erwiderte der Professor, "dass Sie die arme nicht verhöhnen, ihr nicht geflissentlich mit kalter Grausamkeit begegnen."
"Ach!" rief Elsheim aus, "mir ist das, was Sie mir da eröffnen, noch immer so neu, so überraschend, dass ich daran zu glauben nicht vermag."
"Lassen Sie mich fortfahren, da ich mich Ihnen einmal anvertraut habe", sagte Emmrich; "dass ich mit Albertinen niemals über diesen Gegenstand gesprochen habe, werden Sie mir ohne Versicherung glauben, da Sie mich kennen. Dass sie mir Aufträge gegeben, oder mir zuerst sich mitgeteilt haben sollte, dem zu widersprechen ist vollends überflüssig. Seit lange war mir die Melancholie und die abwechselnd erzwungene Heiterkeit des schönen Wesens aufgefallen. Als ich sie im Götz beobachtete, wurde meine Vermutung zur Gewissheit. Aber mit grösstem Schmerz fand ich im Lustspiel meine Überzeugung bestätigt. Ich habe schon sonst die Erfahrung gemacht, dass ein schöner Tenor nur dadurch in seinen geistigsten Tönen die Menschen bezauberte weil aus ihnen der Tod schon, die bald entwickelte Schwindsucht sang. Oh, mein Freund, als Viola sprach die zarte Freundin so weiche, überirdische Töne, in so himmlische Lieblichkeit getaucht und wie im geistigen Äter hinklingend, dass die Laute mir durch das Herz schnitten, denn in jedem klang ein Lebensjahr mit hinaus. So hatte ihr Auge den überirdischen Glanz eines verklärt Sterbenden. Ja, Freund, sie geht zugrunde, ihr Herz bricht, und Sie werden sich nachher den Vorwurf machen müssen, dass Sie es verschuldet haben."
Elsheim war nachdenkend geworden und sagte dann nach einer Pause: "Und was verlangen Sie nun, dass ich tun soll?"
"Nur weniges", erwiderte Emmrich, "nur das, was Ihnen die Urbanität von selbst, ohne meinen Rat, vorschreibt. Zeigen Sie der Armen nicht so geflissentlich Ihre Geringschätzung, Ihren Widerwillen. Warum so plötzlich, oft im unschuldigsten Gespräch, dieser höhnische Witz? diese bittern Bemerkungen über die Schwächen der Weiber? Sie sind gegen alle Menschen, selbst gegen rohe, die es nicht verdienen, sanft und mild; dies zarte Wesen aber ist nur da, damit Sie an ihr den Übermut des Mannes üben, und die giftigen Pfeile der Geringschätzung und Verachtung schärfen. Sie sind ein Mann, aber wenn jemand, den Sie liebten, Sie auf diese Weise behandelte, Sie würden verzweifeln."
Elsheim fasste die Hand des älteren Freundes und sagte bewegt: "Ich danke Ihnen, dass Sie mich mit dieser Offenheit auf meine Ungezogenheit aufmerksam gemacht haben. Ich bin vollkommen im Unrecht, und weiss nichts zu meiner Entschuldigung zu sagen, als dass ich mein widerwärtiges Betragen bereue. Es ist nur zu wahr, dass wir oft mit aller unserer vornehmen Kultur und Bildung, mit der wir uns brüsten, roh, ja selbst gemein werden können. Sie ist mein Gast, mir verwandt, und so ist mein Vergehen noch weniger zu verzeihen. Ich werde mich jetzt bestreben, schonend und anständig ihr gegenüber zu erscheinen."
"Ich wusste", sagte Emmrich, "dass Sie meine offenherzige Freundschaft so aufnehmen würden. Fügen Sie nun noch das ebenso Nötige hinzu, in Gegenwart der Kranken dieser Charlotte nicht so geflissentlich den Hof zu machen, diese mit Artigkeiten zu überschütten, so eifrig um ihre Gunst zu werben, als ob von dieser das Glück Ihres Lebens abhinge."
"Freund!" rief Elsheim bewegt aus, "man ist und bleibt ein Tor, und sollte jeden Morgen an seinen Schützgeist ein ganz besonderes Gebet richten, dass er uns vor recht ausdrücklichen Dummheiten, vor diesen wenigstens, behüten möge. Schon seit andertalb Jahren quält mich meine gute Mutter in ihren Briefen, dass ich heiraten soll, und zwar diese ihre Albertine, die sie für das Muster aller weiblichen Wesen hält. So trieb mich ein schadenfroher Dämon in den Widerspruch hinein, und ich konnte in meiner Einfalt gegen diese frommen Wünsche nur widerspenstig sein, indem ich ungezogen wurde. Ich wollte meine Mutter nur bescheiden, sozusagen auf erlaubte Weise, ärgern, Albertinchen diese Gedanken, die meine redselige Mutter ihr gewiss schon eingeflösst hat, aus dem Sinn bringen, und habe wie ein stümperhafter Komödiant, statt Schröders feinen Klingsberg, zu meiner Beschämung einen ungehobelten Landjunker dargestellt. Auch dieses scheinbare Verliebtsein – oder wie nenne ich es? – in die Olivia, in diese allzu geniale Charlotte – war ja nur ursprünglich ein Spiel, um meine Mutter irrezuführen und die projektierte Heirat völlig scheitern zu machen. Ich handelte nur so in den Tag hinein, weil ich nicht als Pedant einen feinen und durchdachten Plan entwerfen wollte, und darüber ist, wie Sie mir jetzt verkünden, die arme zum Opfer geworden. Sei es nun aber mein Vorurteil, oder Eigensinn, oder sei es eine wirkliche Antipatie unserer Naturen, meinem Gefühl ist diese Albertine und ihr Wesen und Treiben zuwider. Darum war es mir auch peinlich, dass ich in unsern beiden Stücken so viel mit ihr verkehren musste. Von jetzt an aber werden Sie sehen, dass ich in der Vernunft und den Gesetzen der Lebensart Folge leiste; durch mich soll mein Mühmchen nicht wieder gekränkt werden."
Die Freunde trennten sich, und Elsheim irrte gedankenvoll im Garten umher. Es ist uns nicht gegönnt, dachte er bei sich, so im Leichtsinn, in welchem wir uns so poetisch fühlen, dahinzutaumeln. Dies Gelüst, wenn wir ihm nachgeben, wird vom Ernst des Lebens fast immer, und oft