1836_Tieck_097_124.txt

dreissig Jahr und 1772 geboren, und zwar von der rechtmässigen Gemahlin des grossen Regenten. Und unmöglich finden Sie dergleichen? Lieber unbekannter Herr, was ist denn wohl einem solchen geist, einem so ungeheuer grossen Monarchen unmöglich, einem Könige, der in seinem Reiche völlig unumschränkt herrscht, und keinem Menschen auf Erden von seinem Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen hat? Ja, Herr, es kommen sonderbare Schicksale in der Welt zum Vorschein. Wer viel reiset, erfährt auch viel, und so geht es Ihnen jetzt. Und darum ist es eben recht verdrüsslich, wenn die Ofensitzer alles besser wissen wollen. Nicht wahr?"

"Allerdings", sagte Leonhard, der nun schon nicht mehr zweifelte, mit wem er es zu tun habe.

"Sie wissen es gewiss", erzählte der Fremde mit der grössten Ruhe weiter, "welche Faktionen sich in den letzten Jahren des grossen Königs schon am hof und im land gebildet hatten. Mit Drohungen wurde der armen Königin so zugesetzt, dass sie die Geburt des rechtmässigen Prinzen verschwieg. Der vorige König beherrschte nun als nächster Tronerbe bis etwa vor vier Jahren das Land, und ich gönne auch dem jetzigen Herrn seine Würde und sein Glück, denn er ist wacker und tugendhaft; und überhauptwenn ich auch mit meinen Ansprüchen hervortreten wollte, so hat jene Kabale es leider so fein angezettelt, dass ich wohl schweigen muss."

"Aber wie haben Sie, da man Sie in Windeln raubte, erfahren können, dass Sie der Geburt nach der rechtmässige König sind?"

Der Fremde schwieg eine Weile, als dächte er dieser Frage nach. "Wenn Sie die Kupferstiche vom grossen Friedrich ansehen", sagte er dann, "und betrachten morgen beim Sonnenlicht meine Physiognomie, so wird Ihnen gar kein Zweifel übrigbleiben. Und nachher habe ich darüber sehr autentische und wichtige Papiere, die mir von Männern, die aber unbekannt bleiben wollen, zugefertigt sind. Die Sache leidet wirklich keinen Zweifel; auch bin ich ganz fest davon überzeugt. Im Jahre 1792, als die Koalition geschlossen war, und die deutschen Heere gegen Frankreich marschierten; – o mein Herrda war in meinem Leben ein grosser, ein einziger Moment. Die Republikaner nämlich und Dumouriez und die Begeisterung in Deutschland und La Fayette und der National-Convent, ja durch heimliche Emissäre der König von Frankreich selbst, alle forderten mich dazumal auf, mich zu erklären, öffentlich aufzutreten, um durch mein Wort alle jene Rüstungen zu entwaffnen; als grosser deutscher Fürst dann die gute, verkannte Sache zu vertreten und so mit Lorbeeren und unsterblichem Ruhme mein jugendliches Haupt zu schmücken."

"Ei", sagte Leonhard, "diese einzige gelegenheit und grosse Aufforderung hätten Sie doch benutzen sollen."

"Glauben Sie denn", sprach der Fremde mit bewegter stimme, "dass mein Ehrgeiz damals nicht rege genug gewesen wäre, um durch diesen Gedanken mein jugendliches Blut zu erhitzen? Aber die jesuitische Klugheit jener Kabale hatte ja alles für alle zeiten unmöglich gemacht. Hätte man mich entführt und irgendeinem Handwerker übergeben, in fremde Länder oder nach Amerika gesendet, ja hätte man mich an die Zigeuner verkauft, so war es möglich, mit Ehren hervorzutreten, ja der letzte Umstand hätte der Sache wohl gar eine romantische Farbe gegeben; aber so hatten die Bösewichter mich unter die Juden gesteckt. Ja, sehen Sie, Sie lachen, Sie können nicht anders, und das ist die Ohnmacht, die mich lähmt, die mir jede Unternehmung unmöglich macht; denn das Lächerliche ist so allgewaltig, so unüberwindlich, dass alles, was es nur erreicht, sich vor ihm beugen muss. Hätte ich nun damals den Anforderungen genügen und auftreten wollen, und man hätte in Europa plötzlich vernommen, der echte König von Preussen ist erschienen, die ganze Gestalt der Dinge muss sich verändern, in ihm wirkt der Geist des grossen unsterblichen Friedrichund nun fragte Europa. Wer ist dieser junge Held? – und vernähme die Antwort: Ein Judenjunge! – so würde ja ganz Europa nur in ein lautes lachen ausgebrochen sein, so wie Sie jetzt selber lauter und lauter lachen, was mich eigentlich beleidigen sollte, wenn die Sache nicht wirklich so überaus komisch wäre. – lachen Sie also nur zur Genüge mein Herr, ich finde Ihre Lustigkeit ganz natürlich."

Leonhard zwang sich, wieder ernstaft zu werden, um den Unglücklichen nicht zu kränken, weil die Erlaubnis zum Auslachen doch vielleicht nicht ganz aus seinem Herzen gekommen war. – "Seitdem", fuhr dieser dann fort, "sind nun wieder zehn Jahre vorübergegangen, und ich habe mich immer ruhig verhalten, welches die hohen Potentaten würdigen und mir zugute schreiben sollten. Das ist aber nicht der Fall, denn man lässt mich immer in meiner Armut bleiben, ohne sich um mich zu kümmern. Eins aber könnte man tun, da ich ja keine weiten Länderstrecken, oder grossen politischen Einfluss verlange, mir nämlich das liebe gute Nürnberg schenken, welches ich so ausserordentlich hochschätze. Das Städtchen hat wirklich was Allerliebstes, und wer Sinn hat für das Heimische, Altdeutsche, so Altfränkische, der wird auch ebenso in das niedliche Nürnberg vernarrt sein, wie ich. Wäre das aber den Regierenden immer noch zuviel, so sollten sie mir doch wenigstens die Sebald-Kirche als mein Eigentum überlassen."

"Da Sie aber zu der israelitischen Gemeine gehören", sagte Leonhard, "was wollten Sie mit dieser christlichen Kirche anfangen?"

"Erstens