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? Zwar ist der arme auch an sich selbst gestört und seiner Vernunft nicht mächtig."

"Ach! lieber fremder Herr" sagte jener seufzend und mit frommer, weicher stimme, "es ist gar nicht so, Sie kennen Ihren Reisegefährten allzu wenig."

"Wieso?"

"Er ist nichts weniger, als ein Jude; er ist ein ordinärer getaufter Christ, wie wir es alle sind; er ist nur seit wenigen Tagen ein Jude, oder bildet sich ein, dass er einen solchen vorstelle."

"Ist es möglich?"

"Lassen Sie sich dienen", fuhr Lamprecht fort; "ist Ihnen noch niemals die Erfahrung geworden, dass gewisse Menschen zu manchen zeiten, oft alljährlich, ihren ordinären guten Verstand einbüssen, und auf einige Zeit zu Narren werden?"

Leonhard sah den Sprechenden misstrauisch an und sagte dann: "Lieber Mann, das begegnet uns wohl allen."

"Ich meine es nicht so", erwiderte jener; "denn das möchte wohl nur das allgemeine Menschenschicksal sein, dem nicht auszuweichen ist. Nein, mein lieber Herr, es gibt gewisse Temperamente, die, sei es im Frühling, Herbst, oder Sommer, geradezu überschnappen, in den Wahnsinn oder ins Delirium geraten, und zu diesen sonderbaren Wesen gehört mein Freund Franke. Wie sollte er denn ein Jude sein, da er hier in der Stadt geboren und erzogen ist? Aber alljährlich, und zwar immer zu derselben Zeit, wird er unsinnig und bildet sich bald diese, bald jene Narrenposse ein. Einmal ist er Katze, oder Hund, oder Fledermaus; ein andermal hat er einen Mord begangen und soll hingerichtet werden, oder er ist in eine Prinzessin verliebt, und dergleichen mehr. Seine alten Eltern wohnen vier Meilen von hier, dahin war er gewandert; und da ich wusste, dass gestern sein kritischer Tag war, so wurde ich sehr besorgt um meinen Freund, weil er länger ausblieb, und unter diesen Umständen auf dem Wege leicht Schaden nehmen konnte. Ich war nun begierig, mit welcher Narrheit er durch das Tor schreiten würde, und, siehe da, er ist uns diesmal als Jude und Prätendent des preussischen Trones wiedergekommen."

"sonderbar!" sagte Leonhard, "und doch hat er mir so umständlich die Sache erzählt."

"Ganz recht", sagte Lamprecht; "in diesen Krankheitsumständen ist er immer sehr redselig, und von seiner Ansicht so überzeugt, dass er wie heute solche bis aufs Blut verteidigt. Was gehen ihn die Juden und ihre Meinungen an? Was brauchte er sich ihrer so lebhaft anzunehmen?"

"Was Sie mir da eröffnet haben, teurer Mann", begann Leonhard wieder, "erfüllt mich mit dem höchsten Erstaunen. Ein Kranker aus diesem sonderbaren Spital ist mir bis jetzt noch niemals vorgekommen. Und es sollte noch mehr solcher Patienten geben?"

"Wer zweifelt daran?" antwortete Lamprecht; "ich muss mich bloss über Ihre Verwunderung verwundern. Wenn in uns allen wohl etwas ist, das den Organismus, oder unser Leben stören will, und das die natur vielleicht im Ärger, oder Schnupfen, oder einer leidenschaft, oder Prügelei, oder wie sonst hinwegschafft, damit der Mensch in seinem gewohnten Gleise bleibeso gibt es auch immerdar so geformte Wesen, bei denen, ungefähr wie beim Mondsüchtigen, eine zeitgemässe kürzere oder längere Verrückteit eintreten muss, damit sie nachher nur ihrem amt als sterblicher Mensch gehörig vorstehen können. So schütteln sie die Schlacken ab, und sind nachher so reputierlich, wie zuvor. So lebt in einer grossen Stadt, nicht gar weit von hier, ein sehr gelehrter Mann; dieser wird von hoch und niedrig besucht und verehrt; er steht mit andern herrlichen Geistern in Korrespondenz, und man nennt ihn oft den Stolz seines Vaterlandes. Dieser Gelehrte fällt in jedem Jahr im Herbst, wenn die Tag- und Nacht- gleiche eintritt, in einen sonderbaren Zustand. Er reisst nämlich alsdann seinen Kachelofen ein, wirft die Kacheln umher und arbeitet dabei ohne Rock und Weste im Hemde so eifrig, dass ihm der klare Schweiss von der Stirne trieft. Nun nimmt er den Lehm und Ton, mit welchem der Ofen ausgefüttert ist, mischt diesen und weicht ihn höchst mühsam auf mit wasser, bis er in seinen früheren bildsamen Zustand zurückgekehrt ist. Dann formt und backt er aus diesem Ton Kugeln von mässiger Grösse, und beschenkt, wenn die eigentliche Raserei vorüber ist, jeden seiner Freunde, auch jeden Vornehmen, selbst die Damen, die ihn verehren, mit einer dieser Kugeln, als einer untrüglichen Universalmedizin gegen alle Übel und Krankheiten. Im ersten monat wenn die Wut schon ganz vorüber ist, geht er nie aus, ohne einige dieser Pillen bei sich zu tragen, um der leidenden Menschheit unter die arme zu greifen. In jedem Jahr kommt der Töpfermeister von selbst und ungefordert in sein Logis, weil er schon weiss, welche Arbeit er dort zu tun findet, und nachher ist derselbe Mann so gelehrt und weise, als er es nur jemals war."

"Wohl dem", fügte Leonhard hinzu, "an dem der Aberwitz dieser Vampyr, nur so genügsam zehrt, und ihn dann wieder freilässt. Diejenigen, die sich ohne alles Talent für grosse Dichter, Staatsmänner, oder Weltweise halten, sind auf jeden Fall viel schlimmer daran."

"So gibt es wieder andere", erzählte der sinnige Lamprecht weiter, "die ergreift in ganz unbestimmten