hatte den Kosinsky eingelernt der Komponist hatte es möglich gemacht, Roller und den Bastard Hermann zu übernehmen; Franz Moor erdrosselte sich und erwachte nicht wieder zum Leben, daher war es dem kühnen Ehrenberg etwas Leichtes, beide feindliche Brüder darzustellen und der Schulze hatte sich vom Schulmeister verführen lassen, den alten Diener Daniel einzuüben. Bauern, Knechte, Diener des Hauses und der Gärtner mit seinen Gehülfen, sowie die Jägerburschen, waren in den Proben als Soldaten, Räuber und andere Helfershelfer abgerichtet worden.
So war denn der grosse Tag erschienen, an welchem dieses gewaltige Werk die Zuschauer entzücken sollte. Elsheim hatte seine Mutter beredet, an diesem Abend nicht im Schauspiel zugegen zu sein, weil sie, welches sie nach seiner Schilderung begriff, an der Grausamkeit des Gegenstandes und dem übertriebenen lauten Getümmel keine Freude haben könne; sie zog sich auch um so lieber unter dem Vorwand der Unpässlichkeit zurück, weil jene Zuschauer, die sich für diesen Abend zugedrängt, und die des Sohnes Einladung mit Freuden angenommen hatten, ihrem Sinn auf keine Weise zusagten. Es ward beliebt, dass die Tante, Charlotte und Albertine, sowie Dorotea, ihr Gesellschaft leisten und sie auf ihrem weit abgelegenen Zimmer mit Musik unterhalten sollten. Dort also ward gesungen und gespielt, indes Elsheim seine Gäste empfing, ihnen ihre Plätze anwies, die Mutter und die Damen entschuldigte, und in Gesellschaft des Professors mit allen sprach, freundlich zuhörte und die Honneurs des Hauses machte, so gut und schlimm er es vermochte. – Auch Leonhard war im Teatersaal zugegen, um die Fremden zu unterhalten.
Zuerst erschien die alte Frau von Brommen mit ihren veralteten Töchtern. Ihre Dankbarkeit und die übertriebenen höflichen Redensarten wären unerträglich gewesen, wenn Emmrich nicht die Geschicklichkeit besessen hätte, das Gespräch sogleich auf andere Gegenstände zu lenken. Von dem lärmenden und laut schreienden Bellmann wurden sie dann unterbrochen, der mit seinen drei Söhnen, immerdar fragend und die Antwort nicht abwartend, in den Saal brach. Alle staunten, da sie gar keinen Begriff von einem Teater hatten, und waren darum in gespannter Erwartung um so begieriger. Jetzt erschien auch der dicke Jäger mit seinen Begleitern, und alle sassen schnaubend und fast schnarchend auf ihren Plätzen, indessen die drei Bewirter die schwere Aufgabe zu lösen hatten, auf alle ihre sonderbaren fragen ihnen genugzutun. "Wissen Sie wohl", sagte der unbeholfene Dülmen schnarchend und schnaubend, "was ich schon auf unserm neulichen Landtage meinen Kollegen und dem Herrn Präsidenten habe vorschlagen wollen? Man hört so viel jetzt von allen Menschenfreunden gegen die Todesstrafen und die öffentlichen Hinrichtungen reden; sie meinen, es sei nicht recht schicklich und anständig für gebildete Nationen, wie wir sind, und dergleichen. Nun habe ich mir sagen lassen, dass in Trauerstücken oft viele Personen auf dem Teater umkommen, die sich zum teil selbst entleiben, zum teil von andern erstochen werden. So wäre es also vielleicht recht erspriesslich, wenn man die ausgemachten Malefikanten und Verbrecher, Mordbrenner und solch Volk diese Tragödienstücke aufführen liesse, damit ihnen dort mit Geschmack und Anstand vom Brote geholfen werden könnte."
"O mein Himmel!" rief eine von den Witwen, "das wäre ja noch grausamer und blutiger, als die spanischen Stiergefechte. Nein, dem ist unser edler deutscher Sinn, unser weiches Gemüt zu sehr entgegen."
"Warum edles Gemüt?" rief Dülmen, der Jagdfreund; "hätte mich je etwas bewegen können, mal nach dem bigotten land hinüberzureisen, so wären es gerade diese superben Stierhetzen gewesen: eine so noble Erfindung, dass man sie einem so rohen, unwissenden volk gar nicht zutrauen sollte. Teufel noch einmal! so ein wilder Ochs, so ein wütiger Kerl, der gar keine Raison annimmt! Und nun die lieben Hunde, und der dreiste Mensch, der ihm den Fang gibt! Und Tausende von Menschen umher, vornehme, Fürsten, geputzte Frauenzimmer und das Bürgervolk, und alles ruft und klatscht Beifall! Nein, meine gnädige Frau, bitte tausendmal um Vergebung, das muss ja etwas wahrhaft Paradiesisches sein."
Bellmann sagte: "Schauen 's, so war auch ehemals die berühmte Bärenhatz in Wien. Aber alles Gute geht zugrunde. Ich bedauere nur unsere Nachkommen, die es noch schlimmer haben werden."
Jetzt begann die Musik. Der Komponist hatte zwei Orchester angeordnet, eins oben auf dem Balcon, ein anderes vorn unmittelbar vor dem Teater. Jedes spielte erst einzeln und vereinigte sich dann, um ein rechtes tobendes Gewirr von Tönen in die Schlacht zu führen.
Da Ehrenberg sich gar nicht darüber hatte zufriedengeben wollen, dass kein grosser, breiter Vorhang vorn die Bühne von den Zuschauern trennte, Emmrich auch einsah, dass ein modernes Stück dessen nicht gut entraten könne, so hatte er zwei grosse Gardinen besorgt, die vorn sich in der Mitte berührten und, wenn der Akt anheben sollte, durch zwei Schnüre zurückgezogen wurden, so dass sie auf beiden Seiten verschwanden.
Jetzt trat Franz Moor auf mit seinem Vater, dem alten Grafen. Mannlich sprach diesen in seiner tragischen Weise breit, stark, langsam, mit angeschwollenen Wangen und hervorgedrehten Augen. Franz war aber in der Kunst, Gesichter zu schneiden viel geübter, denn wenn Mannlich beinahe nur immer denselben Ausdruck anbrachte, so lief über das Gesicht des verstockten Bösewichts Franz das Mienenspiel wie ein Zickzack mit Blitzesschnelle. Die Zuschauer, die vornehmen sowohl, wie die Bauern, welche man zugelassen hatte, waren ganz hingerissen von Erstaunen und Bewunderung. So was