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der so oft aus Ihrer Seele kommt und selbst Seele ist; dann wird das schwarze Gekritzel auf diesem Lumpenpapier auch mein ewiges unsterbliches Ich sein, das dadurch magisch und mystisch zur göttlichsten Vermählung in Ihre Seele steigt; dann hast Du mich aufgetrunken, aufgesaugt und aufgeblickt, und ich bin Du und gar nicht mehr

Dero ergebenster Fülletreu,

Magister

Mit sonderbarer Bewegung las Leonhard diesen Brief. Er glaubte ihn zu verstehen, und legte ihn seufzend wieder in die Brieftasche. – Es war ja nur in anderen Worten, was die Gedichte und Reime spielend und springend sagen wollen. – Erst spät konnte er den Schlaf auf seinem Lager finden. Als am andern Morgen Leonhard gestärkt erwachte, musste er sich erst besinnen, um sich ermuntert zurechtzufinden. Ihm fiel das enge, niedere Gemach auf; er fühlte, wie er sich in dieser Zeit in jenen hohen, weiten Räumen verwöhnt habe, und er pries in Gedanken die Reichen und Grossen, dass es ihnen vergönnt sei, sich immerdar in geräumigen Zimmern und Sälen zu bewegen, wo kein niederes Dach, keine eng aneinanderrückenden Wände ihre Gedanken bedrängen und ihre Gefühle ängstigen. Als er den Gastof verlassen hatte, war ihm aber so wohl und heiter, er fühlte sich wieder so ahndungsreich und frisch, wie in jener Jugendzeit, die er schon auf immer entschwunden glaubte. Jetzt waren es ungefähr zehn Jahre, dass er in diesen Gegenden gewandelt. Zwischen der Gegenwart und jener vergangenen Zeit lag es wie eine unermessliche Kluft, und doch trat ihm ein Gefühl ganz nahe, als wenn er jene wundervollen Tage noch mit der Hand abreichen könne.

Jetzt musste er über seine Empfindlichkeit von gestern lächeln. Sein Freund, so reich er war, und wie sich sein Vermögen auch seit kurzem vermehrt hatte, war so freigebig und gutmütig, hatte zu seinen abenteuerlichen Festen so viele Gäste in sein Haus geladen, dass er es sehr natürlich fand, wenn dieser durch Geschenke an einen wohlhabenden Freund seine Ausgaben nicht noch vermehrte. Auch das Bild der Schönen, und jener dämmernden stube in der Hütte am Saume des Buchenwaldes war schon in eine Ferne hinabgesunken, die zwar noch in Farben schimmerte, aber doch schon der Schattenwelt angehörte.

Ein anderer Vorwurf, den er sich selber machte, überschlich ihn jetzt in der schönen Einsamkeit. Konntest du nicht, sagte er zu sich selber, schon vor Wochen hier in dieser schönen natur leben und wandeln? Ja wohl hättest du jenen Zauber früher zerreissen sollen, der dich dort an goldenen Banden festielt. Hier durchwandre ich das schöne Buch, in welchem ich meine Jugend noch einmal lese.

Als er am folgenden Tage weiterfuhr, erschien es ihm wie ein Traum, dass er schon an diesem Abend in Nürnberg eintreffen solle. Die Sonne fing schon an zu sinken, als er neben seinem Wagen einen jungen Mann wandeln sah, der ihm sehr ermüdet schien. Die Strasse war beschwerlich, und da es Leonhard schien, als ob der Reisende auch zur Stadt wolle, so lud er ihn ein, sich zu ihm zu setzen, weil er auf diese Weise sicherer und schneller sein Ziel erreichen könne, welches Anerbieten mit Dank angenommen wurde.

Es begann schon zu dämmern, und da die Strasse eben durch einen Wald führte, so konnten beide ihre Gesichtszüge nicht mehr genug unterscheiden, um in nähere Bekanntschaft zu treten. Die Schatten der Bäume streiften wechselnd über sie hin; indem jetzt der Wagen wieder auf einige Zeit langsamer und ruhiger ging, begann der Fremde: "Sie wissen es wohl schwerlich, mein Herr, wen Sie jetzt eben so freundlich in Ihr Fuhrwerk aufgenommen haben?"

"Nein", sagte Leonhard, "denn ich habe Sie ja zuvor nie gesehen."

"Wenn ich nun ein Räuber und Mörder wäre?"

"Ich bin vom Gegenteil überzeugt, denn Ihr ganzes Wesen scheint friedlich und wacker. Sie wollen mich vielleicht bei zunehmender Dunkelheit erschrecken, aber ich bin nicht eben furchtsam."

"Sie können auch ganz ruhig sein", fuhr der Fremde lächelnd fort, "ein Räuber geht nicht leicht mit solchem kleinen bescheidenen Bündel, wie ich hier neben mir liegen habe. Aber bei alledem sitzt ein sehr merkwürdiges Individuum an Ihrer Seite."

"So?"

"Ja, mein Herr, und Ihre Miene (die ich zwar nicht mehr genau unerscheiden kann, da Sie vielleicht eben eine ziemlich höhnische machen), aber zugleich Ihr Wesen, Ihre Sprache, alles flösst Vertrauen ein, und so gestehe ich Ihnen denn unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass ich der einzige und zwar rechtmässige Sohn von Friedrich dem Grossen bin."

Leonhard war überrascht. Er machte den Versuch, sich etwas von der Seite des Fremden zu entfernen; aber der enge Sitz des Wagens zwang ihn, in seiner vertraulichen Stellung zu verharren. "Sie wundern sich gewiss", sagte der Unbekannte, "ich merke es an Ihrem Fortrücken; ja, es ist sonderbar genug, und Sie können sich nun Ihr ganzes Lebelang rühmen, dass Sie mit mir so unverhofft zusammengetroffen sind. – Aber Sie sind so stumm?"

"Ich begreife die Möglichkeit nicht. Der preussische Friedrich starb, wenn ich nicht irre, im Jahre 1786, und Sie selbst scheinen mir, soviel ich sehen kann, ungefähr von meinem Alter; mitin hätte der grosse König Sie noch in hohen Jahren und nach dem siebenjährigen Krieg in die Welt gesetzt."

"Richtig!" rief jener, "ich bin jetzt