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zeiten, bald nach längeren, bald nach kürzeren Fristen, der böse Geist. Es kommt über sie, wie ein Gewitter aus heiterm wolkenlosem Himmel.

Wehe denjenigen, die alsdann in ihre Nähe kommen. Ein solcher Mann befindet sich als Mitgleid in unserer stillen Gemeine: das frommste, liebevollste Gemüt, wohltätig, menschenfreundlich, nachgebend, so sanft, dass ein Kind ihn einschüchtern könnte; aber, wenn er vom Satan besessen ist, so ist kein Auskommen mit ihm, dann fürchtet er weder Himmel noch Hölle, dann achtet er weder Gott noch Menschen. Und auch bei diesem Subjekt hat das Schicksal einen artigen Ausweg gefunden, so dass alle, die ihn kennen, ihm an solchem Tage aus dem Wege zu treten vermögen. Er geht im haus für alltäglich in einem einfachen Überrocke; ergreift ihn aber jener höllische Geist, so empfindet er schon, indem er aus dem Bette steigt, ein sonderbares Gelüst, einen uralten feuerfarbenen Schlafrock, den er sonst niemals trägt, anzuziehen. So sitzt er denn wie ein altes Gespenst in seinem Zimmer, und ihm ist es selber ganz recht, wenn an diesem Tage Freund und Bekannter seine Nähe vermeidet."

Jetzt brach Lamprecht auf, um nach seinem kranken Freunde zu sehen; Leonhard aber konnte es nicht müde werden, seine vielgeliebte Stadt zu durchwandern. Er mochte nicht aus dem Tore gehen, um die poetische Täuschung, in welcher er befangen war, nicht aufzulösen, weil er von ehemals wusste, dass die natur und Gegend um Nürnberg her nichts Erfreuliches bieten. Er segnete eine Stadt, wie es freilich nur wenige gibt, deren Steine, Mauern und Türme den Wanderer so fesseln können, dass er keine sehnsucht empfindet, die ihn hinaus in das Freie treibt.

Leonhard hatte versprochen, am Abend, weil es Sonntag war, einer heiligen Versammlung beizuwohnen, welche zweimal in der Woche bei dem Brauer Lamprecht zu einer gottesdienstlichen Feier sich verband. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft versäumten zwar die Kirchen nicht, um nicht aufzufallen und kein Ärgernis zu erregen; sie hielten aber den öffentlichen Gottesdienst für etwas sehr Gleichgültiges, und sparten ihren Eifer und die wahre Andacht für diese fast heimlichen Zusammenkünfte. Leonhard bereute sein Versprechen, und begriff jetzt selbst nicht, wie er es zu geben sich hatte verleiten lassen; indessen wollte er sein Wort nicht brechen und begab sich in das Zimmer, wo die übrigen schon versammelt waren. Er fand dort den Vorsteher, den Braueigner Lamprecht, und den eingebildeten Juden Franke, der mit verbundenem kopf, blass und seufzend dasass. Einige ältere und jüngere Männer waren noch zugegen, und Leonhard liess sich denjenigen vom Vorsteher bezeichnen, welcher zuzeiten den feuerfarbenen Schlafrock anlege, um Freund und Feind zu schrecken. Er war offenbar der Älteste der Gesellschaft, ein blasser Greis, mit schlichtem weissem Haar, einer andächtigen, sanften Miene und mit dem Ausdruck stiller Frömmigkeit im Auge. "Unmöglich!" sagte Leonhard, "dieser ist nicht fähig, auch nur ein Tier zu kränken, oder ihm wehe zu tun."

"Lieber Bruder", sagte Lamprecht, "in uns allen liegt der Löwe nur an Ketten, und springt brüllend auf, sowie er sich frei fühlt. Ohne Gnade von oben und festen Willen von uns selbst, sind wir dem wilden Wahnwitz immerdar preisgegeben. Keiner halte sich für den Sichern, denn dieses Trotzen auf unsere Sicherheit ist eben unsere allergrösste Sünde. Wer sich bescheiden fürchtet und an seinen Kräften zweifelt, wird der Versuchung viel weniger unterliegen."

Man hörte die Glocke schlagen, und alsbald schwiegen alle und vereinigten sich zu einem stillen Gebet. Nun stand Lamprecht auf und hielt eine lange Rede, bei welcher Leonhard wohl einsah und fühlte, dass sie eigentlich zunächst auf seine Bekehrung abzwecke. Der junge Mann trug nicht ohne Beredsamkeit und Begeisterung den Gedanken vor, dass sich die Andacht jedes einzelnen, die oft den zerstreuten Weltmenschen sogar besuche, an dem Glauben und der Erhebung des zweiten Bruders stärken und kräftigen müsse. Nur so bewähre sich die Gnade und werde sichtbar, die sonst nur flüchtig, wie Sonnenglanz bei stürmischem Wetter, vorüberfahre und das Herz vielleicht nur leerer und dürrer ausschöpfe, als es sich vorher gefühlt habe. So sei das Bedürfnis der Gemeine früh empfunden worden, und darauf habe sich die Kirche begründet. In solcher Gemeinsamkeit wehe gleichsam ein Geist in allen Gliedern, und jeder sei zugleich Laie und Priester. Priester im schönsten Sinn des Wortes sei jeder, dessen Seele sich vom Anhauche Gottes erregt fühle, so sei es im Anbeginn der Christenheit gewesen, und dieses Vorrecht der Erleuchtung habe die Reformation auch wieder reklamiert. Nur habe sich leider, schon sehr früh, die Priesterherrschaft in anderer Gestaltung wieder eingeführt, welche ein Monopol mit Gnade und Glauben treiben wolle. Dies zwinge begeisterte Gemüter zu einer engern, aber stillen Verbindung, die sich der Öffentlichkeit entziehe, und nur in der Verborgenheit stark und segensreich bleiben könne. Dieses freie Christentum, vom staat nicht sanktioniert, durch keine erteilte Priesterwürde gerechtfertigt, sei eben dadurch das wahre, ursprüngliche, welches die Apostel gegründet hätten, und welches auch alsbald seine Weihe und Wahrheit verloren, sowie ihm öffentliche Anerkennung und ein Privilegium geworden sei. In diesen Gemeinen aber, die nur das bewegte Herz und das Bedürfnis des Glaubens zusammenführe, sei nach der Verheissung der Heiland wahrhaft gegenwärtig; er segne sie durch seine unmittelbare Liebe, die sich allen mitteile; und in diesem Überschwung der Liebe, in dieser Einverleibteit mit ihm sei