taten besser, alle Herzensempfindungen mehr in die Leber zu verlegen. Sie ist eigentlich das gekräftigte Leben, wovon sie auch ihren Namen Leber hat, das männliche R statt des weiblichen N, das spornklirrende Schwertwesen statt des sangreichen minniglichen. Herz ist zu sehr mit Erz, Harz und Erde verwachsen, um den Inbegriff der Liebesgeheimnisse andeuten zu können, wenn auch Schmerz und Scherz da wieder hineinlaufen."
Mannlich sagte trocken und ernstaft: "Ich habe mich immer für einen Menschenkenner gehalten, auch für einen Mann, der das Herz, besonders das weibliche, erforscht hat. Es gibt auch gewiss nichts Interessanteres, als sich mit diesem Studium zu beschäftigen. Das weibliche Gemüt ist vielleicht reicher, als das männliche, aber dennoch leichter zu ergründen. Hat man nur erst die Physiognomie des Geistes erfasst, so findet man leicht die Art und Weise der Gemütsgaben, der Regungen, und was nur igend mit dem geheimnisvolleren Bau der Seele zusammenhängt. So zum Beispiel unsere reizende Freundin, das fräulein Charlotte. Ich kann mir denken, dass sie manchem, der sich auch einen Beobachter nennt, für ein Rätsel gelten mag; wer es aber weghat, dass ihr inneres Wesen eigentlich das einer Nonne ist, der versteht nun auch sogleich, was sich ausserdem zu widersprechen scheint. Darum nur ist es ihr möglich, die Adelheid und Olivia so schön und vollendet darzustellen, weil ihr inneres Wesen reine Religiosität ist, und sie daher dasjenige, was ihr am schärfsten, am widerwärtigsten entgegensteht, am sichersten auffassen und am überzeugendsten spielen und äusserlich hinstellen kann. Diese feinen Seelen entfliehen gleichsam zuzeiten sich selbst und in das feindlichste Element hinein, um sich ihrer ganzen Kraft, Tugend und Reinheit von neuem bewusst zu werden. Ach, meine Freunde, das führt uns eigentlich dahin, dass wir gegen manche Genien, besonders Musiker, toleranter sein sollten, die sich manchmal in ein scheinbar niedriges Element zurückziehen, mehr, um sich auszuruhen, als um zu geniessen."
"Richtig!" sagte der Bassist laut lachend, "und das niedrigste, tiefste Element wird immer der Keller sein, in welchem in vielen Städten die Weinschenken und jene Italiener hausen, die uns Austern, Kaviar, Lachs und Seefische anbieten, um uns an diesen Naturgewächsen zu zerstreuen. – Kennst du die dunkeln Stufen – die uns so lockend rufen? – Dahin – dahin –" so schloss mit einem Gesang der Übermütige.
"Nehmen Sie sich in acht", meine Herren, sagte der Klavierspieler, "dass Sie nicht stolpern und fallen, indem Sie zu diesem dunkeln, erfreulichen Element hinabsteigen. Man muss schon wissen, wie beim Denken, wohin man gelangen will, um mit Sicherheit hinzukommen."
Indem hatte Elsheim die drei grossen Briefe geöffnet, sie mit dem Ausdruck des Unwillens und Erstaunens überlesen, und warf sie jetzt zornig hin, indem er ausrief: "Das fehlte noch!"
Leonhard fragte: "Darf man vielleicht wissen, lieber Freund was sie entalten?"
"Oh!" rief Elsheim, "sie können laut gelesen werden, und wenn du es willst, trage diesen ersten gleich selber vor."
Leonhard las: "– übrigens verehrter Herr Baron –"
"Eine sonderbare Anrede", sagte der Bassist.
"Dennoch will ich mich mässigen" – las Leonhard –
"Kurios!" sagte der Komponist, "nach welcher Logik stellt dieser Briefsteller seine Gedanken? – Nun also?"
"Dennoch will ich mich mässigen, indem ich wohl einsehe, dass ich unrecht habe. Sollte das nicht der Fall sein, so müsste ich mich freilich ausserordentlich schämen."
"Ich verstehe weder Vordersatz noch Schlussfolge", sagte Mannlich.
Leonhard las: "Zugegeben also, dass wir Nachbaren und auch Gevattern sind, wie es bei jedem Zweifel das Kirchenbuch ausweisen wird, so ist mein dienstliches Ersuchen, dergleichen geistliche und weltliche Verknüpfung nicht weiter in Frage zu stellen, sondern die Überzeugung von diesen wie grösseren Sachen dem anheimzustellen, der alles nach seiner Weisheit nicht nur regiert, sondern auch reguliert."
Leonhard hielt inne, um zu lachen. "Das muss ein kurioser Menschenverstand sein", bemerkte der Bassist.
"Vielleicht", sagte der Musiker, "ein so tiefsinniger Philosoph aus der allerobersten Klasse, dass unsere Einfalt ihn nur nicht begreift."
Leonhard las weiter: "Und so hätte ich denn zwar fein, aber doch deutlich den Punkt berührt, über welchen ich Klage zu führen Ursache habe."
"Wieso?" sagte Mannlich, "ich kapiere noch nichts von der ganzen Epistel."
Leonhard las: "Denn wenn ich auch nur drei Söhne habe, so brauchen die gewiss die Bildung ebenso nötig, als wenn es dreiunddreissig wären, da die Zahlenprogression, sei sie geometrisch, oder auch nur perspektivisch, bei Seelenverbesserung unmöglich in Anschlag kommen kann."
"Das ist eine unumstössliche Wahrheit", sagte der Sänger, "und der Mann fängt jetzt an klar zu werden."
Leonhard fuhr fort: "So also, praemissis praemittendis, bin ich sehr verwundert gewesen, dass Ew. Hochwohlgeboren, obgleich Dieselben um vieles jünger sind, uns dennoch nicht zusammen, oder einzeln, oder in pleno eingeladen haben, weil es freilich nicht geschehen ist. Es trug sich nicht zu, und ich hoffe, die Erneuung einer neuen Verwirklichung wird um so bessere Früchte tragen, da ich jetzt in dieser Hinsicht nicht mehr der Unwissenheit beschuldigt werden kann,