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einst wirklicher, als irgend ein gekröntes Haupt Europa's, die herrschaft führen und alles seinen Plänen untertan machen werde. In seiner unscheinbaren, mehr geistlichen als weltlichen Kleidung gelang es ihm vornehmlich, sein Aeusseres fast unbedeutend erscheinen zu lassen, da die natur ihn wenig mit körperlicher Schönheit begabt hatte. Seine atletische Gestalt und seinen späterhin berühmt gewordenen Anstand, der durch frühere militärische Dienste entwickelt war, hielt er bis jetzt noch ratsamer, vor den Augen der Welt in die sanften gebeugten Manieren eines guten bescheidenen Mannes einzuhüllen.

Dessen ungeachtet hatte Buckingham gelegenheit genug gehabt, seinen weitreichenden und grossen Einfluss kennen zu lernen. Sie waren sich bei des Ersteren Anwesenheit in Frankreich auf einem feld begegnet, wo der schlaue Julio Mazarini sich um jeden Preis zu behaupten entschlossen war, so wie Buckingham seinerseits in dieser Beziehung weder einen Gegner in dieser Gestalt gefürchtet hatte, noch ihm zu weichen dachte. Wenn jedoch diese Macht, die Mazarin für sich in der Stille warb, der Welt und namentlich dem Auslande vorerst noch ein geheimnis bleiben musste, so war in der Art, wie Richelieu wohl Mazarin als den einzigen ihm gleichkommenden Kopf zu bezeichnen pflegte, diesem ein Ansehn zugegeben, welches ihm, auf welchem Platz Europa's er auch erscheinen mochte, eine weit über seine äussere Stellung reichende Auszeichnung sicherte. Doch war mit seiner Erscheinung auch stets ein gewisses Aufmerken, vielleicht nicht ganz ohne einen Zusatz heimlicher Befürchtung, verbunden. Richelieu gebrauchte ihn stets zur Ausführung von Plänen, die nur ein Ohr zur Mitteilung fanden, eben das seinige, und die kleinen schmeichelhaften Sendungen, die Richelieu in seinem oder seines Königs Namen durch Mazarin an die verschiedenen befreundeten Höfe ergehen liess, hatten oft für Richelieu eine so überraschende Kenntniss der wichtigsten Geheimnisse eines solchen beschickten Hofes zur Folge gehabt, dass man langsam anfing, die starke Beobachtungsgabe dieses Boten einzusehn und ihn wenigstens in der möglichst besten Laune zu erhalten wünschte, da man in der Regel zu ungeschickt war, ihn unschädlich zu machen.

Richelieu war dies Mal über die Nückreise des Prinzen von Wales in so zärtlicher Besorgniss gewesen und so entzückt über dessen glückliche Ankunft, dass Mazarin von ihm gesendet ward, seine und des Königs Freude dem Prinzen auszudrücken. Alle, denen dies mitgeteilt ward, schienen über so viel Anteil und Freundschaft entzückt, während Alle mit angehaltenem Atem einander fragten, was er wohl noch vorhaben möchte. Mazarin war über den ersten Eindruck, den er bei seinen jedesmaligen Sendungen hervorrief, keinen Augenblick ungewiss; aber er besass neben seiner schnellen und untrüglichen Menschenkenntniss eine so ausdauernde unbesiegbare Ruhe, Sanftmut und Geduld, dass die Befürchtungen sich wie von selbst an ihm entkräfteten, und er fing erst dann seine Pläne zu verfolgen an, wenn er alle ihm in den Weg gelegten und alle im Voraus ihm bekannten Proben als ein guter harmloser Mann bestanden hatte. Richelieu's grosse, erhabene natur war einer solchen, seinem ganzen Naturell widerstrebenden Operation unfähig, aber er benutzte an seinem gefährten diese Fähigkeit und wusste sie als eine unschätzbare Gabe zu achten, wenn auch ohne sie ihm zu beneiden.

Mazarin hatte sich dem Zwange der Geselligkeit entzogen, und es war leicht wahrzunehmen, dass ihm dies zu einer grösseren entwicklung seiner eigensten natur geholfen. Das lange geistliche Kleid war über einen Sessel geworfen, und die kräftige hohe Brust und die breiten Schultern wurden vorteilhaft von einem Wammse von violetter Seide mit feiner Goldstickerei gehoben. Im Geschmack der Zeit, mit sorgfältiger Vermeidung jeder geckenhaften Uebertreibung, war auch seine übrige person in dieselben Farben gekleidet, und eine feine goldne Kette um seinen Hals war mit den Enden in das Wamms geknöpft. Der Knopf indess, der dies zusammenhielt, hätte fast den besonderen Wert dessen, was er verschloss, erraten lassen; denn es war ein ungewöhnlich schöner und grosser Diamant.

Im Hintergrunde des Gemachs waren zwei Pagen damit beschäftigt, die goldnen und silbernen Gerätschaften, welche sich in einem Reisefutteral befanden, auszupacken, und ihre sorgfältige Vermeidung jedes Geräusches schien sich auf den Eifer zu beziehen, womit Mazarin an einem Tische, zwischen zwei Kerzen, mit der Abfassung eines Briefes beschäftigt war. Doch konnte der Gegenstand des Briefes unmöglich ein ernster sein. Die Heiterkeit, die bis zu einem breiten Zug von Lächeln um seinen Mund gestiegen war, und anderseits die Zerstreuung, in der er, oft aufblikkend, die Augen nach einer kleinen gotischen Tür, ihm gegenüber, richtete, zeigten hinreichend, der Inhalt sei bequem und leicht so nebenher abzufassen.

Ein kaum merkliches Geräusch liess sich jetzt vernehmen. Mazarin erhob sich und ging auf die Pagen zu, die, mit ihrem Geschäft zu Ende gekommen, schweigend seiner Befehle harrten. Ich danke Euch für heute meine Lieben, sprach er sanft und freundlich; ich werde nur noch Benville bedürfen, der im Vorzimmer warten mag, bis ich ihn rufe. Bei Euch wird der Schlaf nach dem anstrengenden Reisetage wohl nicht auf sich warten lassen. Gute Nacht, gute Nacht! Der Herr segne Euch, setzte er hinzu, als die Knaben niederknieten, um seine hände zu küssen, die er alsdann segnend auf ihr weiches Lockenhaupt legte. Er blickte ihnen nach bis die tür des Vorzimmers sich geschlossen, und vielleicht war das Gefühl, womit er die süssen, schlaftrunkenen Kinder ihrer sichern Ruhe übergab, und welches unverkennbar seine Züge auf einen Augenblick einnahm, sogar der Wehmut verwandt. Doch die Welt der Gefühle war bei ihm in den Hintergrund gedrängt; er wollte sie nur kennen, in so fern sie ihm