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da es nämlich der Herr Baron alleweil und jetzund erfahren. Christlich angesehen, wenn auch gar nicht nachbarlich: wo sollen denn meine drei Jungen, die nun alle schon heiraten könnten, Bildung herkriegen hier auf dem land, wenn die höchsten Potenzen und die allernatürlichste Nähe ihnen in der ausdrücklichsten Möglichkeit, ja selbst Wirklichkeit nicht gereicht werden? Ist es zu verwundern, wenn sie dumm bleiben könnten? Und wer hätte nachher die Verantwortung dieser, wie so mancher andern Dummheit auf sich, als mein Herr Baron? Nein, der Löwe kann wohl einmal eine Maus aus ihrem Netze beissen; bitte darum, die hochmögende Nachbarschaft sich nicht zu Feinden zu machen, wie wir gewiss alle in obszöne und stupröse Gehässigkeit uns verwandeln müssten, trotz den Emanzipationen eines bessern Gewissens. Spielen Sie also wieder ein Trauerstück, so darf ich hoffen, mit meiner Familie in dieses, wie in Ihr Wohlgefallen, abendlich oder nächtlich eintreten zu dürfen. Sans rancune übrigens und sans adieu, das heisst, in Hoffnung und Erwartung, dass uns der Herr Gevatter zum nächsten Teater menschenfreundlich invitieren wird, beharre ich, ungeachtet meiner zu vernachlässigenden, aber alsdann schon vergesslichen Obliegenheit Meines hochgeehrten Herrn baron ergebenster Diener, Baron Bellmann und zugleich seine Söhne, näm

lich alle drei."

Man lachte über diesen kauderwelschen Brief, und Elsheim sagte: "Was hätte dieser Mann nun nebst seinen drei Söhnen mit unserm drei-Königs-Abend anfangen sollen? Und er wird wüten, wie er hier zu verstehen gibt, wenn er nicht nächstens eingeladen wird. Und sollten wir selbst niemals wieder spielen, wird er doch seinen Zorn nicht aufgeben."

"Ist es erlaubt", sagte der Sänger, "den zweiten Brief vorzutragen, der vielleicht von demselben Inhalt und ähnlicher Weisheit ist?" Und schon hatte er das Blatt aufgeschlagen und las:

"Hochverehrter, insonders tief bewunderter

Herr Nachbar und Baron!

Wohl weiss ich es, und mein Schicksal hat mich insoweit gehörig unterrichtet, dass ich es nur verdiene, auf dem Boden zu kriechen vor jedem, den das Schicksal und eine gütige, aber doch etwas parteiische Vorsehung in Geistesgaben, Witz, Beredsamkeit und Bildung höher gestellt hat, als mich, die demütige Magd, die auch in dieser Züchtigung die Hand des himmels erkennt und da nur anbetet, wo mancher andere grollen möchte. Doch auch hierin zeichnet sich der Edle aus, wenn er sich göttlicher beträgt, als der gewöhnliche Mensch. So war mein Vorsatz, demgemäss ich auch jetzt handeln wollte, und deshalb schwieg ich und duldete still, und noch mehr meine Töchter, die als stille Witwen und Matronen bei mir leben. Alles erträgt der Mensch, der, wie ich, an Leiden und Zurücksetzung gewöhnt ist, nur nicht, wenn man sein liebendes, schwärmendes Herz mit Füssen tritt und vernichtet, und dieses haben Sie gegenwärtig getan, Herr Baron, weshalb sich der Wurm nun auch im Staube krümmt und gleichsam wimmert. Nein, Hochgeehrter, wo die Musen singen, wo überirdische geistige Genüsse ausgespendet werden, da darf ich auch wohl hoffen, wie der gemeinste Mann beim Krönungsfeste in Frankfurt, von dem öffentlich aussprudelnden Wein und dem gebratenen Ochsen etwas zu erhalten. So denkt auch meine dritte Tochter, die von ihrem mann geschiedene und verwaisete. Welchen Trost gewährt die edle Dichtkunst allen Frauen, die sich in dergleichen Drangsal und Misshelligkeit befinden! Sie verschliessen uns aber, den Durstenden, diesen Quell; doch hoffentlich eröffnen Sie denselben als ein Moses in der Wüste bei der nächsten Aufführung, dass ich mit den drei Töchtern den lechzenden Gaumen erquicken kann. Unangesehen den grossen Genuss, werden Sie uns auch zu der gerührtesten Dankbarkeit verpflichten; denn es wäre zu traurig, wenn wir uns gegenseitig als Feinde betrachten sollten, die sich doch immer schaden können, mehr oder minder. So erharrend, dass uns ein günstiges Los, und keine Niete fallen wird, verbleibe ich – u.s.w. –"

"Es ist zu toll", sagte Mannlich, "dass sich diese Menschen in unsern gebildeten Zirkel drängen wollen und Kunstwerke geniessen, da sie doch alles Kunstsinns gänzlich entbehren. – Soll ich dir nun auch noch diesen dritten Brief vorlesen?"

"Meinetwegen", sagte Elsheim verdrüsslich, "weiss ich doch schon, was er entält."

Mannlich las: "Donnerwetter, Herr Nachbar! Ich habe Sie erst neulich auf die Sauenjagd so freundlich und pflichtschuldigst eingeladen, aber Sie sind nicht gekommen, weil Sie vielleicht an Sauen und mir und der Jagd kein Interesse haben. Sie jagen lieber als Komödiant, und jeder, so sage ich, nach seinem Geschmack. Aber das Dings mit den Zigeunern und dem lahmen Kerl, wovon mir der verrückte Schulmeister erzählt hat, hätte ich doch gar zu gern mit angesehen. Und mein Freund, der Oberforstmeister Retzer, der diesen Sommer bei mir wohnt, ist ganz des Teufels darüber, dass man uns nicht gebeten hat. Der alte Amtmann aus dem Fränkischen drüben, der auch jetzt bei mir hauset, hat auch die Ansicht, dass es Ihre Schuldigkeit als Nachbar und Freund gewesen wäre, uns einzuladen, denn es sieht doch meiner Seele geradeso aus, als wenn Sie uns alle recht mit Vorsatz hätten vor den Kopf stossen wollen, was wir, wie sich von selbst versteht, nicht vertragen können und wollen, und Sie wissen wohl selbst, was sich Nachbaren schikanieren und einander dämpfen und Knüppel in den Weg legen können, wenn sie erst