn wir milde sein wollen, Leichtsinn, aber einen bösartigen der übermütigen Jugend. In einer der schönsten Gebirgsgegenden von Tirol bin ich geboren und erzogen, natürlich in der katolischen Religion. Meine Eltern waren in jener Stadt reich zu nennen und starben früh, so kam ich als Mündel zu einem sehr redlichen Vetter, der meine Erziehung und die Verwaltung meines Vermögens übernahm. Ich konnte dort recht glücklich sein, im Besitz meiner Acker und Weinberge, in den Wäldern, auf der Höhe der Berge jagend, mich der natur erfreuend, von Verwandten und vielen Menschen geliebt und geachtet. Und warum erfüllte sich diese Hoffnung nicht? Weil ein Zwerg in demselben Städtchen lebte, eine sonderbare Kreatur, die um zweier Sachen wegen merkwürdig war. Das erste war seine Riesenstärke. Darum half er Weinschrötern und Weinhändlern, und war bei diesen Leuten sehr gern gesehen, die ihn für die hülfe, die er leistete, gern beköstigten und kleideten, denn mit Geld wusste er nichts anzufangen, so blödsinnig wie er war. Es war zum Erstaunen, und man traute seinen eigenen Augen nicht, wenn man dabeistand, wie der ganz kleine Knirps, der nicht höher als vier Fuss war, ein ziemlich grosses Fass voll Wein, was zwei Männer mit Mühe und Kunst aus dem Keller und auf den Wagen schroten mussten, so mir nichts dir nichts auf seine Schultern nahm, damit die Treppe hinaufstieg, es auf den Wagen legte, oder, wenn es sein musste, es über die Strasse nach einem andern haus hintrug. Deswegen nannte man das Kerlchen auch nur den kleinen Simson. sonderbar aber, dass er diesen Namen, der doch ein Lob war, durchaus nicht leiden konnte, und hiebei, sowie bei vielen andern Dingen, zeigte sich die zweite Merkwürdigkeit des kleinen Wesens, nämlich eine ausserordentliche Bosheit und Schadenfreude. Darum ging ihm auch jeder gern aus dem Wege, und ein alter Priester in unserer Stadt war der Meinung, ein böser Geist regiere und hantiere in dem kleinen Unhold. Rief ihm nun ein Bursche nach: 'Simson!' oder ein anderes Wort, das er nicht leiden konnte, so stellte er sich ganz ruhig hin, als wie im Traum, oder in Dummheit, kehrte sich dann, schnell wie der Blitz, um, griff den Bengel und zerarbeitete ihn mit seinen Riesenkräften ganz unbarmherzig. übrigens schien der Verwahrlosete fast gar nichts zu begreifen; es war auch, als wenn er nicht sprechen könne, denn er redete nur sehr selten, und wenn es geschah, immer nur wenige Worte, die oft gar keinen Zusammenhang miteinander hatten. Seine stimme war von einer Art, dass ich sie nicht beschreiben kann: so widerlich durch die Nase, so geklemmt und fein gurgelnd, so schnarzend, oder, wie soll ich es nennen? dass es wirklich keine Freude war, ihm zuzuhören, wenn er einmal zu reden anfing. Da der böse Zwerg schon einigemal junge Leute beschädigt und ihnen recht schlimme Verletzungen