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. Auch fand diese noch wenig Widerstand in der allgemeinen Stimmung des Volkes, welches mit grösserer Langmut, als seiner Einsicht entsprechend schien, sich gegen diese Vorrechte bezeigte, denn es liegt in dem geist eines Volkes, das sich seiner geschichte bewusst wird, eine rührende und unauslöschliche Dankbarkeit gegen Namen, an die sich vaterländische Erinnerungen und Triumphe knüpfen. Es erklärt sich am besten, wie ein zum Volksbesitze erhobener Name noch lange ein schützendes Panier bleibt für die Entartung des Nachkömmlings, unter welchem er die ererbten Vorzüge zu geniessen wagen kann, die er selbst zu erwerben nimmer vermocht hätte. Elisabet, die klügste und eifersüchtigste Selbsterrscherin, hatte die Umgrenzung, womit ihr stolzer Adel ihren Tron zu umgeben sich für angewiesen hielt, schon dadurch zu durchbrechen gesucht, dass sie den Bürgerstand in seinen Rechten zu heben suchte, Talente in ihm für möglich hielt, sie folglich auch antraf, und zu sich erhob. Die Stütze, die sie auf diese Weise sich in den mittlern Klassen ihres Volkes bereitete, das hierdurch mit schon entwickelten Kräften Ziel und Richtung seines Strebens fand, gab ihr, ehe der Adel in seiner eingebildeten höheren natur sich dieser ihm entgegenstrebenden Kraft bewusst ward, eine von ihm unabhängigere Stellung, die ihn, als er sie erkannte, einsehen lehrte, dass er seine Vorrechte an dem Trone durch etwas Anderes verteidigen müsse, als durch die Länge des Besitzes.

Aber gegen das Ende der Regierung König Jakobs war es kaum möglich, eine der unsterblichen Einrichtungen jener königlichen Frau in der Gestalt wieder zu finden, wie sie von ihr diesem Nachfolger überliefert waren. Der wohleingerichtete Mechanismus eines Staates läuft indessen, dem Anschein nach, eine Zeitlang noch ungestört in seinen Gleisen fort, wenn schon die leitende Hand fehlt, die ihm seine ursprüngliche Tätigkeit gab. Es ist dies oft wahrzunehmende scheinbare Fortbestehn unter der Bürgschaft einer gewesenen Grösse nur allzu geeignet, diejenigen in selbstgenügendes Vertrauen einzuwiegen, die von Segnungen sich noch erreicht fühlen, welche sie schon längst aufgehört haben auch ihren Nachkommen weiter vorzubereiten.

König Jakob besass eine Menge ausgezeichneter Kenntnisse, die aber in ihm zu keinem Resultat von Bildung gediehen waren und ihn bloss mit der lächerlichsten Eitelkeit erfüllten, wozu schwache Geister sich stets durch die Anstrengungen berechtigt halten, die ihnen das Erlernen verursachte, und wodurch sie sich geneigt fühlen, ihnen einen überschätzten Wert beizulegen, wie dürftig sie auch dem leicht sich befruchtenden Genie zur Seite stehen. Seine schwache, durch Erziehung und langjährig beugende Verhältnisse völlig erdrückte natur hatte keine Kraft, sich durch die hohe Stellung zu elektrisiren, zu welcher der Tod Elisabets ihn rief. Ohne wahre Kraft war er eben so wenig fähig, ein Tyrann, als ein Wohltäter seines volkes zu sein, und stets der Spielball Anderer, behielt er sich so wenig eigne Ideen vor, dass diese ihm unbestritten verblieben, da sie nur dienten, ihn über seine gänzliche Willenlosigkeit desto leichter zu täuschen.

So nahm denn auch bald der Zustand bürgerlicher und geselliger Ordnung die hieraus notwendig sich ergebende Umgestaltung an.

Der Adel verbaute gar bald aufs Neue den Zugang, den Elisabet sich zu jeglichem Verdienst zu eröffnen gewusst, und ohne Rivalität mit diesen Emporkömmlingen, ohne Aufmunterung von Oben zu einer höhern entwicklung, abgeschnitten durch Jakobs weibisches Friedenssystem von jeder Kraftübung nach Aussen, sank er nur zu bald in die rohe Ausgelassenheit zurück, aus der er kaum sich zu erheben angefangen.

Alte Namen, Reichtum, äussere Schönheit ersetzten die Eigenschaften, die Elisabet nötig gemacht hatte. Die Folge hiervon waren Günstlinge, die sich jeden Uebermut, jede Zügellosigkeit gegen das Volk, ja selbst gegen ihres Gleichen, und bis vor das Angesicht des Königs ungestraft erlauben durften. Der mittlere Bürgerstand, in seine frühere Beschränkung zurückgedrängt, gab entweder seine freiere entwicklung auf, oder widmete sich ihr doch nur ohne eine belebende Beziehung zu höherer Anerkennung, und der einzige Stand, welcher Vorteil dabei zu ernten schien, war der Handwerksstand, der, aufgemuntert von den ausgedehnteren Luxusbedürfnissen der Grossen, Vorteil davon zog und in seinem äussern Aufwand bei weitem den unterdrückten Mittelstand überbot.

So war denn allmälig die feine, bescheidene und ernste Haltung verschwunden, welche zur Zeit der königlichen Herrscherin selbst über die Feste und Gelage des Adels verbreitet sein musste, sollten sie ihrem scharfen Tadel entgehen. Oft war eine ganze Strasse, selbst ein Vierteil der Stadt, worin ein grosser ein fest anstellte, in Unruhe und Aufruhr gebracht, und man sah zur Zeit, wo die Züge der Gäste mit ihren zahllosen Gefolgen von Dienern, Pagen und Anhängern sich zum Vereinigungspunkt begaben, die Läden geschlossen, die züchtige Jugend der Weiber und Mädchen versteckt, und die Haupttüren selbst, die solche verführerische Besitztümer beschützten, von Aussen noch besetzt mit den wehrhaftesten Männern des Hauses. Diese geräuschvollen Zusammenkünfte, mit ihrer über ganze Gemeinden verbreiteten Unordnung, begünstigten nur zu oft die geheimen verbrecherischen Nebenabsichten, die, mit schamloser Gewalt unternommen, nur der Gewalt wichen und, ungestraft von Oben, zu kleinen Kriegen Anlass gaben, die leider nur zu oft zum Nachteil der Geringeren ausfielen. Das niedere Volk spielte dabei am häufigsten die Rolle der nur sinnlichen Eindrücken hingegebenen Kinder. Der Edelmann, der die schönste Gestalt, die schönsten Kleider, die zahlreichsten und kostbarsten Diener und die vornehmsten Anhänger besass, war sicher, von seinem Beifallsgeschrei jeden Fussbreit Weges begleitet zu werden. Man hätte diese vornehmen Herren fast bemüht nennen mögen, dies noch zu vermehren, denn sie übten in geckenhafter Ausgelassenheit auf ihrem Wege tausend Dinge, welche die gute Laune des Volkes