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einige Tränen. Als er zu ihr ging, sagte sie, ohne dass es die fern Sitzenden hören konnten, sehr gerührt zu ihm: "Mir ist, als wenn mit Ihnen unser guter Genius von uns schiede; besonders verlässt unsern Elsheim mit Ihnen sein Schutzgeist. Ihnen muss es immer gut gehen, denn sie sind selbst so gut. Ich kann mir kein besseres Glück denken, als Sie bis zum hohen Alter hinauf zum Freunde zu haben; denn Sie sind echt und treu, in jeder Lage des Lebens kann man sich auf Sie verlassen. Sie werden uns, hoffe ich, so wenig, als wir Sie vergessen."

Leonhard war gerührt und küsste innig bewegt ihre schöne Hand. Es war ihm, als müsse er ihr die Versicherung geben, dass sie sich gewiss künftig noch öfter sehen würden; doch unterdrückte er diese ungehörige Prophezeihung, indem er mehr wie je von der fast überirdischen Schönheit dieses edlen Wesens ergriffen wurde. In diesem Augenblick erschienen ihm Charlottens verführerische Reize gegen diese adelige klarheit wie verdunkelt, und zwar um so mehr, da er beim Umblicken auf den Lippen jener ein halb boshaftes Lächeln wahrzunehmen glaubte.

Bei den übrigen beurlaubte er sich kürzer. Mannlich war nicht zugegen; auch Graf Bitterfeld nicht, der, nachdem ihn eine Unpässlichkeit einige Tage auf seinem Zimmer festgehalten, heute den Künstler Ehrenberg zu seinem Freunde, dem Baron Dülmen, begleitet hatte. Die Virtuosen nahmen von ihm einen leichtfertigen, heitern Abschied, denn sie waren des bewegten Lebens zu gewohnt, als dass irgend etwas sie hätte ernster stimmen können. Nur die kleine Dorotea sparte sich noch einen Augenblick auf dem einsamen Korridor auf, um ihm recht herzlich zu seiner Reise Glück zu wünschen. Die Kleine konnte sich der Tränen nicht entalten, weil sie mit grosser Rührung dabei ihrer Freundin Albertine gedachte.

Späterhin ging Leonhard auf das Zimmer seines Freundes. Vielfache gespräche wurden noch gewechselt, mancherlei Erinnerungen geweckt. "Wir scheiden noch nicht", sagte Elsheim endlich, "denn ich begleite dich morgen noch einige Meilen. Im Winter sehen wir uns dann aber in deiner Stadt wieder. Nicht wahr diese Zeit hier ist für uns beide eine sonderbare Schule gewesen?"

"Das Bewusstsein, dass ich etwas gelernt habe", antwortete Leonhard, "muss sich wohl erst später bei mir melden; denn jetzt bin ich noch zu betäubt, um das nahe Vergangene, das eben Erlebte fassen zu können."

Leonhard stand auf, als wolle er gehen, kehrte aber wieder zurück. Elsheim hatte wohl im Lauf des Gesprächs gefühlt, dass sein Freund von irgend etwas gehemmt und gedrückt werde, und doch scheute er sich, den Namen Charlotte zu nennen, weil es ihm schien, als wolle Leonhard ihm etwas mitteilen über sie. Endlich fasste sich dieser ein Herz, nahm einige Briefe aus seiner tasche und sagte hastig: "Erzeige mir die Freundschaft, diese drei Briefe, in jeder Woche einen, in mein Haus zu senden; ich habe sie geschrieben, als wenn ich noch bei dir wäre. Ich ahnde, dass ich diese reizenden Fluren nie wiedersehen werde; daher will ich mich noch einige Tage in diesen Gegenden, die ich immer so sehr geliebt habe, ergehen, und mag nicht von der Landstrasse, wie ein Umstreifer, nach haus schreiben. Sollten von dort Briefe ankommen, wie ich nicht glaube, so hebe sie mir auf, bis ich dir melde, wohin du sie schicken kannst."

Elsheim konnte es nicht unterlassen, seinen Freund mit einiger Verwunderung zu betrachten; dieser entfernte sich in sichtbarer Verlegenheit, und als sich der Baron allein sah, sagte er zu sich: Man lernt einen Menschen doch niemals völlig kennen, und dieser gar ist einer der verwunderlichsten. Wie ernstaft und dringend kündigte er mir ganz neulich das Wesen und Treiben hier auf; sein Handwerk, seine Pflicht, seine Gattin, alles rief ihn gebietend und schnell in seine Heimat; – und nun, ohne meine Verführung, wie er es nennt, geht er gar auf eigne Hand aus, um weiss der Himmel welche Abenteuer zu suchen und zu erleben. Es ist wohl etwas in uns, ein starker Magnet, der unwiderstehlich zu einem unsichtbaren, aber mächtigen Magnetberge hingezogen wird.

Indem sich Leonhard auf sein Zimmer begeben wollte, lief ihm der Professor Emmrich, der lange geschlafen hatte, und auch nicht am Mittagstisch erschienen war, entgegen. "Sie reisen?" rief er und umarmte ihn herzlich: "das beste Glück begleite Sie auf allen Ihren Wegen, denn Sie verdienen es. Ich hoffe, künftigen Winter in Ihrer Heimat zuzubringen, vielleicht immer dort zu wohnen, und in diesem Fall gehört es zu meinen besten Wünschen, dass aus unserer Bekanntschaft hier sich eine wahre Freundschaft bilden möge. Ich habe es Ihnen wohl angemerkt, dass Sie nicht so ganz in das etwas wüste Getreibe hier passen. Ihre Seele ist zu ruhig, Ihr Geist zu ernst, als dass er sich lange in der Unruhe gefallen könnte."

Auf sein Zimmer angelangt, fühlte Leonhard jene Beklommenheit, die uns immer anwandelt, wenn eine Periode unsers Lebens beschlossen wird, und eine neue anhebt. Jene trübe Angst quälte ihn, indem er nun den Ort, und wohl auf immer wieder verlassen sollte, in welchem er sich fast wie in eine Heimat eingelebt hatte. Sein Geist durchwanderte mit Wehmut die Säle und Zimmer, die sich ihm nun auf immerdar verschlossen, die hinter ihm wie in ein Nichts