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zu hart, gestraft. Darum ist etwas so Berauschendes und Entzückendes in der ersten Jugendblüte. Jene Reise-Momente, Stunden und Tage, wo ich unbekannt in einsamen Gegenden irrte und spielte, alle jene Scherze und vorübergehenden Figuren und Bekanntschaften, jene Neckereien, halbe Liebe und Tollheiten, könnt ihr denn niemals wiederkehren, und nur in der Erinnerung mich erfreuen? Damals fiel es niemand ein, mich wegen dieses Scherzes oder jener Ausgelassenheit zur Rechenschaft zu ziehen; jetzt muss ich mich verantworten, mein Betragen entschuldigen, für die Folgen einstehen. Freilich bin ich auch älter geworden, lebe nicht in der Fremde, in einem Städtchen oder Schloss, das ich jetzt betrete und übermorgen verlasse, sondern in meinem angestammten Eigentum, wo ich der verehrliche Gutsherr bin und für allen Schaden, der geschehen kann, einstehen muss. Und die anbrüchigen Herzen sind leider nicht assekuriert, und was in meinem Besitztum verlorengeht, soll ich bezahlen.

"Tolle, tolle Welt!" rief er aus und setzte sich in jene abgelegene Laube, um recht ungestört mit den Menschen, der Gesellschaft und ihren Einrichtungen schmollen zu können. Da hüpfte die kleine Dorotea vorbei, und da Elsheim wusste, wie vertraut diese seit einiger Zeit mit Albertinen war, so stand er auf, ging ihr entgegen und bat sie, auf einige Zeit bei ihm zu verweilen, weil er sie über etwas, das ihm sehr wichtig sei, befragen wolle.

"Mein liebes Mühmchen", fing er an, "ich weiss, dass Sie stets, seit Jahren schon, für mich die freundlichsten Gesinnungen hegten. Jetzt können Sie mich wahrhaft glücklich machen, wenn Sie einmal ganz aufrichtig gegen mich sind. Aber freimütig, offenherzig, Liebe, müssen Sie gegen mich sein, und ich schwöre Ihnen, was Sie mir demnächst anvertrauen werden, soll in meiner Brust wie im grab verschlossen bleiben."

Die kleine verständige Dorotea sah ihn misstrausich mit ihren klaren blauen Augen an und sagte dann: "Aber was verlangen Sie von mir, liebster Vetter? Sie machen mir bange. Alles, was möglich ist, will ich Ihnen beantworten."

"Möglich?" sagte Elsheim freundlich und in seiner gewohnten Weise, "– ist denn nicht alles Mögliche möglich? Aber nicht bloss meinetwegen, um mich zu beruhigen, oder zu warnen, sollen Sie aufrichtig sein, sondern hauptsächlich zum Besten einer geliebten Freundin. Und ich schwöre Ihnen, dass Sie deren Wohl nur dadurch fördern können, wenn Sie jetzt ganz ohne Rückhalt sprechen. Sind Sie aber verschlossen und zweideutig, so schreiben Sie sich künftig selbst alles Unheil zu, was aus diesem Betragen nur irgend entstehen kann."

Dorotea war bei diesen Beschwörungen ganz ernstaft geworden und sagte jetzt, fast gerührt: "Nun, so fragen Sie, und soweit es nur irgend mein Gewissen zulässt, werde ich Ihnen wahrhaft antworten."

"Englische Cousine!" rief Elsheim und fasste ihre hände; "ich kenne ja Ihr Herz und Ihre treue Freundschaft. Ich weiss für gewiss (glauben Sie mir nur, ich habe die untrüglichsten Beweise und Nachrichten), dass Albertine am Abgrund steht, und jetzt nahe daran ist, durch eine unglückselige leidenschaft vernichtet zu werden. Was können wir tun, um diesem Elende vorzubeugen?"

Dorotea senkte das Köpfchen, spielte mit den Fingern auf dem steineren Tisch, sah lange vor sich nieder und blickte nach einer stummen Pause zu den Augen des baron ratlos und fragend hinauf. "Woher wissen Sie dergleichen?" sagte sie dann mit schwankendem Ton.

"Mein Kind", sagte Elsheim dringend, "treten Sie nicht zurück, stellen Sie sich nicht unwissend, sondern antworten Sie frei und frank, als wenn Sie neben Ihrem Beichtvater oder Ihrem arzt sässen, denn nur dadurch kann das Unglück vermindert oder vielleicht kann ihm sogar ganz abgeholfen werden."

"Ach, lieber Freund!" sagte Dorotea tief seufzend, und eine Träne trat in das grosse klare Auge, "– die Sache ist leider wahr ich habe es zuerst bemerkt und sie gewarnt, aber ohne Erfolg. Was können wir nun noch tun? Durch Entfernung, dass er vielleicht bald abreiset, dass er es nie erfährt, das alles ist vielleicht noch die einzige hülfe, das Rettungsmittel, wenn auch ein unzuverlässiges."

"So?" sagte Elsheim erstaunt, "– ich dachte immeralso er weiss es nicht?"

"Gewiss nicht", antwortete Dorotea mit herzlicher Vertraulichkeit, "– wer sollte es ihm gesagt haben? Und ein Glück, dass er es nicht selbst erraten hat, da sie in ihrer Natürlichkeit allzuwenig die Kunst versteht, sich zu verstellen. Nein, wenn er es auch nur ahndete, wäre sein Betragen unverzeihlich. Aber er ist zu fein, zu gut, zu menschlich und edel, um dergleichen vorsätzlich zu tun, und daraus ersehe ich eben deutlich, dass er von den Seelenleiden der armen Albertine auch nicht die kleinste Vermutung hat. Nein, er könnte nicht so geflissentlich den Liebhaber der Charlotte spielen, und dieser alle seine Aufmerksamkeit widmen."

"Ja wohl", sagte Elsheim mit einiger Verwirrung, "er ist immer noch zu gut, als dass er dergleichen aus schadenfroher Absicht tun könnte. Der Sünder derSie, Liebste, kennen Sie ihn denn auch etwas näher? Hat er Ihnen nicht vielleicht schon den Hof gemacht?"

"Nein", sagte Dorotea ganz ernstaft, "denn ob ich ihn gleich