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nur hier hereinfällt, in unsere dermalige Schöpfung und den wunderlichen Schlummer, den wir unser Leben nennen: und so kam die Liebe und die Wollust in die Welt. Wie unmündige Kinder, die sich weit, weit im gründunkeln wald verloren haben: und keiner hört ihr verirrtes Angstwimmern und das Abbuchstabieren ihres Klageliedes. Und so freilich, was kann ich alter, abgelebter Magister wünschen, fordern oder begehren? Es hat sich alles nur in unsere verhärtete, zu Eis gefrorene Welt hereingeschoben, dass er als Schaugericht lockt und reizt, und uns dann, wie jenem übermütigen Magister oder Doktor, dem Tantalus, versagt wird. Trachtet nicht nach dem Unmöglichen! Gut gesagt und leicht gesprochen, du durchlauchtiges Vernunft- und Naturgesetz! Du hast immer recht, weil du immerdar Unsinn aussagst. Wir können ja nichts anderes begehren und wünschen, als das Unmögliche; das Mögliche, Verständige besitzen wir ja immerdar, und wir haben es ja nur, weil wir gar nichts darum und davon wissen, und wir achten es auch deshalb nicht, und können es nicht achten, wenn wir auch wollten. Schon in frühen, alten zeiten hat man die sogenannten Giganten darüber bitter kritisiert und hämisch rezensiert, dass sie haben den Himmel erstürmen wollen. Über solche Kritikaster möchte man laut lachen, wenn es sich mit der Bescheidenheit vertrüge; denn was will denn jeder Wille anders, der ein Wille ist? Und wenn er es nicht will, fällt er invalide und tot darnieder, und weiss nicht mehr links und rechts, aus und ein. Ich war wohl oft andächtig und verlor auch mein Ich in der Andacht. Wo war ich dann, wenn ich noch war, als nur im Himmel? So ergeht es mir auch wohl bei einem schönen Gedicht. Die Seele oder Ichoder wie sollen wir es nennen, wir Dummen, Stummen, Sprachlosen? – streckt alle viere von sich, dehnt sich, erwächst zu einem Briareus mit hundert Armen, um zu fassen und zu umarmen; – und plötzlich, um überselig zu werdenvergeht sie, verschwindet und wird ein Nichts. Der Jupiter hat die Himmelstürmende in den Abgrund geschleudert, und eben das war ihre höchste Wonne. Nun liegt sie unten, von Felsen und Gebirgen erdrückt, selbst versteinert, das heisst auf deutsch, sie lebt nun wieder, sieht sich in der sogenannten Wirklichkeit, besitzt wieder, was ihr vergönnt und erlaubt ist, das Vernünftige, Mögliche, das heisst, ein mit vielen törichten Phrasen weitläufig umschriebenes Nichts.

Ja freilich wusste ich dies alles nicht, bevor ich Dero Bekanntschaft gemacht. Die dummen Geister der natur und notwendigkeit logen mir vor, ich sei schon über sechszig Jahr alt, da ich doch noch gar nicht einmal war geboren worden. Und so, Verehrteste, bin ich freilich annoch zu jung für Sie, was wieder ein schlimmer Umstand ist, und wieder zu jener göttlichen, glorreichen Unmöglichkeit gehört, die wir alle erstreben, wenn wir bei Sinnen, geschweige gar in der Andacht sind. – Zeit! Wo ist sie? Wer kennt sie? Sie ist entweder ein Nichts, oder ein allmächtiges Wesen. In der Andacht, im Anschaun, im Lieben ist sie nicht. Nein, da kennen, sehen, fühlen wir sie nicht. Sie gehört gewiss zu jener dummen notwendigkeit, zu dem, was uns vergönnt ist. Aber freilich in ihr fühlen, denken, sehen und träumen wir, alles im Pulsschlag und Zeitmass; aber doch nur, um im Ewigen, im Nichts, wenn wir dort im Entzücken angelangt sind, diese Zeit zu vernichten. So Raum. Alberner, Schwacher, Nichtiger, und doch so Allmächtiger!

Nichtsnutziger Staub! warum schwatzest du also. Nämlich, ich wollte eine Epistel schreiben. So fliessen denn auch aus Feder und Dinte die Buchstaben, Silben und Worte zusammen, die Linien, das Blatt wird voll, und abermals so schwarz mit Strichen überzogenja wohl, das ist das Leben. Das Wort kann nicht ohne Regel, ohne eine kalte, tote Bedeutung sein. Die Bedeutung eben bedeutet nichts, das ist das Feine und auch ganz Grobe von der Sache. Du hast mir einmal die Hand gedrückt. Das war Rede und A und O in einem Pulsschlag. Dein Auge! Gott hat viel mit dem Auge ausdrücken wollen; doch die Menschen brauchen es nur zum Nähen und Stricken. Freilich auch das Notwendige und Erreichbare. Aber wäre es denn so etwas Unnützes, wenn ein Magister, dem die Silben und Worte mehr zu Gebote ständen, als mir Unwissenden, über einen einzigen blick einen dicken Folianten schriebe? Und, beim Himmel, es gibt Blikke, wo er doch noch nicht zu Ende kommen, und seine Materie (wie man sagt hier ist es aber Gotteit, Liebe, All) doch nicht erschöpfen würde. Und dass mir noch dies Anschauen vor meinem tod hat werden sollen, das ist es, sosehr ich auch leide und mich winde, wofür ich meinem Schöpfer den allerbrünstigsten Dank sage.

Nimm es, das Blatt, Du mein Du, Du mein wahres inniges Ich, das I meines Ich, oder der Geisterlaut unsers deutschen Ch, welcher das I krönt, nimm Du Dudes Dus Dudas heisst nach Menschensprache und möglicher sittlicher Schicklichkeit staubwärts übersetzt: nehmen Dieselben, verehrte, liebwerteste, schönste Madame Leonhard, nehmen Sie diesen Unsinn und sehen Sie ihn mit diesem blick an, mit dem blick,