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die Vergebung aller Sünden und der Genuss der Gnade, sowie seiner persönlichen Gegenwart, und die Begeisterten bedürften also keines Symbols oder einer körperlichen, sichtbaren Überzeugung.

Es war nicht zu verkennen, dass der Redner eine Erschütterung Leonhards erwartet hatte, die mit dem Bekenntnis und Entschluss endigen würde, dass er ein Mitglied dieser sekte werden wolle. Als diese Entwikkelung nicht erfolgte, war Lamprecht erst etwas verlegen; dann entschloss man sich, gewöhlichere gespräche zu führen, die das alltägliche Leben betrafen. Nach und nach entfernter sich die übrigen Mitglieder, und nur Leonhard, Lamprecht und jener stille Greis, welcher sich Alfert nannte, blieben beisammen, um bei vertraulichen Gesprächen ein leichtes Abendessen einzunehmen.

Leonhard erzählte von sich und seinem Haushalt daheim, seiner Frau und seinem Pflegesohn, wie sich sein Geschäft ausgebreitet habe, und wie er als junger Gesell vor etwa zehn Jahren Franken, Schwaben, die Rheinländer und noch andere Gegenden durchstreift habe. Da jetzt nicht mehr von religiösen Gegenständen die Rede war, und seine Genossen den Anschlag auf ihn aufgegeben hatten, so wurde er um so redseliger, als er seit lange schon nicht mit solchen Menschen umgegangen war, die dasselbe bürgerliche Interesse am Leben hatten, als er.

So hatte er auch des alten Magisters erwähnt, welcher seinen Pflegesohn unterrichte. Seit er jenen sonderbaren Brief gelesen hatte, war ihm die Gestalt des alten Mannes immerdar vor Augen. "Ei! ei!" sagte der greise Alfert nach einiger Zeit: "gar wundersam und gleichsam dem Märchenhaften nicht ganz unähnlich Dieser alte Mensch, wie Sie ihn beschreiben, ist öfter in dem Landstädtchen Jessen gewesen; er hat in Wittenberg studiert und promoviert; ja, ja, es wird schon mein lieber guter Fülletreu sein. Nicht wahr, das ist der Name jener alten Perücke?"

"Allerdings", sagte Leonhard; "ich sehe also wohl jemand vor mir, der ihn ebenfalls kennt, oder gekannt hat?"

Der Alte stand mit Feierlichkeit auf, trocknete sich eine Träne vom Auge, und sagte dann mit vor Rührung zitternder stimme: "Mein Herr Leonhard, nehmen Sie diesen Handschlag und Druck, in die ich mein ganzes Herz und meine Jugend lege, und bringen Sie das der lieben, guten, frommen, demütigen Kreatur von Menschen, der allerbesten, die Gott erschaffen, oder die ich wenigstens habe kennen lernen."

Er setzte sich hierauf wieder an seinen Platz, und forderte Leonhard auf, ihm alles zu erzählen, was er nur irgend von dem alten Magister wisse. Dieser konnte fast nichts mehr mitteilen, als was er selbst an jenem Abend erfuhr, als der alte Mann zufällig in Elsheims Gesellschaft ein Fragment seines Lebens zum besten gab. Nachdem er geendigt hatte, sagte der greise Alfert: "Ei, du mein lieber alter Fülletreu, du Schulkamerad und Universitätsfreund, eine Zeitlang sogar mein Stubenbursche! Ach, wo seid ihr hingeschwunden, ihr schönen zeiten, in denen wir uns im Disputieren und in der Latinität übten! Ja, mein werter Herr, ich bin derselbige Bruder, mit welchem er damals jene Wallfahrt zum haus meines Vaters nach Jessen anstellte. Ich war auch nachher beim Disputieren sein Hauptopponent, und ich machte es der armen Seele recht sauer. Denn ob wir gleich vertraute Freunde waren, so war uns doch die Wahrheit und Gelehrsamkeit mehr, als unsere Liebe. Ich wusste damals auch nicht, dass er sich in meine Schwester so vergafft habe. Ja, die ist nun auch schon längst gestorben, und auch ihr versoffener, unglückseliger Mann. Ich bin durch mancherlei Schicksale hieher verschlagen worden, und habe endlich in dieser Stadt ein kleines Ämtchen errungen. Ich war in meiner Jugend ein froher, leichtsinniger Bursche, ganz das Gegenteil von meinem stillen Freunde, dem Fülletreu. Diese freundliche Seele war das Muster eines christlichen Jünglings, so sanft, treu, fromm, unschuldig und harmlos, wie das Lamm, das der Mutter zum erstenmal zur Weide folgt. Ach, lieber Gott! ich habe noch das Buch, den Andreas Gryphius, in meinem Besitz, in welches er damals seinen Namen hineingeschrieben hat, als er es meinem alten Vater zum Präsent brachte. So ein Buch, so ein Schriftzug dauert länger, als der Mensch. Aber die Nachkommen, die Fremden, die es dann in die Hand nehmen, wissen nichts von den Schicksalen der Besitzer, von ihren Gefühlen und ihrem Unglück, und können sich also auch nichts dabei denken."

Der Alte war so weich geworden und fühlte sich so ermüdet, dass er alsbald aufbrach, nachdem er noch einmal mit vieler Rührung von Leonhard Abschied genommen, und ihm viele Grüsse an den alten Magister aufgetragen hatte. Als Leonhard und Lamprecht allein waren, fing dieser noch einmal an, vom Zweck ihrer religiösen Gesellschaft zu sprechen, und wie gut und nötig es sei, dass gute Menschen, wie Leonhard, sich ihr anschlössen. Leonhard erwiderte ihm, dass ihm jene öffentliche Gemeinschaft und protestantische Kirche genüge, und dass in ihr dasselbe obwalte, was er an seiner abgesonderten rühme. Auch müsse nach seiner Überzeugung die Religion und die sie begründende Teologie, die Spekulation und Auslegung der Schrift nur Geschäft und Beruf des Priesterstandes sein; dieser sei also als dirigierend, belehrend dennoch notwendig, obgleich beim Gottesdienst selbst jeder andächtige Teilnehmer Priester sei und sein dürfe. Diese Absonderung aber, indem jeder Teilnehmer immerdar nach Eingebung und Begeisterung strebe, führe in der Regel zur Schwärmerei und zum Aberglauben, zugleich aber,