, jeder den andern vermeidend und suchend, nach Frohsinn ringend, fast immer zerstreut, so dass das Gespräch oft plötzlich unterbrochen wurde, und die beiden Freunde gewannen durch diese Lästigkeit und den Druck der Gegenwart die Überzeugung, dass es notwendig sei, zu einer deutlichen Erklärung zu kommen.
Leonhard hatte im Teatersaal ein Buch liegenlassen und ging hin – es war noch früh am Morgen – es zu suchen. Er fand es nachdem er eine Weile herumgekramt hatte, und, indem er sich an die Säule lehnte, stand plötzlich Charlotte vor ihm. Er war bei diesem Anblick tief bewegt, ja fast erschrocken. Es schien, als sei sie schnell die Treppe heraufgestiegen, denn ihr Atem war kurz, und eine wallende Röte hatte ihre Wangen überflogen. "Sehen wir uns endlich einmal allein?" flüsterte sie. "Böser, wie habe ich dich erwartet, und du kamst immer nicht!" – "Kann ich?" antwortete er schnell, "bin ich nicht fast wie ein Gefangener?" – "Ich habe dir geschrieben, Geliebter", sagte sie und blickte ihn sehnsüchtig mit forschendem, erwartendem Auge an. Plötzlich umschlang sie ihn und küsste ihn heftig. Er, gerührt und überrascht, wollte die arme um den schönen Nacken schlingen, als er sich gewaltsam, ja wie mit Entsetzen zurückgestossen fühlte. "Es ist unrecht", sagte sie dann kalt, "dass Sie mir neulich das Buch hier wegnahmen, ohne es mir vorher zu sagen; ich habe es allentalben im haus und Garten vergeblich gesucht." Der erstaunte Leonhard wollte antworten, als er jetzt erst bemerkte, dass Elsheim hinter ihm stand. – "Ei, Baron!" sagte jetzt Charlotte, "wo kommen Sie denn her? Ich wollte eben zum Frühstück kommen und suchte nur hier mein Buch, das ich verloren hatte. Wissen Sie, dass Sie mir heute morgen die vierhändige Sonate spielen wollten?"
"Meine Mutter erwartet Sie schon", sagte Elsheim freundlich, "nachher aber, mein fräulein, bin ich sogleich zu Ihren Diensten."
"Auf Wiedersehen also, meine Freunde", sagte Charlotte mit einer höchst anmutigen Verbeugung, "und lassen Sie uns nicht zu lange beim Frühstück warten, denn die Mama hat gern, wenn sie so heiter ist, wie jetzt, alle ihre geliebten Häupter beisammen."
Sie verschwand mit jener zierlichen Eile und dem trippelnden Hüpfen, welches ihr so wohl stand, wie sie es denn wohl wusste, dass sie in allen ihren Bewegungen reizend war. Die Freunde standen sich jetzt allein gegenüber. Sie sahen sich bedenklich an, beide verlegen, doch lachte endlich Elsheim laut auf. – "Was ist dir?" fragte Leonhard.
"Du weisst doch", sagte der Baron, "wie unser gelehrter Professor uns neulich so hübsch die Vorzüge dieses seines altfränkischen Teaters auseinandersetzte. Eine Bequemlichkeit hob er besonders heraus, dass nämlich eine dritte person so ganz ungeniert zugegen sein könne, ohne dass zwei andere sie wahrnähmen, und wie dies durch diese Säulen, Stufen, Mittelbühne und dergleichen so ganz natürlich zugehe. Der Mann ist doch in allen Dingen gerecht und zuverlässig. Ist es denn aber wahr? und wirklich eine wirkliche Wahrheit?"
"Und was soll wahr sein?"
"Dass du als Papageno angestellt bist. Sie sagen, du habest dir einen ungeheuren Käfig angeschafft; in den wollest du alle unsere Mädchen und Frauenzimmer einsperren, dir das ungeheure Ding als einen portativen Harem auf den rücken schnallen, und alle die Weibsen als dein rechtmässiges Eigentum fortnehmen."
"Ich verstehe deinen Spass nicht", sagte Leonhard ganz verlegen.
"Es wäre ein hübsches romantisches Gegenstück", fuhr Elsheim fort, "zu jenem weltbekannten Kinderund Rattenfänger von Hameln. Das Schloss des Papageno hast du wenigstens schon seit lange am mund, und darum, weil ich dies sehe, muss ich fürs erste auch die andere Nachricht glauben."
Jetzt trat der Professor mit einigen andern herein, und der Künstler Ehrenberg folgte, dem das Teater gezeigt wurde, über welches er in das höchste Erstaunen geriet. Elsheim fasste freundlich zärtlich den Arm Leonhards in den seinigen und sagte: "Folge mir auf mein Zimmer, wir wollen hier die Herren nicht stören."
Als sie dort angelangt waren, setzten sie sich schweigend nieder. "Ich habe einen Brief an dich", sagte dann der Baron.
"Von haus?" fragte Leonhard mit einiger Beschämung.
"Bewahre!" antwortete Elsheim mit schadenfrohem blick. "Es ist ja erst ganz kürzlich ein Brief angekommen. Wer wird so oft schreiben? Nein, mein Lieber, der Brief, den ich für dich habe, ist ohne alle Adresse, aber dennoch weiss ich, dass er an dich gerichtet ist."
Er hielt ihm ein versiegeltes Blatt hin, welches Leonhard ungewiss und zaudernd betrachtete. "Du siehst", sagte er dann, "das Siegel ist unverletzt, sosehr ich in Versuchung gekommen bin, von dem Inhalt etwas zu erfahren; ein böser Charakter hätte frisch aufgebrochen, da mit keiner Silbe hier gesagt ist, wer diesen weissen unschuldigen Brief lesen soll."
"So sei es!" rief Leonhard in einer fast komischen Verzweiflung aus; "der Brief ist von Charlotten."
"Ohne Zweifel", sagte Elsheim, "und –"
"Mein Freund", fuhr Leonhard bewegt fort, "– ich – oh, wenn du wüsstest