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auf altdeutsche Weise Brüderschaft trank; seinem Beispiel folgte der dicke Amtmann, und endlich auch der korpulente Dülmen. Es war ein jubel von Biederherzigkeit und deutscher Gesinnung. Der älteste Bellmann, von dieser Hochherzigkeit begeistert, stand ebenfalls auf, um in derselben Weise mit Ehrenberg anzustossen; doch der Vater, der es noch zur rechten Zeit bemerkte, zog ihn gelinde am Rockschoss zurück, und nötigte ihn wieder auf seinen Platz, indem er leise sagte: "Nicht also, Freund Bastian! Unterschied der Stände und Geschlechter muss sein und bleiben; sich so zu verduzen, auch mit dem allerbesten Künstler, geziemt unsereinern nicht. Trink du Schmollis und auf Duz mit Kammerherren, Gutsherren und deinesgleichen, so viel du willst, bis du unter den Tisch fällst, und dich vier Bediente nach haus tragen müssen, dagegen werde ich als leiblicher Vater nichts einwenden, aber nicht mit Musikanten und solchen Leuten; denn, siehst du, wenn sie nun einmal wieder mit dem Teller herumgehen, so bist du doch völlig blamiert und in Kadenzierung."

Trotz dieser Warnung aber ward Ehrenberg auf sein Gut eingeladen, ebenso wie zu der Freifrau und dem Baron Dülmen. Sie nahmen sich vor, auch in ihren Häusern dieselbe, oder ähnliche Komödien aufzuführen, und Ehrenberg sollte die Sache anordnen, und die Söhne des alten Bellmann zu solchen Künsten abrichten. Die alten Damen sahen sich schon in zärtlichen und erhabenen Rollen in glänzenden Schleppkleidern auf dem erleuchteten Teater.

"Sie bewundern mich zuviel", sagte der vom Lobe berauschte Ehrenberg in einer Pause, "und vorzüglich auch deswegen, weil es mir vielleicht gelang, diese beiden grossen und wichtigen Rollen bedeutsam zu spielen; – was aber sagen Sie zu jenem Wagestück, dass ich mehr als einmal das ganze ungeheure Schauspiel ganz allein aufgeführt habe?"

"Ganz allein, Mann, Bruder?" schrie Dülmen beinah erschreckt; "ganz allein, du Herzensjunge? Tausend Sapperment, das nenn ich Kunst! Und mit den Weibsen und den Liedern und dem Schiessen und all den Hunden und den verfluchten Bullenbeissern? Du bist ein grosser Mann und mehr als wir alle, aber das kann ich doch zeitlebens nicht begreifen."

Es war jetzt nicht Zeit und gelegenheit, begreiflich zu machen, unter welchen Einschränkungen und Bedingungen die Sache etwa nur möglich sei, denn die Fähigkeit zu verstehen war so ziemlich, auch zum teil die zu hören, erloschen. Diese dityrambische Verwirrung benutzte Bellmann, um seinen Söhnen noch in später Nachtzeit durch sein Exempel ein heilsame Lehre einzuprägen; er erhob sich mit seinem Glase taumelnd und lallend, die drei Söhne mussten ihm folgen, einer hinter dem andern; so kam das Geschwader zu Elsheim. Der Alte hielt eine kurze, unsinnige Anrede, und so sah sich Elsheim durch den symbolischen Akt des Trinkens und Umarmens um vier Brüder bereichert, die ihm, wenn er an Leonhard dachte, in seine nur kleine Sammlung nicht zu passen schienen.

Übermüdet stand man auf, indem fast schon der Morgen graute. Die Fremden fuhren, nachdem sie noch einmal ihr Herz gegen Elsheim in den stärksten Danksagungen ergossen hatten, nach haus. Elsheim, Leonhard und der Professor konnten lange den Schlaf nicht finden, so verstimmt fühlten sie sich. Das nämliche fast begegnete Ehrenberg, den aber der Schlummer floh, weil die Entzückung nicht weichen wollte. So viel er auch schon erlebt haben mochte, so war er doch noch niemals so verehrt, und sein Talent noch niemals in gleichem Grade anerkannt worden. Nur wenige im haus hatten in dieser Nacht ruhig geschlafen. Selbst die Frauen, die nur in der Ferne das Schiessen, Schreien und Toben der Schlacht, die Trompeten und das Hundegebell gehört hatten, waren dadurch so aufgeregt worden, dass sie auch späterhin die erquickliche Ruhe nicht finden konnten. Die alte Baronesse sagte: "Es ist mit der Kunst eine sonderbare Sache, dass zuweilen solche fast greuliche Explosionen stattfinden, die dem ruhigen Menschen ein Grauen vor der ganzen Erfindung beibringen könnten. In meiner Jugend hatte man von dergleichen keine Vorstellung. Ich fürchte nur, mein Sohn setzt sich in diesen Extravaganzen fest, und trägt in seinem Kreise auch dazu bei, die schon verwirrte Zeit immer mehr zu verwirren."

Beim Frühstück, welches heute viel später als gewöhnlich eingenommen wurde, verabredete man eine Spazierfahrt auf morgen, an welchem Tage die alte Dame eine Familie in der Nachbarschaft in Gesellschaft der Tante besuchen wollte. Alle waren erstaunt und zum teil betrübt, als Elsheim erklärte, dass er die Mutter nicht begleiten könne, weil er seinen Freund Leonhard eine halbe Tagreise bringen wolle, der morgen schon, von Briefen aus der Heimat gedrängt, das Schloss verlassen würde. Die Mutter beklagte den Verlust des freundlichen jungen Mannes, dessen stilles, sicheres Wesen ihr immer so wohlgetan habe.

Bei Tische war die Unterhaltung weniger belebt als sonst, da mancher zum teil noch die Ermüdung des vorigen Tages fühlte, andere aber einer gewissen Wehmut sich nicht erwehren konnten, weil der von allen geliebte Leonhard jetzt aus ihrem Kreise scheiden sollte. Nach Tische beurlaubte sich dieser bei der Mutter, welche ihn sehr freundlich entliess. Charlotte war gegen ihn ganz heiter und unbefangen, auch so gesprächig, als wenn kein anderes Verständnis je zwischen ihnen obgewaltet hätte. Sie drückte ihm wiederholt die Hand, lachte, blickte ihn mit hellen Augen an, und wünschte ihm alles Glück, indem sie hoffte, dass sie sich späterhin wiederfinden würden. Albertine sass abseits im tiefen Fenster und trocknete unbemerkt