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sei noch niemals gesehen worden; so etwas könne sich kein Mensch träumen lassen: darin kamen alle überein. Aber Ehrenbergs Monolog! Jetzt entüllte sich erst der ganze Bösewicht, an dessen Schändlichkeit man bis dahin immer noch etwas hätte zweifeln können. Es wäre grausig und könnte einem im Traum wieder vorkommen; so äusserten sich die Söhne des Baron Bellmann. – Jetzt trat Amalie auf. Die Bauern, welche sie kannten, waren in der grössten Freude, die sie, um die Damen zu begrüssen, mit einem lauten, wiehernden Gelächter äusserten. Sogleich erhoben sich Bellmann und Dülmen von ihren Sitzen, kehrten sich um, indem sie majestätisch umhersahen und riefen: "Stille, das da ist ein Trauerspiel, gutes Volk!" – Lene, des Försters Tochter, war vortrefflich in ihrer Rolle, so sicher und frei, so ohne Verlegenheit, dass selbst Elsheim über ihre zu grosse Keckheit erstaunen musste. Diese Dreistigkeit tadelten auch an ihr die alte Dame und ihre Töchter; die jungen Bellmann aber und die Forstleute lobten sie um so mehr wegen dieser majestätischen Sicherheit. Wärend ihres Monologs kleidete sich Franz mit Blitzesschnelle zum Karl um, warf die rote Perücke ab, und setzte eine andere auf, mit schönen herabfallenden Locken, die wie schwarze Troddeln über Stirn und Wangen fielen. Gleich in seiner ersten Szene brachte Spiegelberg zwei von seinen kräftigen Liedern an, die auch von der besten wirkung waren. "Jetzt dürfte man vielleicht lachen", sagte Dülmen ziemlich laut, und die Bauern, die seinen Ausspruch gehört hatten, bedienten sich dieser Erlaubnis. Moor stürzt ab, und Spiegelberg ermuntert die Kameraden, sich mit ihm zu einer Räuberbande zu verbinden. Wieder ein Lied, und der Forstrat sagte: "Bei Gott! eigentlich wird das Spitzbubenhandwerk von dem schönen grossen mann da doch gar zu appetitlich abgeschildert. Wenn uns da das Gesindel in die Wälder läuft und das wild wegpirscht, so ist es nicht mehr zu verwundern."

"Wahr, Herr Nachbar", rief Bellmann: "gefährliche Äusserungen unter diesen Umständen! Nur werden sie eingesteckt und kriegen Prügel, was denn auch wieder nicht sehr appetitlich ist."

Moor kam wieder in der ungeheuersten Verzweiflung. Dem Ausbruch ungemessener Wut folgte sein Entschluss, Räuber und Mörder zu werden. Seine Genossen schwören ihm Treue, und alle stürzen tumultuarisch ab.

Die Bellmann, Dülmen und seine Begleiter, die fremden Damen, alle konnten nicht Worte finden, um die Bewunderung für diesen Schauspieler genügend auszudrücken, welcher mit so grossem Kraftaufwande den Räuber Moor spielte. Aber welch Erstaunen ergriff sie insgesamt, als ihnen Elsheim vertraute, dass dieser Mann, der ein wirklicher Bühnenkünstler und kein blosser Liebhaber sei, Kunst und Kraft genug übrigbehalte, um neben diesem edlen Bösewicht auch noch jenen ganz verworfenen, hämischen Franz zu spielen. Anfangs erstarb ihnen das Wort im mund, dann aber begannen alle zu zweifeln, und meinten, der junge Baron treibe nur seinen Scherz mit ihnen, bis nach wiederholten Beteuerungen Elsheims ihr starrer Zweifel brach, um die Flut einer ungemessenen Bewunderung ausströmen zu lassen. "Den Mann müssen wir sehen!" riefen die Bellmann wie aus einem mund. "führen Sie uns auf das Teater", schrie Dülmen, und seine gefährten akkompagnierten. Die Damen begnügten sich, ihre Bewunderung in Tränen des Entzückens auszudrücken, da sie die Hoffnung nährten, nach geendigtem Schauspiel den Wundermann auch persönlich kennenzulernen. Stampfend und mit den Sporen klirrend folgte der männliche Chor dem anführenden Elsheim, der sie seitwärts durch einige Zimmer geleitete, um sie von der hintern Seite auf das Teater zu bringen. Dort hatte sich Ehrenberg schon wieder zum Franz umgewandelt, und als jetzt die lärmende Gesellschaft hereinstolperte, und Dülmen schrie: "Karl Moor, wo ist Karl Moor?" lief ihm der rotaarige Franz verwundert entgegen. "Mensch!" schrie der alte Bellmann, "wo ist dein Bruder Karl Moor?" – "Meine Herren", sagte Ehrenberg, "sollten Sie es nicht wissen, dass ich es bin der beide Charaktere gibt?" – "Ist ja wahr!" schrie Dülmen auf, "man wird ganz dumm bei solchem Wunderwerke!" – Er drückte den Künstler so heftig an seine Brust, dass dieser laut hätte schreien mögen. Bellmann umarmte ihn ebenfalls. "grosser Mensch", sagte er dann, "wir und meine Söhne müssen uns näher kennenlernen, Sie müssen zu uns hinüberkommen; – können Sie meine Kinder da wohl unterrichten, dass sie auch so was lernen?" – "Gewiss", sagte Ehrenberg, "und ich werde glücklich dadurch sein." – "Zu mir auch, auch zu mir müssen Sie kommen!" jubelte Dülmen: "– wir sind alle Menschen, ist es nicht wahr, Bellmann?" – "Man sollte es doch glauben", antwortete dieser. – Alle drängten sich gaffend, fragend, schreiend, lachend, ihn anrührend, um den grossen Wundertäter, so dass Elsheim anfing besorgt zu werden, das Männchen möchte in dieser grossen Popularität Schaden nehmen, oder gar verhindert werden, seine Rolle, von der noch bei weitem das meiste zurück war, fortzuspielen. Er schaffte also mit Redekünsten die stürmischen Bewunderer wieder von der Bühne, die es ganz vergessen zu haben schienen, dass sie noch vier lange Akte zu erwarten hatten. Sie entfernten sich endlich, ungern zwar, wandten noch oft die Blicke rückwärts, und erzählten den wissbegierigen, gespannten Damen im Parterre nun