1836_Paalzow_083_93.txt

eines allgemeinen Interesses beraubt, geriet daher auf die Verfolgung ihres eigenen und besonderen, was vielleicht noch anziehender und beglückender für die Mehrzahl war; doch waren genug unter den Anwesenden, die mit argwöhnischem Hasse aus dieser neuen Beleidigung des gesammten höchsten Adels, mit Einschluss der Minister und nächsten Umgebungen des Königs, das über jede Rücksicht hinaus gestiegene Ansehn des gefährlichen Günstlings sich prophezeiten; Andere wieder, die sich in banger Furcht ihr Sündenregister überhörten und sich schaudernd fragten, welche Rolle sie in dieser allgemeinen Verdammniss übernehmen würden, während die Edelsten und Besten mit Scham und Unwillen sich an einem platz sahen, der sie zu einer solchen Kränkung verdammte, und den zu verlassen, sie jeden Augenblick von ihrem bessern Gefühl sich aufgefordert fühlten, wäre nicht Gefahr vorhanden gewesen, dadurch eine Verfolgung über sich und die Ihrigen herbei zu rufen, welche abzuwenden, ausser aller menschlichen Macht lag. So entstand ein fast allgemeines, aus den verschiedensten Interessen hervorgehendes Verlangen, den Herzog zu erblicken, woran sich die Jugend mit der Hoffnung auf die endliche Eröffnung des Tanzes und die Hungrigen mit der sehnsucht nach den Freuden der Tafel anschlossen. Doch dies Verlangen ward immer aufs Neue getäuscht, und das drückende Gefühl der stolzen englischen Barone steigerte sich noch durch das Hinzukommen der fremden Herren, welche Spanien und Frankreich mit grossem Aufwande und in bedeutender Anzahl an dem hof des Königs unterhielt, welche Buckingham herbeigerufen, sein fest zu verherrlichen, und welche nun die ersten Personen des Königreichs unter der unartigen Nachlässigkeit eines Mannes sich scheinbar beugen sahen, dessen unbeschränktes Ansehen sie dadurch anzuerkennen schienen.

Man sah die spanischen Herren, an deren Spitze sich der junge und schöne Herzog von Samalca befand, nach einer sehr ernsten Erwägung der vorwaltenden Umstände sich in die kalte und steife Haltung begeben, die den Urheber der Beleidigung zu erwarten schien, und der junge Herzog, der sonst gegen die blonden Schönheiten Englands nicht unempfindlich war, wollte, seiner Haltung nach, nur der Gesandte Spaniens sein. Ganz verschieden war dagegen das Benehmen der französischen Herren. Diese schienen sich ganz ihrer heitern unbefangenen natur hinzugeben, und die Unbill, die ihnen nebst der ganzen versammelten Gesellschaft widerfuhr, entweder noch gar nicht zu bemerken, oder sie als einen neuen mutwilligen Scherz des liebenswürdigen Herzogs ansehn zu wollen.

In ihrer Mitte befand sich ein Mann, dessen Kleidung den Geistlichen verriet, und dessen unscheinbare Bildung, so wie sein zurückhaltendes Betragen, ihn leicht hätte übersehen lassen können, wäre er nicht der Gegenstand grosser Aufmerksamkeit seiner gefährten gewesen, die nicht aufhören konnten, ihn mit fragen, Anreden und Mitteilungen, wie es schien, eher zu belästigen, als zu erfreuen. Sein braunes, breites Gesicht, in allen Verhältnissen verzeichnet, bewegte sich beim Sprechen fast gar nicht, seine tiefliegenden Augen waren ausser ihrer Kleinheit noch halb geschlossen, also fast nicht gegenwärtig, und nur ein breiter Mund entwickelte bei einem schnell vorübergehenden lachen, beinah erschreckend zwei Reihen glänzend weisser Zähne, die während des Sprechens sich niemals zeigten.

Man sah den Grafen von Salisbury sehr bald den Weg zu ihm finden und ihn mit einer Auszeichnung begrüssen, die er sonst nur in politischer Beziehung anzudeuten pflegte, und die augenblicklich die Stellung dieses unscheinbaren Mannes für die Anwesenden bestimmte. Er musste dem Grafen folgen, um einigen andern Personen vorgestellt zu werden, und es liess sich bald erkennen, dass seine Herüberkunft aus Frankreich erst kürzlich erfolgt sei.

Selbst Lord Membrocke, der Gefährte Buckinghams und mindestens so übermütig, wie sein Beschützer, eilte ihm eine Ergebenheit zu bezeigen, die ihm selten eigen war; und dass die kleinen Augen des Fremden Ausdruck gewinnen konnten, zeigte der wunderlich schnelle und stechende blick, womit er den Kavalier überlief, und die feine Weise, womit er den Lord zwar als Bekannten, doch mit einer kühlen Zurückhaltung empfing, die zum ersten Mal einen Stolz durchblicken liess, den seine frühere Haltung kaum hatte ahnen lassen.

Lord Membrocke schien jedoch hierauf wenig zu geben und im Gegenteil entschlossen, sich ausschliesslich seiner person zu bemächtigen, als Lord Saville ihm etwas zuflüsterte, was die Farbe Membrocke's änderte und ihn bald den Augen der Menge entschwinden liess. Ein unbeschreiblich verächtliches Lächeln glitt über das starre Gesicht des Fremden. Sein Auge verfolgte einen Augenblick die Richtung, in welcher der Lord davon eilte, während ein Unbekannter an ihn selbst ein Wort zu richten schien, dessen Empfang er mit einem leichten Neigen des Kopfes andeutete.

Doch wenn auch, wenigstens für einen teil der Gesellschaft, die Ankunft der Fremden eine Art von Zerstreuung gewährt hatte, so kehrten doch bald Alle zu dem lastenden Gefühl der Beleidigung zurück, die mit jeder ablaufenden Stunde drückender und nicht mehr durch die Versicherung gemildert ward, dass der Herzog noch bei hof sei; indem Jeder wusste, dass der Hof wohl von Buckingham, aber Buckingham nicht vom hof abhänge. Unruhe und Verdriesslichkeit erreichte schon die Dienerschaft an den Portalen des Schlosses, als plötzlich die diensttuenden Vorreiter des Herzogs in den Hof sprengten, die Wachen ins Gewehr traten und alsbald die Karosse des Herzogs mit dem lang ersehnten Gebieter daher flog. Seine erste Bewegung war, dem Türsteher, der so eben seine Ankunft donnernd verkündigen wollte, Schweigen zuzuwinken, und, anstatt die Treppen nach den Gesellschaftssälen hinauf zu steigen, bezeichnete er dem voraneilenden Diener den Weg über eine Seitentreppe nach seinen Gemächern. Erschrocken fast blickte Maxwell, der erstere Kämmerer des Herzogs, seinen Herrn an, als er ihn in ungeordneter Kleidung und mit nachdenkenden Mienen, ohne einen der ihn