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als Menschenkenner zu seinen Schlüssen und Urteilen nötig waren; sich selbst gebot er als erste Lebensregel, über allen ihren Anforderungen bloss als Beschauer dazustehn. Unläugbar hatte er von diesem kühlen Standpunkte aus sich einen sehr gesicherten Einfluss über Andere erworben. Ob es indessen möglich sei, sich selbst ganz dieser grossen Beherrscherin der Menschheit zu entziehn; ob man nicht in der Beobachtung und Erkennung der Gefühle Anderer die eigenen immer wieder mit auferziehe; ob jene göttliche Liebe, die unsere entwicklung nie aus den Augen verliert, eine ihrer schönsten Gaben ganz unterdrücken lassen möchte, wer wollte es fürchten, und nicht lieber glauben, uns sei bloss gestattet, die Aussenseite von ihren Erscheinungen frei zu erhalten, innerlich bleibe der kleine Heerd, um den, selbst gegen unsern Willen, sie, unverletzlichen Hausgöttern gleich, ihre Plätze behaupten, wenn auch bei dem Einem zur lieblich sich mitteilenden Geselligkeit erhoben, bei dem Andern zum ernsten Schweigen verdammt, immer doch ihres unzerstörbaren Daseins zeugnis ablegend.

Gern nehmen wir den vorliegenden Moment als eine Bestätigung dieser Ansicht, da es überdies leicht die einzige sein könnte, die dieser merkwürdige Mann uns mitzuteilen veranlasst. Denn schon sehen wir ihn, weggewendet und der alten Heimat seiner Gedanken zurückgegeben, jene mienenlose Ruhe gewinnen, die seine Feinde und Beobachter zur Verzweiflung brachte. Er berührte nur zu einem Klange die Glocke auf seinem Tische, und langsam öffnete sich die kleine von ihm beobachtete Tür, und in einen weiten Mantel gehüllt, trat ein ältlicher Mann ein, der sofort, Mazarin erblickend, den Mantel zur Erde warf und, auf ihn zueilend, ganz überwältigt, wie es schien, zu seinen Füssen niedersank.

Benedicas! rief er mit leiser, bebender stimme.

In majorem Dei gloriam! antwortete Mazarin mit feierlichem Ton und segnete das tiefgesenkte Haupt des alten Mannes.

Steh auf, Porter, setzte er sanft, aber ernst hinzu, wir dürfen uns nicht erweichen; es ist lange her, dass wir uns zuletzt sahen, aber so dies leibliche Auge Dich nicht erreichen konnte, traf mein geistiges doch stets auf einen getreuen und eifrigen Diener im Namen des Herrn und unserer heiligen Sache!

Porter, der von uns bereits erwähnte Kammerdiener des Prinzen von Wales, erhob sich jetzt von seinen Knien, und zeigte eine kleine, magere und gebeugte Gestalt in einer grauen Kleidung ohne alle Abzeichen. Sein längliches, blasses Gesicht war von einem trüben Ernste gefurcht, und ein sparsames weisses Haar lag dünn um die schmale Stirn. Seine matten blauen Augen, die den rührenden Ausdruck des Kummers aussprachen, hatten sich noch nicht zu seinem, in der Vergleichung mächtiger noch erscheinenden gefährten erhoben, sondern ruhten schwermütig am Boden. Mazarin durchschaute vielleicht nur zu schnell aus ihm bekannten Gründen den Gemütszustand des alten Mannes, und suchte durch die freundlichste Herablassung sein Herz zu ermutigen.

Doch was sehe' ich, alter Freund, wie bist Du Deinen Jahren vorangeeilt. Weisses Haar und dieser gebeugte rücken? –

Porter schlug jetzt mit einem tiefen Seufzer die Augen auf, und sie blieben auf Mazarins kräftiger Gestalt einen Augenblick ruhen, indem er mit dem Ausdruck des Schmerzes hinzufügte: Nicht an Allen geht die Zeit spurlos vorüber!

Sage vielmehr, an Keinem, antwortete Mazarin, diese Worte wie einen Vorwurf empfindend; wenn auch der Himmel oft die wunderbar zu kräftigen weiss, die in ihrem schweren Berufe vor ihm getreu und gehorsam und der besonderen Kraft benötigt sind!

Ja wohl, sprach Porter, der Herr misst Jedem sein Maass, und ich murre nicht, dass er das meine nur gering bestimmt zu haben scheint: denn mein Leben war ein nutzloser und trüber Kampf zwischen zwei geheilgten Pflichten, welche zu vereinigen mir nie gelang, und denen ich dadurch vielleicht gleich unnütz ward.

Selbstgerechtigkeit sich in irgend einer Angelegenheit anmassen zu wollen, sprach Mazarin streng, gehört zu dem Ungehorsam, welchen Deine Vorgesetzten Dir in ihrer heil'gegen Machtvollkommenheit als die gefährlichste Klippe unserer geistlichen Tugenden untersagt haben. Welcher Hochmut heisst Dich Dein Leben nutzlos nennen, so Dir noch vergönnt ist, an der kleinen Stufenleiter unserer Befehle, Deinen Fähigkeiten gemäss, hinanzuklimmen? Du bist von der Regel abgewichen, und ich könnte Dich strafen, wenn nicht Milde und Geduld mit den Gebrechen der Menschheit unser erstes Gesetz wäre, und wenn Du nicht die Strafe Deiner Vergehungen schon in jenem mutlosen Trübsinn trügest, womit der Beschützer unserer heiligen Vereinigung alle die heimsucht, die sich zu eigner Beschauung verführen lassen! –

Ach, hochwürdiger Herr, leget nicht die Bürde Eures Zorns auf mein schwaches und gedrücktes Herz! Gott, dessen Augen die Herzen prüfet, er weiss allein, wie ich um Kraft und Mut gefleht zur Vollführung des Willens meiner erhabenen Obern. Er weiss, wie ich nicht denken wollte, da es mich nur zu oft auf Abwege führte. Aber der Versucher ist mir in jeder Gestalt erschienen; in der Gestalt eines erhabenen Herrn zuerst, den ich gegen meinen Willen lieben musste, ach, selbst in der Gestalt meiner geheiligten Religion, die ich verläugnen und entbehren musste, und die mich zu fragen schien, ob ich das Rechte um solchen Preis zu tun vermöge. Ach Herr, Herr! ich bin ein Sünder und dem Zorn der heiligen Gesellschaft verfallen. Ich fühle es, und nur Ihr könnt mich retten, wie Ihr es oft tatet, indem Ihr meinen wankenden Glauben stützt. –

Ja wohl, sprach Mazarin mit dem Tone des Vorwurfs, der doch schon eine allgemach zu hoffende Verzeihung ankündigt, wohl hast Du