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sehr liebenswürdig finde, so habe ich doch weder gelegenheit gehabt, noch gesucht, ihn im Vertrauen zu sprechen."

"Aber er ist gefährlich, nicht wahr?" fuhr Elsheim fort.

"Das sehe ich an meiner armen Freundin", erwiderte sie, "denn wenn sie etwas loben will, sei es männliche Schönheit, oder Liebenswürdigkeit, oder Treue, oder ein Wesen, dem man sein unbedingtes Zutrauen schenken könnte, dem die Herzen zufliegen müssten, kurz, wenn sie das Muster eines Mannes bezeichnen will: so nennt sie dieses seltne Wesen Leonhard."

"Leonhard?" fuhr Elsheim ganz mechanisch, aber doch überrascht heraus, indem er sich zwang, sein Erstaunen zu verbergen, und Dorotea war von ihrem gegenstand zu erfüllt, um es zu vermerken, dass Elsheim ein boshaftes Lächeln nur mit Mühe unterdrückte. "Leonhard!" fuhr Elsheim nach einer Pause fort: "ja dieser junge gefährliche Mann, den ich in aller Unschuld hieher gebracht habe, verdreht allen unseren Weibsleuten den schwachen Kopf. Hätte ich das Elend nur ahnden können, das er hier anrichten würde, so hätte ich ihn dort in seiner Stadt gelassen, diesen Verführer! Denn sehen Sie, liebste Doris, das ist er im eigentlichen Sinne, so wacker er übrigens auch sein mag. Wo er aber ein Mädchen oder eine Frau betrügen kann, wo er mit seiner Tugendmiene sie verderben mag, da ist er schlimmer, als Don Juan. Ja, Liebste, an diesem Felsenherzen ist unsere Albertine völlig verloren, und sie mag noch dem Himmel danken, dass der Bösewicht sich nicht um sie beworben hat, denn da er so unwiderstehlich ist, wie ihr es alle selbst bekennt, so wäre sie völlig zugrunde gerichtet. Solche gefährliche Menschen sollte man nicht im land dulden, oder sie schon im siebenzehnten Jahre verheiraten, damit sie nur recht früh langweilige Ehemänner und unausstehliche Hausväter würden. Aber was würde auch dieses extreme Mittel eben fruchten? Denn dieser gottlose Bösewicht ist schon seit Jahren, und zwar an eine sehr hübsche junge Frau verheiratet, aber dennoch macht er uns nun hier die ganze Provinz rebellisch. Sagen Sie selbst, tugendhaftes Kindchen, müssten die Gesetzgeber nicht ganz neue, unerhörte Strafen für dergleichen neumodige Waldfrevler aussinnen?"

Dorotea sah ihn gross an, denn auf dieses Geschwätz war sie nach jener feierlichen Einleitung nicht gefasst. "Sie wollten helfen, raten, dem Unglück vorbeugen", sagte sie endlich, nachdem sie ihn lange betrachtet hatte, "und nun scheinen Sie doch nur rechte Schadenfreude zu empfinden, und die Sache macht Ihnen, so kommt es mir vor, mehr Spass, als dass Sie sie sich zu Herzen nehmen sollten."

"Ja so!" rief Elsheim aus, "Sie haben ganz recht, geliebtes Mühmchen, ich falle immer wieder, so gerührt ich auch eigentlich bin, in meinen leichtsinnigen Ton. Aber, ernstaft gesprochen, ich glaube, dass die Zeit ganz nahe sein wird, in welcher der gefährliche Mensch wieder nach haus reisen muss; dann ist ja hoffentlich der Zauber gebrochen. Dorchen, da Sie einmal in der aufrichtigen Stimmung sindwie denkt denn Albertine von mir?"

"Ganz so, wie Sie es verdienen", versetzte Dorotea mit einem schnippischen Ton; "wenn von Leonhard die Rede ist, werden Sie gewöhnlich auch genannt, aber nur des Kontrastes wegen. Wie jener die höchste Liebenswürdigkeit des Mannes ausdrückt, so stellt sich in Ihnen alles dar, was am männlichen Geschlechte fatal und widerwärtig ist; Sie sind das Ungewisse, Leichtsinnige was kein Vertrauen einflössen kann, der zweideutige jesuitische Mensch, der weder Liebe sucht noch verdient, derkurz der, der Sie wirklich sind. So erkennt Sie Albertine, und wenn Sie auch auf einen Augenblick hinterlistig mein Vertrauen erschlichen haben, so bereue ich doch diese Viertelstunde recht von Herzen!"

Sie sprang auf und rannte davon. Elsheim aber blieb auf der Gartenbank sitzen und lachte so herzlich und so laut, dass einige Freunde, die ihn suchten, sich nach der Laube wandten, so wie der Bediente, der sich im Garten nach ihm umgesehen hatte, hereintrat, um ihm Briefe zu überreichen.

Die beiden fremden Musiker, Mannlich und Leonhard, traten mit dem Diener zugleich in die geräumige Laube. Elsheim legte die Briefe, nachdem er sie obenhin betrachtet hatte, vor sich auf den Steintisch und sagte dann mit lachender Miene: "Meine Herren, ist unter Ihnen vielleicht ein Menschenkenner?"

"Menschenkenner?" sagte der brünette Bassist; "mich dünkt, diese Sorte hat man seit einigen Jahren ganz abgeschafft. Vormals spukten sie in allen Komödien und Romanen; auch gab es wohl Menschen, die, wie die Viehhändler, auf das Gewerbe reiseten, um die verfeinerten und bessern Menschenraçen anzutreffen; allein seit man eingesehen hat, dass der grobschürige Hammel auf die Dauer doch der einträglichste ist, hat man die Finte und Finesse wieder aufgegeben."

"Und man hat klug daran getan", sagte Elsheim lachend, "denn niemals muss der gute Landwirt zu oft und zu fein scheren wollen. Ist nun das Blöken, das man beim Scheren vernimmt, lauter Selbstgeständnis? Bekenntnis und Anklage? oder Lästerung auf den Scherenden? Nicht wahr, der Anatom, der die Menschen so schlechtin aufschneidet, dürfte sich eigentlich wohl für den gründlichsten Menschenkenner ausgeben? Und dann das sogenannte Herz."

"Ich meine", sagte der Klavierspieler, "die Alten