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wenn du nur ahnden könntest –"

"Ich begreife alles, alles, nur zu sehr", unterbrach ihn Elsheim. "Auch weiss ich mehr von dir, als du denkst; ich weiss es, wie lange und ganz allein ihr neulich bei der kleinen Försterin gewesen seid, neulich, als du wie ein armes verirrtes Lamm so viel Wolle in den Dornen gelassen hattest. Diesen Brief hat dir die kleine Vermittlerin auch geben sollen, in welchem dich die allzu reizende Sirene wieder bestellt, und wohl dann auf mehr Liebe hofft, als du ihr neulich magst bewiesen haben. Alles dies hat mir die leichtsinnige Witwe freiwillig verraten, in Rührung und Entzückung, weil ich ihr die Rolle der Amalia in den Räubern zugesichert habe. Aber freiwillig hat sie mir alles bekannt, ich gebe dir mein Ehrenwort darauf; nein, ich wollte sie gar nicht ausfragen, ich wollte gar nichts von ihr wissen. Und darum lies du deinen Brief; tu, was sie von dir verlangt, sei so glücklich, als sie dich machen kann, und lass alsdann dies Gespräch, welches wir jetzt geführt haben, völlig und auf ewig vergessen sein. Aber schwöre mir nur, dass diese Charlotte unsere Freundschaft nicht stören, dass sie unsere Gemüter nicht entfremden oder erkälten soll."

Leonhard hatte wohl bemerkt, wie bewegt sein Freund war, sosehr er auch Ruhe und seine gewöhnliche Haltung zu erzwingen suchte. "Nein!" rief er aus, "nein, Elsheim, unsere Freundschaft muss wahrer, stärker sein, als eine abenteuernde leidenschaft, sei der Reiz, die Verführung des Augenblicks und der gelegenheit auch noch so gewaltig. Liebster, du hast Erwartungen, Absichten, dich bezaubert dies schöne Wesen, und so gebe ich dir hier, wenn auch mit Kampf und Leid, das heilige Versprechen, sie nicht mehr allein zu sehen, sie zu vergessen, und bald abzureisen."

Kaum hatte Leonhard diese Worte geendigt, als sich Elsheim schon an seinen Busen stürzte, und ein heftiger Tränenstrom ihm die Brust erleichterte. Leonhard erschrak über den gewaltigen Ausbruch einer kaum geahndeten leidenschaft, und indem er den Freund trösten und beruhigen wollte, hob dieser ihn in seinen starken Armen vom Boden auf, und trug ihn laut lachend im Zimmer herum, setzte ihn, nachdem er so eine Weile gejubelt hatte, in das Sofa nieder, und stellte sich dann, sein lachen noch vom Schluchzen des Weinens unterbrochen, vor den ganz erstaunten Leonhard, und deklamierte patetisch: "Ich habe es immer gesagt: 'Den Tischler wollte die natur zu ihrem Meisterstücke machen; aber sie vergriff sich im Tone; sie nahm ihn zu fein.'"

Diese Rede Odoardos zwang Leonhard, so ernstaft er auch gestimmt war, ebenfalls zu lautem lachen. Nun setzte sich Elsheim zu ihm, nahm seine beiden hände und drückte sie an seine Brust. "Sieh, mein Bruder", sagte er, wieder innig gerührt, "ich weiss, dass ich ein Tor bin; ich weiss, dass ich in einem Jahre, vielleicht noch früher, diesen meinen jetzigen Zustand belächeln werde; – aber betrachte auch den Menschen in seiner ganzen Nackteit, in seiner unverhüllten Schwäche, denn ich will vor dir nicht besser und stärker erscheinen, als ich bin. Seit Wochen quält mich eine tödliche, giftige Eifersucht, und ringt und zankt mit meiner Liebe zu dir. Und wer ist es, der uns so auseinanderzureissen droht? O spreche man mir nicht von Moral und Tugend, Ehrfurcht und Ideal, wenn das unbändige, das riesenhafte Rätsel in unserm inneren aufwacht und zur Auflösung ringt. Konnte ich glauben, dass ich dies in meinen reiferen Jahren erleben sollte, und dass in diesem Zauber, in dieser Verblendung mein Sinn und mein Gefühl so klar und unbestechlich bleiben konnten? Wie sah ich ehemals mit verachtender Erbarmung auf jene Elenden hinab, die Vermögen, Leben, Ehre, Glück der Familie und der Eltern Kreaturen preisgeben, deren Untreue, Eigennutz und Lügenhaftigkeit sie kannten! Oh, jetzt verstehe ich diese unglückselige Zerrissenheit und dies vergebliche Ankämpfen gegen eine bessere Überzeugung! Glaubst du, dass ich die Zauberin verehre, oder nur achte? Wenn ich dies Gefühl in mir erwecken will, so erwacht vielmehr das entgegengesetzte. Was aber hat dies Gefühl auch mit dem Rausch und dem Wahnsinn zu tun, der mich, wie den Rinaldo, mit Blumenketten zu den Füssen dieser Armida bindet? Ist es nicht, als wenn man fragen wollte, was die Jo oder Leda des Correggio wohl noch an diesem Tage speisen würde? Oh, Liebster, da du sie aufgibst, so kann ich die übrigen umher mit Geringschätzung betrachten. Und glaube nur, ich weiss das Opfer zu würdigen, welches du mir bringst: das grösste, das wundervollste, den Genuss, den die schwelgende Phantasie nicht glänzend genug ausmalen kann! Wie hätte ich ahnden können, als wir hieherkamen, und ich dir von diesem Mädchen sprach, dass die Sünderin mich so verstrikken sollte! – Damit du aber siehst, dass du sie in keinem Sinne verrätst, dass du nichts Ehrloses, nichts Grausames an einem weib begehst, so lies diese zärtlichen Billete, die sie mir in derselben Zeit geschrieben hat, als sie auch dich zu fangen trachtete."

Leonhard las und war verwundert, denn das hatte er doch nicht erwartet. "Nun lies aber auch ihren neusten Brief an mich", sagte er dann. Elsheim fand, dass er wirklich