eine Bestellung auf einen gewissen Tag in das Waldhäuschen der Försterin entielt, wo sie so ungestörter verweilen könnten, weil an diesem Tage Elsheim mit seiner Mutter und der Tante zum Besuch über Land sein würde. Ausser den Zärtlichkeiten entielt das Blatt Anklagen gegen Elsheim, der sich aufdränge, der die Liebe störe, der sie wohl argwöhnen möge, und dergleichen mehr. Leonhard erstaunte über diese tiefe Treulosigkeit und so sicher wandelnde Unwahrhaftigkeit. "Sollen wir es beklagen", sagte er dann, "ass ein so schönes Wesen sich diese Falschheit aneignen konnte, oder sollen wir annehmen, dass sie so sein muss und nicht anders kann? Wäre sie ohne diese arge Zweideutigkeit weniger reizend? Konnte sie das, was uns bezaubert, nur in ihrem jetzigen Charakter entwickeln?"
"Nun, Geliebter," fing Elsheim wieder an, "lass mich gewähren. Du sollst nicht im mindesten kompromittiert werden, als wenn du mir dies Blatt überantwortet hättest, oder irgendeine Abrede zwischen uns stattfände. Meine leidenschaft soll das Wort führen, und sie, die so hinterlistig verfährt, muss es ja entschuldigen, dass ich der jungen Försterin das Geheimnis abgeschwatzt, ihr das Blatt entrissen und den Brief, ohne dass du etwas davon weisst, gelesen habe. Nach ihrem System muss sie es mir Dank wissen, dass meine Liebe alle Rücksichten, auch gegen dich, fallenlässt, und ihre Gunst mir das Höchste und einzige auf Erden ist. So werde ich an deine Stelle treten, und ohne Zweifel glücklich sein. – Nun ist also der Schatten vom hellen Sonnenlicht verscheucht, der sich zwischen unsere Freundschaft zu legen und düster anzuwachsen drohte. – Aber, Geliebter, du liessest vorher ein Wort fallen von deiner nahen, baldigen Abreise. Diese Drohung nimm zurück. Ich habe schon mit unserm Professor allerhand verabredet. Er schwärmt dafür, uns nächstens das Lustspiel Shakespeares: 'Wie es euch gefällt' aufzuführen, und wir alle sind schon darin übereingekommen, dass es in der ganzen Welt keinen solchen Orlando geben kann, als wie du ihn spielen würdest. Auch hättest du nicht zu besorgen, wieder mit Charlotten in einen Liebesstreit zu geraten, denn Albertine würde deine Rosalinde darstellen, und die kleine Dorotea Celia, ihr Mühmchen. Darum gib noch eine Woche, oder zehn Tage nach jenen Räubern zu, die uns nun so nahe bevorstehen; dann – –"
"Nein! nein! mein Geliebtester!" unterbrach ihn Leonhard sehr lebhaft, "nur dies, dies fordere nicht von mir! Alle Gefühle zwischen uns, alle möglichen Missverständnisse, mein teurer Freund, sind nun geschlichtet; wagen wir es nicht darauf, ob sich neue erzeugen könnten. Du weisst, was dich zu dieser Reise begeisterte; du erinnerst dich, was mich verführte, dich zu begleiten. Sieh nun, wie sich alles anders gewendet hat, als wir es damals erwarteten. Statt unserer kindlichen Liebe zu Goete, hat sich eine ganz andere unseres Herzens, und mit störender leidenschaft und Heftigkeit bemeistert. Nein, mein Freund, jener Tag, der dich an meiner Statt nach jener dämmernden Waldhütte führt, sei auch der Tag meiner Abreise. Für einen schlichten Bürger, dächte ich, hätte ich der Abenteuer genug bestanden. So weit mag es sich vielleicht entschuldigen lassen, wollte ich aber irgend einem Gelüste länger nachgeben, so müsste ich mich vor mir selber schämen. Und welche Rechenschaft könnte ich meinem Haushalt, meiner Frau, meinen Handwerksfreunden und Genossen ablegen? Ich muss nach Haus, und um kein Taugenichts zu werden, in meine alte Ordnung zurückkehren. Noch ist es Zeit, und du selbst, wenn du mich liebst, solltest mich forttreiben; denn jetzt vernarbt sich wohl noch die seltsame Wunde, die ich mit mir nehme."
Sie trennten sich, und Leonhard fühlte sich beruhigt, doch war ihm, als wenn er einen unendlichen Verlust erlitten hätte. Elsheim war ganz heiter, und konnte froh an der Gesellschaft teilnehmen, seine Gäste unterhalten und seinen phantastischen Plan mit Charlotten verfolgen. Als er nachher mit dem Schauspieler Ehrenberg, der schon in den bessern Kleidern umherging, sich im Garten traf, sagte er zu diesem: "Nur nicht, mein Lieber, diese übertriebene Dankbarkeit und zu weit getriebene Höflichkeit. Lassen Sie es sich bei mir und den Meinigen in diesen Tagen wohlsein, spielen Sie Ihre Rollen, und sein Sie so frei und unbefangen, wie nur irgend möglich, denn nur dadurch werden Sie mir am besten danken."
Der alte Förster, der so laut damals geklagt hatte, als man ihm die Rolle des Zigeuners zugemutet hatte, begab sich diesmal fast freiwillig unter die Komödiantentruppe, und zwar, um keine sehr dankbare Rolle, den Schufterle nämlich, zu spielen. Er übernahm diese Partie als die kleinste und unbedeutendste im Stück, und zur Teilnahme hatten ihn vorzüglich zwei Dinge vermocht: erstlich, dass seine Tochter eine so wichtige und glänzende Rolle übernehmen sollte, und dann, dass ihn der ausgelassene Bassist überredet hatte, alle seine Jagdhunde mitzubringen und mitspielen zu lassen. Denn da Karl Moor im zweiten Akt ausdrücklich sagt: "Auch müssen alle Hunde los und in ihre Glieder gehetzt werden, dass sie sich trennen, zerstreuen und euch in den Schuss laufen!" – so schien es beiden mehr als unbillig, den guten, so oft geplagten Geschöpfen die einzige gelegenheit zu rauben, sich auch einmal auf der Bühne und in einer künstlerischen Mitwirkung zu zeigen.
Alles war bereit. Der Cadet