nicht wie eine Sultanin behandelt und eingesperrt werden. Wenn der Mann freilich Unrat merke, oder gar hinter eine Liebschaft komme, so sei es ihm natürlich erlaubt und geziemend, mit einem tüchtigen Stock vorzüglich an der Frau seine Genugtuung zu nehmen. Mehr als barbarisch aber, völlig abgeschmackt sei es, zu forschen, fragen, zanken über das, was vor der Ehe sich begeben haben könne. Eine europäische Narrheit sei es, von dem Mädchen und der Braut zu verlangen, dass sie keinen Mann vorher gekannt, oder geliebt, oder sich ihm ergeben habe, da es doch abgeschmackt herauskommen würde, wenn man den Bräutigam, ob jung oder alt, darüber examinieren oder erkommunizieren wolle. "Wahrlich", rief er endlich, "auch hierin hat sich Moses als der grösste Denker und Gesetzgeber erwiesen; denn bei den Juden darf nach dem mosaischen Recht kein Ehemann das verlangen, was die anderen Religionen in ihrer Torheit so hoch stellen."
"Was wissen Sie vom mosaischen Recht!" rief jetzt eine stimme, die gegen jene des Wassermann nur dünn klang und in welcher Leonhard seinen gestrigen Reisegefährten wiedererkannte. – "Gewiss mehr, wie Sie", schrie Wassermann, "denn ich bin ein ausgebildeter Mensch." – "Ein Ignorant!" rief der andere, "ein Inhumaner! denn das charakterisiert die deutsche Roheit, sich ewig und immer wieder an den Juden reiben zu wollen, die wohl mehr Genie, Geist und Gelehrsamkeit zeigen, als die meisten jener eingefleischten Christen!" – "Himmel-Tausend-Sakerment!" schrie jetzt Wassermann – und man hörte einen Wurf Sturz und Aufschrei, dann ein lautes Getümmel, wie von einer Schlägerei.
Als Leonhard die Tür öffnete, sah er auch schon das vollständige Handgemenge. Wassermann hatte nämlich, ohne nur zu rufen: "Vorgesehen!" dem törichten Franke, der die Juden nicht wollte schmähen lassen, eine Weinflasche an den Kopf geworfen und so richtig gezielt, dass dieser, verwundet und betäubt, sogleich unter die Tafel stürzte. Sein Freund Lamprecht war mit dem Ohnmächtigen beschäftigt; Wirt und Wirtin standen entsetzt beiseite und rangen die hände, indes Wassermann sich gegen vier andere Männer als ein Held ebenso rüstig als gewandt verteidigte; denn dem einen, der der Angesehenste schien, hatte er mit seinem stuhl eine bedeutende Wunde an der Stirn beigebracht, so dass von dieser das Blut herniederströmte. Die anderen drei, nebst zwei Aufwärtern, hatten sich endlich des trunknen und wütenden Wassermann bemächtigt, hielten ihn fest und banden ihm hände und Füsse mit Servietten und Schnupftüchern.
"Mein Herr", rief jetzt der Verwundete, "nun sollen Sie erfahren, was das auf sich hat, in einer angesehenen Stadt, in anständiger Gesellschaft solchen Skandal aus Mutwillen anzufangen, und mich, einen Polizeibeamten, der den Frieden herstellen will, tätlich, einem wilden Tiere gleich, anzufallen. Dieser Rausch und diese Roheit wird Ihnen teuer zu stehen kommen."
"Ist der Jude da tot?" fragte Wassermann, auf der Erde liegend und festgebunden.
"Gottlob nicht!" rief Lamprecht aus.
"Nun so wird die Dummheit nicht viel zu bedeuten haben" sagte Wassermann; "lasst mich nur wieder los, und ich gebe mein Ehrenwort, mich an keinem Menschen mehr tätlich zu vergreifen."
"Ihr Ehrenwort?" rief der Polizeibeamte; "ich möchte lachen wenn mir die Wunde am kopf nicht so unbequem fiele; wie solche Menschen nur noch das Wort Ehre in ihren Mund nehmen können."
Einer der Aufwärter war indessen nach der Wache gegangen. Der Beamte befahl den Übeltäter, nachdem ihm die Beine waren frei gemacht worden, mit gebundenen Händen zum Gefängnis abzuführen, indessen er sich selbst in einem Wagen nach seiner wohnung bringen liess. Der verwundete Franke ward zu Bett gebracht.
"O mein werter Herr", sprach der Wirt in einem flehenden Tone, "rechnen Sie es uns ja nicht an, dass dergleichen in unserm stillen haus hat vorfallen dürfen. Wie gern hätten wir dem furchtbaren Herrn Wassermann das Losement verweigert, weil er fast immer betrunken ist; aber er hat uns guten Wein geliefert, und die letzte Rechnung ist noch nicht bezahlt, so dass wir ihn wirklich nicht abweisen konnten, ohne uns selbst Schaden und Verdruss zuzuziehen. Aber es ist ein gottloser Mensch, und ich hoffe, sie werden ihn nun diesmal recht ordentlich schröpfen, so dass er endlich Mores lernt, und seine Nebenmenschen nicht mehr auf so schändliche Art molestiert."
Jetzt trat auch der hübsche, stille Lamprecht in das Zimmer und sagte: "Der Wundarzt versichert, die Wunde habe an sich selbst nicht viel zu bedeuten, und nach ein paar Tagen, wenn der Kranke nämlich die gehörige Ruhe genossen, sei alles wieder in Ordnung."
Sehr erleichtert verliessen der alte Wirt und die Wirtin das Zimmer, und Leonhard sagte, indem er sich zum stillen Lamprecht wandte: "Ihr Freund, der Verwundete, hat mir schon viel von Ihnen gesagt, und ich wünschte nur, wir hätten, ohne diese fatale geschichte, unsere Bekanntschaft machen können."
"Der Herr", erwiderte Lamprecht, "führt einen jeden auf eine eigene, und manchen auf eine wunderliche Weise. Schlägt es nur zum Heil aus, so ist es immerdar zu loben."
"Gut", versetzte Leonhard, "aber war es wenigstens nicht unvorsichtig von dem jungen Israeliten, sich in diesen unnützen Streit mit einem Trunkenbold einzulassen