zu sein, als ich hieher kam, und nun spielt mir ein schadenfrohes Verhängnis so launenhaft mit, dass ich da in leidenschaft entbrenne, wo ich – ja, ich muss es so nennen – wo ich verachte. Man möchte an die alten Sagen von Liebestränken glauben! Dieses leidenschaftliche Gefühl ist ein Zauber, der zerrissen werden muss. Aber wie, auf dass er im Herzen und meinem Leben nicht so verderblich reisse, dass eine schmerzhafte Lücke bleibt? Ist es möglich, dass die leidenschaft um so stärker zu flammen vermag, je weniger sie von achtung und Ehrfurcht genährt wird?
Indem er diesen sonderbaren Gefühlen weiter nachzuträumen sich gezwungen fühlte, trat Emmrich in sein Zimmer. Diese Störung war ihm lieb und unangenehm zugleich, denn seine Vorstellungen ängstigten ihn, und doch fühlte er sich in der Gesellschaft des verständigen Mannes verlegen, weil es ihm unmöglich schien, jetzt seine Gedanken gehörig zu ordnen.
"Schon seit einiger Zeit", begann Emmrich, "ist es mir Bedürfnis, ja es erscheint mir als Pflicht, mit Ihnen ernstaft über einen Gegenstand zu sprechen, der mir schwer auf dem Herzen liegt."
Elsheim war gespannt und überrascht, ja fast über diese Einleitung erschrocken. Die Männer setzten sich, und der ältere fuhr so fort: "Glauben Sie mir nur, geliebter Freund, ich habe mir selbst längst alles gesagt, was Sie mir erwidern, oder was mir gar ein feindlich Gesinnter bitter entgegnen könnte. Ich sage mir selbst nämlich: Was drängst du dich in diese Verhältnisse? Wer fordert dich dazu auf? Verletzest du nicht vielleicht alle Delikatesse, und ziehst dir den Unwillen eines jungen Mannes zu, den du hochachtest, und der dir bis jetzt immer Liebe bewiesen hat? Kann ein freigelassenes Wort, eine Entüllung, die bis jetzt im Dunkel ruhte und nun an das Licht gerissen wird, nicht Unheil stiften? Wenn man aber, wie es mir geschieht, von seinem Gewissen getrieben wird, so müssen alle diese feineren und kleineren Rücksichten zu Boden fallen."
Elsheim war durch diese Einleitung noch ängstlicher geworden, und da jetzt Emmrich seine Hand ergriff und sie zärtlich drückte, dann mit dem Ausdruck innigster Freundschaft den jungen Mann umarmte, so steigerte sich dessen Verlegenheit so sehr dass der Ausdruck derselben fast komisch wurde. Emmrich schien eine Ahndung davon zu haben, denn er setzte sich plötzlich wieder nieder und suchte nach Worten. "Es sei!" sagte er nach einer kleinen Pause. "Sie bemerken es also nicht, oder wollen es vorsätzlich nicht sehen, wie Sie eins der edelsten Wesen zugrunde richten, wie Sie die liebenswürdige Albertine umbringen?"
Elsheim sprang von seinem Sitze auf, stand verwundert still und blickte starr den Redenden an, setzte sich dann wieder nieder, und sagte endlich mit dem Ausdruck der höchsten Verwunderung nichts weiter, als: "Wie?"
"So ist es", fuhr Emmrich fort. "Seit lange schon glaubte ich diese leidenschaft in dem edlen Wesen zu bemerken, ich wollte aber früher meiner Kenntnis des menschlichen Herzens nicht trauen, bis mich nun unsere Aufführung des Shakespeareschen Dramas auf das vollkommenste überzeugt und alle meine Beobachtungen bestätigt hat."
"Albertine!" rief Elsheim aus; "Sie sagen mir da etwas, das ich nimmermehr glauben kann. Wie? diese Kalte, Schweigsame, immer Zurückgezogene sollte eines Gefühls, und gar für mich, fähig sein? Wenn Sie mir dergleichen von Charlotten sagten, könnte ich es vielleicht eher glauben."
"Von Charlotten", erwiderte Emmrich kalt, "würde ich es nicht glauben, und wenn das fräulein es mir selbst versicherte. Wie wunderbar hat die natur dieses schöne Wesen mit Gaben und Reizen ausgestattet, und bei diesen vielfachen Geschenken das Herz vergessen, ohne welches alle anderen Eigenschaften ihren eigentlichen Kern verlieren. Ich bin überzeugt, diese gaukelnde Fee wird niemals lieben können; sie sucht ihr Glück darin, alle Männer zu bezaubern und leichte Abenteuer anzuknüpfen und zu lösen. leidenschaft zu erregen ist ihr Spiel, sie will aber keine fühlen. So hat sie sich zur reizendsten und gefährlichsten Kokette ausgebildet. Sie hat in der Residenz schon wunderbare Abenteuer durchgespielt, und die verständige Tante bemerkt entweder alles nicht, oder sieht als eine kluge Frau durch die Finger, wo sie nichts ändern kann. Vielleicht muss es solche Wesen geben, und Charlotte entwickelt sich nur so, indem sie einer inneren notwendigkeit nachgibt; aber zu bedauern ist es doch, dass diese schöne Erscheinung ohne Seele bleiben soll. – Dagegen Albertine! welcher Adel bei diesem Liebreiz! Sie ist lauter Seele und Gemüt und in dieser reinsten Unschuld und wahrhaft göttlichen Unbefangenheit voll des tiefsten Gefühls für alles Schöne und Grosse. Wem sich dieses Herz widmen kann, der sollte sich wohl so beseligt fühlen, dass er sich den Göttern des Olymps gleich dünkte."
"Halten Sie inne", rief Elsheim, "damit ich zu mir komme damit ich überlegen kann, wie das möglich sei, was Sie mir da sagen, oder Gründe und Worte finde, um Ihre irrige Meinung zu widerlegen. – Albertine!"
"Ich muss mich über Ihre Verwunderung verwundern", antwortete Emmrich, "und zugleich das Schlimmste abbitten, was ich von Ihnen dachte, denn ich glaube, Sie wüssten um diese Neigung und verschmähten die Unglückliche absichtlich."
"Abgesehen von allem übrigen", fragte Elsheim, "was verlangen Sie von mir?"
"Was Sie leicht gewähren können und müssen",