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. Da die Baronesse mit dem Inhalt schon bekannt war, ward sie von dieser zweiten Aufführung noch mehr, als von der ersten, ergötzt. Es waren diesmal weniger Zuschauer zugegen, und auch dieser Umstand trug zur Heiterkeit der alten Dame bei, weil sie sich das erste Mal etwas befangen und bedrängt gefühlt hatte, auch damals in Angst stand, es möchte wieder irgendeine Ungezogenheit vorfallen, die der freigeistige Sohn etwa billigen möchte. Da man nun weder Prolog noch Epilog hatte, so wurden zwei Ruhepunkte im Stücke angebracht, um beim Anfang und in den beiden Pausen einige Musikstücke aufzuführen, welche die Baronesse vorzüglich liebte. Emmrich behauptete zwar, dass das Stück darunter leide, weil diese flüchtige, leichte Handlung auch dadurch hinreisse, dass der Zuschauer eben nicht zur Ruhe und Besinnung komme, doch gab er den Wünschen des jüngeren Freundes nach, der seiner Mutter gern ihre heitere Laune, in welcher sie das Kunstwerk liebgewonnen hatte, erhalten wollte.

Indem Antonio neben Olivien stand, um wieder zum letztenmal aufzutreten, sah er, wie sie ein Billet aus dem Busen zog, das sie ihm heimlich zustecken wollte. Er griff darnach, aber so in Hast und übertriebener Eile, dass er an Charlottens Hand stiess, und der Brief auf das Teater flog. Elsheim, als Herzog, erstaunte über diesen Vorfall und sah den Brief an, und es schien fast, als sollte die Vorstellung jetzt einen Gegensatz zu dem Schreiben liefern, welches Malvolio in so seltsamer Begeisterung ablieset; doch liess Elsheim das Blatt liegen, Antonio trat heraus, der Baron spielte zerstreut, Olivia erschien, und bevor sie noch sprach nahm sie den Brief vom Boden auf und sendete dem verwirrten Leonhard einen sprechenden, vieldeutigen blick zu. So ging das Stück zu Ende, Leonhard fühlte sich beschämt, Elsheim war zerstreut, und nur Charlotte behielt eine so ruhige Fassung, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Doch war es ihr nicht möglich, jenen Brief der Behörde, an welche er gerichtet schien, abzuliefern denn Elsheim verfolgte sie mit so aufmerksamen Blicken, dass Charlotte sich auf ihr Zimmer zurückzog, nachdem Leonhard gleich nach dem Schluss der Aufführung seine Ruhestätte aufgesucht hatte.

Am folgenden Tage wurde verabredet, zum Ergötzen der Mutter ein grosses Konzert zu veranstalten, in welchem, ausser den beiden fremden Virtuosen, auch alle diejenigen, welche von der Gesellschaft musikalisch waren, sich sollten hören lassen. Charlotte sang vortrefflich, Elsheim angenehm, und so gab man, mit hülfe des Verwalters Lenz, fast die wichtigsten und meisten Partien aus Belmonte und Constanze. So wenig die alte Baronesse mit der neuern Poesie fortgeschritten war, so dass sie fast unwissend erscheinen konnte, so sehr war sie in die Kompositionen des grossen Mozart verliebt, weil sie diese gerade in ihrer frühen lugend, indem ihr Bewusstsein erwachte, hatte kennenlernen. Bei vielen Menschen werden die Bildung, ja selbst der Charakter, und ihre Vorliebe und Vorurteile auf die ganze Lebenszeit durch solche Zufälligkeiten begründet.

Die junge Witwe des verstorbenen Unterförsters liess sich an diesem Tage bei Elsheim melden. Da sich die beiden Leute schon seit frühester Jugend gekannt hatten, so nahm sich die noch hübsche Frau manches bei dem jungen Gutsherrn heraus, was sie sonst wohl bei einem älteren Herrn nicht gewagt haben würde. Ihr Anspruch war nichts geringeres, als dass sie nun auch einmal irgendeine Rolle auf dem freiherrlichen Teater zu spielen wünsche. Elsheim war mit der Frau, die so dreist, fast verwegen, ihre seltsamen Wünsche vortrug, in einiger Verlegenheit. Er suchte sie zu beschwichtigen und ihr das Ungehörige ihrer Forderung deutlich zu machen, aber alle seine Bemühungen waren umsonst, denn sie war von ihrem Talent so überzeugt, dass sie meinte, sie dürfe weder vor Charlotten, noch Albertinen zurückweichen, deren Spiel sie gesehen hatte. "Oh, mein junger lieber Herr", sagte sie, "Sie scheinen es ganz vergessen zu haben, wie früh wir schon miteinander bekannt waren, und wie freundlich Sie mir damals begegneten, als ich noch nicht mit meinem mann verheiratet war. nachher kamen Sie freilich in langer Zeit nicht zu uns, und haben mich und uns alle hier ganz aus der Acht gelassen. In der Zeit, ehe ich mich verheiratete, bin ich ein Jahr in der nah gelegenen Stadt gewesen, bei einem sehr geschickten fräulein, die auch eine Dichterin war. Diese behandelte mich mehr wie eine Freundin, als wie eine Gesellschafterin, und da habe ich oft helfen Komödie spielen. Was denken Sie? Ich habe die Agnes Bernauer, ich habe die Amalia in den Räubern mit Beifall dargestellt, auch die Orsina, und bei manchem grossen Kapitalstück habe ich geholfen."

Elsheim war nicht gestimmt, das Geschwätz länger anzuhören, und verabschiedete sie mit einem halben Versprechen, bei dem nächsten teatralischen Ereignis an sie und ihr Talent zu denken. Und warum nicht? sagte er nachher zu sich selber; es wird die Verwirrung, in der wir uns befinden, nur um weniges erhöhen. Wohin geraten wir alle? Kann ich es mir noch leugnen, dass ich von Eifersucht gepeinigt werde? dass mich, gleich Blitzstrahlen, Momente des Unmuts, ja fast des Hasses, gegen meinen frühesten, meinen innigsten Freund, den redlichsten aller Menschen schmerzlich durchzucken? Freilich sollte er nicht so schwach sein! Aber bin ich denn stärker? Und schwerlich, nein gewiss nicht, schätzt er sie, die uns entzweien könnte, so gering, als ich. Glaubte ich doch meiner so sicher