verschwanden. Er erinnerte sich des Abends, an welchem er angekommen war; wie sonderbar die starken Mauern, der Eingang, der Vorplatz ihn begrüsst hatten; wo das grosse, weite Zimmer ihn empfing, welches oft zum Speisesaal benutzt wurde; und hinter diesem der weite viereckige Gartensaal, in welchem sich bei schönem Wetter die Gesellschaft fast immer versammelte. Rechts und links die vertraulichern Cabinete, und weiter entfernt die Wohnzimmer der Mutter, die es gern vermied, die Treppen, so breit und bequem sie auch waren, zu besteigen. Oben waren die verschiedenen Gastzimmer und der weite, ausgedehnte Rittersaal, der, bevor Leonhard das Teater darin aufgeschlagen hatte, so wüst und leer, so öde und schauerlich aussah. Er gedachte auch des fern liegenden Zimmers, welches, neben den Gemächern der Domestiken, der alte Joseph bewohnte, und das dieser so sonderbar und altertümlich ausgeschmückt hatte, als eben der freundliche, stets zierlich gekleidete Greis selber zu ihm trat. "Ich lasse es mir nicht nehmen", rief er aus, "Ihnen packen zu helfen; denn das übrige Volk hier ist zu solcher Arbeit zu ungeduldig und viel zu ungeschickt. So ein recht anständig gefüllter Koffer oder Mantelsack muss ganz wie ein vollständiger Mensch sein, jedes an seiner Stelle. Es ist nicht genug, dass die Sachen darin liegen, oder nicht verderben; man muss auch leicht alles finden können, und Herz muss nicht mit Kopf, Magen mit Hand und Fuss in Widerstreit geraten." Er lächelte, und bemächtigte sich sogleich, indem er keine Widerrede gestattete, des Mantelsacks. Auch zeigte er sich als Meister, indem er mit Sicherheit alles, ohne Kleidern und Wäsche Gewalt anzutun, einzufügen wusste. "Ja, lieber Herr Leonhard", sagte er dann selbstgenügsam, "sehen Sie nur zu und merken Sie es sich, denn Sie können, so geschickt Sie auch sein mögen, hier noch etwas lernen. Seit funfzig Jahren und länger habe ich bei allen Reisen für die Baronin, den seligen Herrn und schon dessen Vater das Einpacken besorgt, weil man es mir am sichersten anvertrauen durfte. Bei keinem Geschäft in der Welt ist die Langsamkeit so sehr die wahre Eile, als bei diesem. Sie sehen, mein Plan ist vorher gemacht, und nun muss sich auch alles wie von selber schicken."
Leonhard musste die Sicherheit bewundern, mit welcher der kleine behende Mann hantierte, ohne dass er je nötig hatte, ein Stück anders zu legen, als er es gleich bestimmt hatte. So schloss sich bequem der Mantelsack, und Joseph sagte dann: "So sollte es freilich mit allen Geschäften in der Welt sein; aber das ist denn doch nicht möglich. In der Wissenschaft mag es sein wie im Staat, in der Regierung wie im Denken; es ist allentalben ein Überlei bei wichtigen Dingen, das sich nicht so bequem will einpressen und quetschen lassen. Ja, ja, die grösste Kunst ist dann wohl Ausbeugen, Gutmachen, oft fünfe gerade sein lassen, wo die gerade Zahl doch auch nicht zum Ziele führt."
"Leben Sie denn wohl, lieber Herr Joseph", sagte Leonhard; "ich danke Ihnen für alles, auch für diese Ihre gütige, freiwillige hülfe." Der Alte gab ihm die Hand; und sowie er jetzt in das feine redliche Gesicht des berührigen Greises schaute, in diese immer noch so klaren Augen, konnte er es nicht unterlassen, den alten Diener recht herzlich zu umarmen. Joseph schien gerührt und sagte dann: "Mann, Sie sind ein ganzer Mann! Bleiben Sie so, in dieser edlen, noblen Manier, und lassen Sie sich in Zukunft nicht wieder für einen Professor ausgeben."
"Wie meinen Sie?" fragte Leonhard erstaunt.
"Was ist denn auch ein Professor so Grosses", schwatzte jener weiter; "aber ich kenne darin unsern jungen leichtfertigen Herrn, der die Leute gar zu gern zum besten hat. Ich vermutete gleich so was, als Sie mir den tiefen Diener beim Aussteigen machten, wo Sie mich für meine herrschaft hielten. Waren Sie vornehm als Professor, der schon viel mit Adeligen gelebt hatte, so warteten Sie, falls ich wirklich Graf oder Marquis war, geduldig, bis Sie sich mir vom Baron erst hatten vorstellen lassen. Und als ich Sie nun beim Teaterbau so rüstig und tätig sah, wie Sie bei allem selbst Hand anlegten, wie geschickt Sie, ohne erst mal zu probieren, den Hobel führten – was ein schweres Ding ist, wie ich es aus eigener Erfahrung und Stümperei weiss – wie Sie mir dann ein paarmal die Hand gaben: da hatte ich es mit aller Sicherheit weg, dass Sie ein Professionist, und zwar ein Tischler sind. Ja, Männchen, die hände, die sonst hübsch sind und gut gebaut, müssen Sie einem jeden Kenner verraten. Denn Bein Wuchs, Kopf, Mund, alles kann Anstand und Feinheit gewinnen, aber die harten, um ein weniges zu grossen hände, können Sie so wenig, als ich die Hornhaut auf meinen Fingerkuppen, loswerden. Und wozu auch? Ich habe mich um so mehr an Ihnen gefreut und keinem Menschen von meiner Entdeckung gesagt. Ach, die Vornehmen! sie müssen ja immer mehr und mehr das Regiment in unserer verwirrten Welt verspielen. Nicht wahr, dieser Graf Bitterfeld, und gar diese Herren Dülmen, Bellmann, und wie sie alle heissen mögen, diese werden viel ausrichten? Die Figuren