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", antwortete jener, "wünsche ich sie mir, weil ich sie so unaussprechlich liebhabe. Das ist ein Kirche, sehen Sie, wie man wohl sagen möchte: Gerade so muss eine Kirche sein! Lorenz ist auch nicht übel, kommt aber nicht gegen meinen Sebald. Und, verstehen Sie denn nicht? Ich hätte ja immer noch den grössten Vorteil davon. Die Nürnberger gehen sehr gern in ihre Kirche; sie ist immer gedrängt voll. So vermietete ich denn meine Kirche an die andächtige Gemeine, dass die Leute doch auch ihre Freude am Gottesdienste bezahlen müssten. – Ich habe auch wirklich Lust, mich nächstens dem Könige von Preussen persönlich vorstellen zu lassen, und ihm das Geheimnis zu eröffnen. Dann werden wir ja sehen, wozu er sich herbeilassen wird. Denn ganz umsonst darf er es doch auch nicht haben, dass ich ihm so ungestört Krone und Szepter gönne."

Es wurde Leonhard peinlich, länger das Geschwätz des Törichten anzuhören; er fragte also, um abzubrechen, wo man wohl in der Stadt am besten einkehre, und der Plauderer sagte: "O ja nirgend anders, als im 'goldnen Rad-Brunnen'. Da sind zwei alte, prächtige Leute, und ich bin auch viel da, und ein junger Freund, ein frommer, stiller Mann, der Braueigner Lamprecht. Wir bilden dort oft ein sehr geistreiches Konvivium. Im 'roten Ross' ist es auch immer noch gut, aber viel teurer; denn der Gastof bleibt bisher noch der erste in der Stadt. Aber beim Rad-Brunnen wollen wir absteigen; es ist ja auch sehr möglich, dass mein Freund Lamprecht Sie bei dieser gelegenheit gleich bekehrt; denn Sie sind doch gewiss noch ein Weltkind, das habe ich vorher wohl an Ihrem lachen bemerkt. Und der Lamprecht hat eine ausserordentliche Force im Bekehren; ehe man sich's versieht, ist man fromm geworden. Es ist eine wahre Lust, wie es ihm von der Hand geht. Ja, ja, das wird einen rechten Spass geben, wenn Sie so in sich schlagen und einen ganz neuen Menschen anziehen. Haben Sie's wohl schon mal probiert? Es wird einem dabei ganz schnurrig zumute. Aber nachher die unendliche Seelenbefriedigung, und unserm Herrgott so viel näher zu rücken durch solche Protektion: das ist doch auch mitzunehmen."

So ging es wieder unermüdet fort, nachdem er diese neue Strasse eingeschlagen hatte. Leonhard hörte wenig mehr hin und freute sich, als sie in das Tor hineinfuhren. Es war schon später Abend, und aus allen Fenstern schienen ihnen die goldenen Lichter entgegen, als sie durch die grosse Stadt und die herrlichen Gassen zwischen den hohen Häusern hinrollten. In diesen Augenblicken fühlte sich Leonhard sehr glücklich, sich als ein ganz Einsamer und Unbekannter in der Fremde zu befinden, sich seiner Jugend zu erinnern, und die damals empfangenen Eindrücke zu erneuern. Man hielt wirklich jetzt vor dem Rad-Brunnen, und die Diener kamen den Reisenden freundlich entgegen. "Ei! Herr Franke, kommen Sie auch schon wieder?" riefen sie, und begrüssten so mit Handschlag und lachen den Törichten.

Dieser dankte nur kurz und obenhin seinem Reisegefährten, um sich eifrig nach Lamprecht zu erkundigen. Man wies ihn nach einem entlegenen Stübchen, in welchem dieser Freund schon seiner harre, obgleich man geglaubt, der Reisende könne erst morgen kommen. Als Leonhard die freundlichen Wirtsleute begrüsst und sein Zimmer in Augenschein genommen hatte, trat er mit hoch klopfendem Herzen seine Wanderung durch die geliebte, ihm so bekannte und doch jetzt fremd gewordene Stadt an. Wie feierlich begrüssten ihn die hohen Kirchen, rätselhaft aus der dunkeln Nacht hervortretend. Er stieg die kleine Anhöhe bei Sebald hinauf, wo er auch ehemals so oft gestanden hatte, und sah wieder die erleuchteten Häuser gegenüber. Dann ging er nach der Lorenzkirche, stand bei dem künstlichen Brunnen still, und hörte andächtig dem Geplätscher und Plaudern seiner feinen Wasserstrahlen zu. Er kehrte um, ging die Strasse hinauf, und unten an der einsamen, stillen Burg vorüber. Er freute sich, dass er selbst in der Nacht das Haus wiedererkannte, in welchem Albrecht Dürer gewohnt, so fleissig gearbeitet und so viele Schmerzen erlitten hatte. Er fühlte sich wunderbar gerührt, und jedes Wort Vorübergehender, im bekannten fränkischen Dialekt gesprochen, ging durch sein Herz. So kehrte er um, und zauderte noch den Gastof zu betreten, um diese poetische Stimmung nicht zu vernichten. Wie glücklich, sagte er zu sich selbst, eine solche alte edle Stadt als seinen Geburtsort zu kennen, in ihr zu erwachsen und sich mit jedem Denkmal, jedem merkwürdigen Stein vertraut zu befreunden. Alles Grosse, Edle, Wunderliche gehört dem Eingebornen, er erlebt es täglich von neuem; jeder Gedanke und jede Vorstellung wächst mit den früheren Jahrhunderten und ihren begebenheiten zusammen; jeder Vorsatz, jede Arbeit klingt wie ein nötiger, schöner Ton in das vollstimmige Konzert hinein, das immerfort musiziert, und so alles, was entsteht und sich neu erzeugt, in seine wohltätige Regel und ihren Wohlklang zart und mütterlich aufnimmt.

Als er in den Gastof trat, fand er nur wenige Menschen an der Tafel, eine stille Gesellschaft, die seine Gedanken und Gefühle nicht störte. In der Nacht schlief er gut in seinem ruhigen Zimmer, und erwachte erquickt und neu gestärkt mit der Frühe des Morgens.

Es war Sonntag, und indem er die Glocken schlagen und läuten hörte, war es ihm so heimisch,