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so bang schaurig und so heiter und still sehnsüchtig, wie in der frühesten Kindheit. Er liess diese Sabbatstille in seinem Herzen gewähren, und die Gestalten und Gefühle ruhig beseligt walten, die aus seinem inneren, wie aus unsichtbarer, lautloser, ferner Gegend, emporquollen und ihn anlächelten. – Wie sonderbar dünkte es ihm, dass gar viele hochbegabte Menschen einer Absonderung von den übrigen, einer sekte und in dieser wieder der Redensarten, der willkürlichen Zeichen bedürften, um sich fromm zu fühlen. Welche Süssigkeit des himmels entfaltet sich so oft, und verbreitet sich durch unser ganzes Innere, wenn wir den Engel nur gewähren lassen, der mit melodischem Flügelschlag den Teich anrührt, dass seine bewegten zitternden Wogen mit heilender und heiligender Gesundheit emporrauschen.

Bei diesen Worten kam der alte Joseph und dessen Grillen über Sprache in seine Gedanken, und um nicht ganz sich in Träumerei zu versenken, ging er in das gemeinsame Zimmer, um sein Frühstück zu geniessen. Der törichte Franke lief jetzt durch die stube indem er einen schönen jungen Mann an der Hand herzuführte, in dessen frommer Miene und stillem Wesen Leonhard jenen Lamprecht, den ihm der Unkluge geschildert hatte, zu erkennen vermeinte. Sie begrüssten sich gegenseitig und verabredeten mittags an der Wirtstafel sich wiederzufinden. Leonhard eilte in die Sebaldkirche, und die vollen Orgeltöne begrüssten ihn. Durch die gemalten, bunten Fenster schien die Sonne, und brach den scharfen Strahl in den schimmernden hellen und lieblichen Farben. Als wenn durchsichtige leuchtende Decken in Farbenpracht vom hohen Gewölbe niederhingen, so harmonisch verbanden sich die schönen Fenster mit dem ehrwürdigen schattenreichen Gebäude, das sie sanft erhellten. Die Kanzel, Sebalds schönes Grabmal, die merkwürdigen Bilder sah er jetzt nur aus der Ferne, um den Gottesdienst nicht zu stören. Auf die Predigt konnte er nicht eben achten, denn seine Träume übertönten das lehrende Wort des gutmeinenden Priesters. Er entfernte sich wieder still, um auch die schöne Lorenzkirche in dieser Stimmung zu besuchen, deren leichtere Bauart und schlankere Säulen fast fröhlich gegen des Sebaldus-Doms ernsteren Charakter abstechen. Er liess seinen Genius gewähren, der heute in seinem inneren waltete, und den Vorhang vom Allerheiligsten zurückschlug. Wer diese Tempel-Empfindung niemals gefühlt und erlebt hat, der wird es schwerlich begreifen, dass Leonhard sich in einen Winkel verbarg, um seine Tränen unbemerkt strömen zu lassen.

Als er sich an diesem wollüstigen Weinen ersättiget hatte, wandelte er wieder bei sonntäglicher Stille durch die herrliche Stadt, Wieder erfreute er sich, wie vor Jahren, der Blicke auf den Brücken über das wasser hin, und die wundersamen hölzernen Galerien, die, geschnitzt, bemalt, häusliche Arbeiter zeigten, oder spielende Kinder, oder sinnende Menschen, die sich über das Geländer lehnten. Er trauerte über jede Veränderung, die er wahrnahm, und die die Einwohner wohl eine Verbesserung nennen mochten. Viele der wunderlichen Gemälde hatte man ausgelöscht; so die Riesen in der Nähe des roten Rosses, welche Otnit, Hildebrand, Dietrich von Bern und andere Helden der alten deutschen Gedichte vorstellen sollten. Viele Häuser waren mit jenem aufgeklärten Weiss oder Hellgelb überzogen, an welchen vormals Engel und schwebende Marien prangten; manche neue Gebäude zierten sich mit jenem negativen Stil der neueren Architektur, und nahmen sich in Leonhards Augen neben den echten alten Bürgerhäusern nur widerwärtig aus. So, geteilt in Zorn und Freude, kehrte er in seinen Gastof zurück.

Aber welch unangenehmes Gefühl überraschte und störte ihn, als ihm aus dem Esszimmer ein rohes Geschrei entgegentönte, und er in der Ferne die fratzenhafte Figur jenes Wassermann unterschied, der ihm schon auf der Reise damals so verletzend entgegengetreten war. Er konnte es nicht über sich gewinnen, sich an derselben Tafel niederzulassen, weil ihm der Gedanke unerträglich war, von dem widerwärtigen Menschen wohl gar wiedererkannt zu werden. Er liess sich also von dem willigen Kellner seine speisen in das Nebenzimmer bringen, wo er, weniger gestört, das laute Schreien des Übermütigen nur wie aus der Ferne vernahm.

Sowie die Tür geöffnet wurde, vernahm Leonhard die Worte des laut Sprechenden deutlich, und um so mehr, da die übrigen nur wenig und leise sprachen. Nach und nach gewöhnte sich der Einsame mehr an das Geräusch, weil ihn seine gerührte Stimmung, vom Wein erheitert und gestärkt, nach und nach verliess, und einer alltäglicheren Fröhlichkeit Platz machte. So war ihm endlich in dieser sichern Ferne der Herr Wassermann weniger verdrüsslich, und er konnte auf sein Geschwätz und seine Prahlereien, ohne sich zu ärgern, hinhören. Da vernahm er denn, wie der Schreier von seiner nahe bevorstehenden Heirat erzählte, und wie er dann wohl, zum zweitenmal vermählt, sich mehr zur Ruhe setzen würde, und weniger in den benachbarten Ländern umherreisen. Er kenne die Welt und habe sie gehörig genossen, daher sei ihm auch die Neugierde, die den jungen Gimpeln so eigen sei, völlig vergangen.

Leonhard musste lächeln, denn diese Äusserung traf ihn selbst am meisten, der diesen ganzen Vormittag in der Stimmung eines Jünglings geschwelgt hatte, der zum erstenmal seine eingewohnte Heimat verlässt. So fuhr nun Wassermann fort, seine Lebensansichten und seine Gedanken über Liebe und Ehe auszusprechen. War ihm die Liebe schon lächerlich, so war nach ihm die Eifersucht gar das Verächtlichste, wozu der Mann nur hinabsinken könne. Er verlangte für beide Geschlechter völlig dieselben Rechte und Befugnisse, und da keinem Richter und Gesetz das Recht zustehe, den Mann zu beschränken, wenn er nicht öffentlichen Skandal mache, so dürfe die Frau auch