diesen Genuss zu erneuern. Elsheim, der Emmrich im Garten antraf, sagte zu diesem: "Ich kann noch von meinem Erstaunen darüber nicht zurückkommen, mit welcher Vortrefflichkeit Mannlich und der Graf ihre Rollen gespielt haben. Ich bekenne, Sie hatten recht, Professor, ob ich gleich die Richtigkeit Ihrer Ansicht, der Anweisung, die Sie den beiden Herren gaben, nichtsdestoweniger mehr und mehr bezweifeln möchte."
Emmrich lachte, dann sagte er: "Ich wundere mich dennoch, Freund, dass Sie mich und meine Absicht nicht gleich verstanden haben. Die beiden Männer waren nur dadurch gute Komödianten, dass sie einmal gelegenheit hatten, sich selbst, ohne es zu wissen und zu wollen, ganz darzustellen. Sie sind selbst so, wie sie jetzt gespielt haben, was sie aber niemals eingestehen werden ja selbst nicht einmal erfahren dürfen, wenn es ein andermal wieder gelingen soll. Glauben Sie mir, könnte man mit den wirklichen Komödianten zuweilen ein ähnliches Experiment machen so würden wir uns zuzeiten vortrefflicher komischer Darstellungen zu erfreuen haben. Wie mancher bewunderte tragische Held würde einen Zettel in der Sommernacht von Shakespeare meisterhaft geben, wenn man ihm insinuieren dürfte: Vortrefflichster! erobern Sie durch Ihre Talente diesem so lange verkannten mann seine Würde wieder. Er ist ja ein grosses, ja einziges Talent, wofür ihn seine Genossen, die Bürgersleute, auch anerkennen. Die probe, die er als Tyrann deklamiert, ist ja ein vortreffliches Gedicht und muss nun ebenso, etwa wie Sie schon sonst den Macbet oder Otto von Wittelsbach gespielt haben, deklamiert und gespielt werden. Der schadenfrohe Puck, ein bösartiger Kobold, heftet diesem mann nachher einen Eselskopf an. Soll dies etwas beweisen? Soll der schlechte Spass, wodurch man von je die grössten Männer verunglimpft hat, ein kritisches Urteil entalten? Die zarte Titania beweist es ja, dass sie trotz dieser Entstellung seinen hohen Wert wohl zu schätzen weiss. nachher wird sein herrliches grosses Spiel vom Fürsten und den Aristokraten verlacht und bitter getadelt. Ist es nicht unbegreiflich, dass hier noch niemals ein feiner Sinn die wahre Meinung des grossen Dichters geahndet oder gewittert hat? Diese Lysander und Demetrius, die Hochmütigen, die sich soeben im wald noch wie Toren und Rasende betragen haben, diese haben wohl viel Ehre mitzusprechen? Dass solche Junker und Despoten den hohen Kunstwert eines Zettels nicht verstehen, ist eben sein grösstes Lob. Verschliessen diese doch in der Regel gegen alles herrliche Auge und Ohr. – Zweifeln Sie dennoch, dass, wenn sich der Held so bearbeiten liesse, und er diese Überzeugung in sich aufnähme, er diesen Zettel nicht viel besser und ergötzlicher, als seinen Macbet und Otto spielen würde?"
Elsheim sagte: "Ja, ich gestehe, ich habe den Schalk in Ihnen nicht erkannt."
"Einige Wahrheit", fuhr der Professor fort, "ist aber auch ausserdem in dieser Übertreibung. Denn selbst gute komische Schauspieler in Deutschland, und wie viel mehr in England, verfehlen es darin, dass sie zuviel tun. Sie meinen, sie müssen sich zu dem Toren, den sie abschildern sollen, allzu tief hinablassen. Sie grimassieren, sie kleiden sich zu einem Scheusal um, sie verstellen ihre stimme und grunzen und näseln nun etwas daher, indem sie jedes Wort hervorheben, den nächsten Spass durch Augenwinken und Körperverdrehungen ankündigen, dass in ihrem Bilde kaum die Menschheit wiederzuerkennen ist. Ich habe über keinen Schauspieler noch so, wie über unsern grossen Schröder, lachen können, und wie liess er auch durch die lächerlichste Figur sein edles Individuum durchschimmern und erreichte das Höchste, ebenso wie in seinem tragischen Spiel, immer mit wenigen Mitteln. Freilich ist das lachen viel verschiedener und mannigfaltiger, als das Weinen der Menschen. Im lachen verrät sich oft in der Gesellschaft der Gemeine und Rohe, der sich lange mit Glück maskieren konnte. Ich bin schon oft melancholisch geworden wenn ein ganzes Schauspielhaus kein Ende des Gelächters finden konnte. Es gibt viele Menschen, besonders in den höhern Ständen, die nur über den Menschen lachen können und mögen, den sie zugleich verachten. Für solche hat Shakespeare weder geschrieben, noch Schröder gespielt. Aber wie gern geben sich so viele Schauspieler mit Freuden hin, bis unter die tiefste Staffel des Menschlichen hinabzusteigen, um dieses für den Gebildeten trostlose Gelächter zu erregen."
"Sehr wahr", sagte Elsheim. "Diese Empfindungsweise hängt noch mit einer andern sonderbaren Eitelkeit unserer Tage zusammen, die ich fast an jedem Menschen, selbst gebildeten, wahrgenommen habe. Man gibt diesem und jenem ausgezeichneten Talente gern zu, dass es komische Sachen, Charaktere und Lustspiele gut zu lesen und vorzutragen verstehe, aber nicht so in Ansehung des Ernstaften, Schönen, Rührenden und Tragischen. Selbst über Sie, Freund, habe ich oft dergleichen Urteile gehört. Die meisten, wenn Sie eine Tragödie, oder die poetischen Szenen unsers Goete oder Schiller lesen, meinen im stillen, unser Freund tut zu wenig, ist zu natürlich, bleibt allzusehr in dem Ton der Konversation und dergleichen mehr. Je stümperhafter, heulender und singender ein solcher diese Gedichte vorträgt, um so schärfer tadelt er Sie."
"Weil, wie unser Mannlich", antwortete der Professor, "die Leute glauben, der sogenannte Ernst, und was sie Empfindung nennen, müsse den Mund voll nehmen und gleich damit anfangen, sich von der natur und Wahrheit loszureissen."
Man ging zur Gesellschaft, und es ward beschlossen, noch an diesem Abend die heitere Vorstellung zu wiederholen