hier auf dem Teppich, diese Sterne, nicht wahr, sie machen das Muster? Gewiss, und jedes Auge sieht sie auch gleich dafür an. Der Grund wird nur beachtet, weil er diese Formationen, welche die grösseren und kleineren Sterne bilden, hervortreibt. Aber ist es nicht derselbe Faden, der Grund und Stern macht, das Bemerkte und Unbemerkte? Das hat die vornehme Welt schon seit zu lange vergessen. Nun veralten, verbleichen die Sterne, die Fäden reissen ab, und der dunkle Grund wird die Hauptsache. Glauben Sie mir, wir sind an der Zeit, und zwar ganz nahe, dass viele Handwerker so fein, klug und gebildet sein werden, wie eben Sie. So wie der gemeine Mann sich mehr fühlt, und seine unnütze Verlegenheit vor den Höheren ablegt, so ist er durch sich selbst schon gescheiter. So dachten sie aber, die Armen, da man ihnen so vieles von ihrem früheren Recht genommen hatte, sie müssten sich krümmen und bücken, und wenn sie unter sich wären, grob und ungeschliffen sein. Darein setzten sie dann ihre Freiheit. Sind erst viele so, wie Sie, Mann – und gewiss gibt es schon viele, und sie werden noch wachsen: so darf das Volk auch wieder mitreden. Überhaupt, Herr Leonhard, es müssen andere zeiten kommen; die Welt hat sich abgenutzt; sind Sie nicht auch der Meinung? Der Malvolio wird gehänselt und abgesetzt; aber der Narr, so viel hübsche Einfälle er auch hat, wird doch hoffentlich auch nicht zur Regierung kommen?"
Mit diesen Worten entfernte sich der redselige Alte.
Sechster Abschnitt
Frühmorgens fuhr Leonhard mit Elsheim vom schloss ab. Alles schien noch im haus zu schlafen; nur Joseph begleitete die beiden Freunde bis an den Wagen.
" So wäre denn", fing Leonhard an, "diese sonderbare Lebensepoche für mich beschlossen. Wie hat sich alles so anders gestaltet, als wir es uns beim Ausreisen vorbildeten! Wann sehe ich dich wieder?"
"Ich hoffe", antwortete der Freund "– ich möchte sagen, ich weiss es gewiss – im Winter. Dein Leben hier, sagst du, sei beschlossen; das meinige freilich noch nicht."
Sie sahen jetzt in der Ferne, rechts vom Wege, jene Waldhütte liegen, die ihnen beiden so merkwürdig war. "Ich verstehe deine Blicke, Freund, rief der Baron aus, und ich erkenne die Grösse deiner Freundschaft auch darin, dass sie mir dies Opfer hat bringen können."
"Nenne es nicht so", sagte Leonhard ernst; "in gewissem Sinn ist unser ganzes Leben eine Aufopferung. Wie wenige unserer wahren Wünsche können sich erfüllen! und diejenigen Träume, welche eintreffen, sind, in Wirklichkeit verwandelt, oft sich unähnlich, nicht wiederzuerkennen. Und so tragen, dulden, zweifeln und geniessen wir im wechselnden Taumel und trauriger Nüchternheit. Die Jugend fällt von uns ab; selbst das Heiterste dünkt uns töricht; man setzt sich an die Tafel, um zu schwelgen, und steht darbend und ernüchtert auf, weil uns die früheren Gelüste anwidern!"
"Sei nicht so melancholisch", rief Elsheim, "sonst verdirbst du mir meine eigene Lust."
Der Wald empfing sie, und der Anblick des Schlosses entschwand ihnen. "Ja wohl", sagte Elsheim, "entschwindet uns die heitere Unbefangenheit der Jugend; auch mich drückt dieses Gefühl. Man wird nicht klüger, sondern nur zweifelnder und träger. Aber eben darum wollen wir die Neige dieses Götterweins behaglich und schlürfend geniessen. – Sieh", sagte er mit erhöhter stimme, "jetzt sind wir schon in Franken."
Leonhard sah um sich, und Elsheim fuhr fort: "Da du es mir gestanden hast, dass du dein teures Nürnberg in heiliger Andacht, wie ein Wallfahrer besuchen willst, so bist du auch wohl so gefällig, diesen Brief dort abzugeben. Er eilt gerade nicht, darum kannst du ihn nach deiner Bequemlichkeit bestellen; aber vergessen wirst du ihn nicht."
"Gewiss nicht", sagte Leonhard, und legte das Blatt sorgfältig in seine Brieftasche. Im nächsten Städtchen machten sie halt, erquickten sich und nahmen Abschied. Leonhard war ganz träumerisch, und hörte nur wenig von dem, was ihm der Freund noch sagte. So schieden sie, und auch Elsheim war zerstreut, weil seine Phantasie schon in jenem Waldhäuschen war, wo er jetzt, nach wenigen Stunden, die reizende Charlotte zu finden hoffte.
Im Städtchen nahm Leonhard einen andern Wagen, um eine Seitenstrasse einzuschlagen, welche ihn in wenigen Tagen nach seinem geliebten Nürnberg bringen sollte. Während er so einsam weiterfuhr, spürte er seiner Verstimmung nach, und suchte die Ursache dieses quälenden Missgefühls zu entdecken. Er musste es sich gestehen, dass er seinem Freunde mit einem gewissen Neide nachgeblickt hatte, indem ihm in frischem Glanz die Schönheit seiner lieblichen Feindin vorschwebte. Auch die sichtbare Eile und Zerstreuung Elsheims beim Abschiede hatten ihn verletzt. Aber noch eine Empfindung traf er an, die er sich erst ableugnen wollte, und die dennoch immer wieder emportauchte. Er hatte seinem Freunde und dessen Liebhaberei, sosehr er selbst dabei ergötzt war, doch eine bedeutende Zeit geopfert; er war selber oft sehr tätig gewesen, und hatte bis zur Ermattung gearbeitet. Alles dies wusste Elsheim, und war selbst oftmals Zeuge davon gewesen. Er hatte also erwartet, dass ihm der Freund beim Abschiede irgendeine Summe würde aufdringen wollen, die er abzulehnen und