zu können, muss mir etwas früher auszuholen erlaubt sein. Mein Vater seliger war Prediger auf einem kleinen Dörfchen; er brachte mich früh auf die Stadtschule, und mein Ehrgeiz und ziemlich gutes Ingenium trieben mich schnell die Klassen hinauf. O meine Werten, ich kann es Ihnen nicht aussprechen, welche Verehrung, ja welche Anbetung ich vor dem stand eines Gelehrten immer in meinem Herzen trug; ein Buch zu schreiben, den Ornat eines Predigers zu tragen, schien mir gross, vor allem aber den Titel eines Magistri zu erringen, fast den menschlichen Kräften unerschwinglich, und die höchste Stufe der Seligkeit hienieden. Nicht wahr, Sie lächeln? so wie ich zum Lächeln gezwungen werde, da ich nun schon seit lange derselbe Mann bin, und doch nur weniges von jener geträumten Grösse in diesem Besitze gefunden habe. Wie gesagt, die Schule wäre mir ein Paradies gewesen, denn das Lateinische und Griechische entzückte mich, Hebräisch war meine Wonne, wenn nicht einiges mich gestört hätte. Wir hatten viele Stunden in Matesi, worauf gehalten wurde, und wir alle sollten darinne Fortschritte machen, aber ich nehme die Götter zu Zeugen! – lag es an mir, oder am Lehrer, oder an der Wissenschaft selbst, ich habe nie auch nur das Allergeringste davon beim besten Willen begreifen können. Diese Demonstrationes, die axiomata, die drei- und Vierecke und Circula haben mir in vielen Stunden das Gehirn schwindlig gemacht, und ich habe mich nie einer Verachtung gegen diese anmassliche scientia erwehren können. Noch schlimmer aber war, dass ein Neologe, der viel auf alle Arten von Schwärmereien hielt, den Rektor, einen weichherzigen, nachgiebigen Mann, überredet hatte, einen Zeichenmeister anzunehmen. dachte ich nicht, der Schlag müsse mich treffen, als das erstemal der Gaukler seine Bude in unserm ehrwürdigen Auditorio aufschlug? Ich zitterte vor Unwillen und rief: 'Wahrlich, nun fehlt nur noch, um uns völlig abscheulich zu machen, ein Tanzmeister!' Und in der Tat woraus man sehen kann, wie stark die Imagination wirkt, träumte mir selbige Nacht, der Rektor habe einen Tanzmeister angenommen, und wir müssten vor dem Kateder, den Bachstelzen nicht unähnlich, herumhüpfen. Ich erwachte zum Glück bald, und fühlte Zittern und einen kalten Schweiss. Also der Kram wurde ausgelegt, und denken Sie, Werte, mir, als einem schon meritierten Primaner, wurde die Wahl gelassen, ob ich ein Häuslein mit einem Bäumchen, oder eine Blume, oder gar einen Pferdekopf, oder dumme krumme Striche, die man menschliche Nase und Mund nannte, nachreissen und mit Rotsteinbleifeder abfärben wollte. Ich äusserte fest und bestimmt, dass ich allen Arten von Elaborationen mich nimmermehr entziehen wolle doch, dass ich mit dem Rötelwesen und jenen Hahnenfüssen oder Bauerwohnungen, Pferdeschnauzen und Blumengekkereien niemals mich oder mein Papier beschmutzen werde. 'Himmel!' sagt ich, 'wir den Musen Eigene, zur Lehre des göttlichen Worts, oder zu Galene und Carpzove bestimmte Tironen, sollen wie die StubenAnstreicher, oder jene Unseligen, die die kleinen Tassenköpfchen anfärben, uns in solchen Pinseleien vertiefen!' Damit zerriss ich einen daliegenden Hammel, der nach der Meinung des Phantasten ein unschätzbares Werk eines abgestorbenen Gaukelmannes sein sollte, und da der Kunstzeichner selbst ein Entusiast für seine Klexerei war, so warf er mir, nicht ohne Empfindung meinerseits, ein grosses Reissbrett an den Kopf, nannte mich Ignoranten und Barbaren, und wollte mich endlich gar mit Gewalt aus meiner eignen Klasse entfernen. Zwei Freunde, die sich gleichfalls der Teologie widmen wollten, standen mir redlich bei, die übrige Jugend aber, ihrer Würde uneingedenk, nicht achtend, dass wir für sie nur kämpften, konnte es über sich gewinnen, uns laut und schallenderweise auszulachen. Der Rektor kam dazu, und ich hatte vielen Verdruss. Doch überwand ich alles und bezog die Universität Wittenberg, von einem kleinen Stipendio unterstützt. Mein Vater war nicht Magister, und nach dieser Würde war mein Tichten in der Nacht wie bei Tage, um mich und ihn damit zu ehren. Steil war der Weg, aber die Möglichkeit, zur Höhe hinaufzugelangen, wurde mir doch mit jedem Tage einleuchtender und wahrscheinlicher.
Vier Stunden westlich von Wittenberg liegt ein kleines offenes Örtchen, Jessen genannt, mir immer, wenn davon die Rede gewesen war, wegen des biblischen Tones ein erwünschter Name. Dahin reisete ich mit einigen Freunden zu Fuss in den Herbstferien, denn der eine Begleiter war aus dem Orte, in welchem sein Vater eine Stelle bekleidete. Wir wurden von dem alten Mann gut aufgenommen, der sich mit mir in ein Gespräch über die Klassiker einliess, und vortreffliche Kenntnisse besass. Er achtete meine Meinung, doch erstaunte er, mich so unbewandert in deutscher Poesia anzutreffen, in der er Opitzii und einige andere Werke besass, doch vermisste er mit Leidwesen den Gryphium, dessen Horribilicribrifax, wie er sagte, in seiner Jugend seine Seelenweide gewesen sei, und dem alle Aus- und Einländer, alte sowohl wie neue, durchaus nicht zu vergleichen wären. Hier sah ich nun auch in demselben Zimmer, meine Verehrtesten, jenes Frauenbild, die Tochter des Hauses, deren helleuchtende Augen oft auf meinem Angesichte ruhten. Ob ich gleichsam hübsch gewesen, kann ich nicht melden, doch war ich jung und weiss und rot, war anständig in allen Gebärden, hielt hände und Füsse ruhig, und schaute viel vor mir nieder. Wo sie, die Hedwig, stand, war mir immer, als wenn ein rötliches Licht