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Dame sein möge, ihr Anblick doch in mir nicht die Grundsätze erschüttern wird, die wir beide zu gleichen Teilen von unsern verehrten älteren zuerst, und in einer ferneren, nicht minder dringenden Mahnung von den unbefleckten Tugenden unserer makellosen Vorfahren empfingen. Robert, sagte er freundlicher, seinen Arm ergreifend, was nützt das geheimnis eines Stammes, dessen hohes Alter bis in die graueste Vorzeit reicht, wenn es nicht das Andenken ihres wohlverdienten Ruhmes wäre, das sich noch den spätesten Enkeln warnend vor jede Handlung stellt, die da Gefahr brächte, ihren Namen nicht in voller Reinheit weiter zu vererben. Du, setzte er, immer heiterer werdend, hinzu, Du mit Deinen blonden Locken und Deinen blauen Augen, ein geborner Nottingham, in dessen jugendlichem Angesicht die Züge des ersten Ahnherrn liegen, als Gewähr für seine auf Dich verpflanzten Tugenden, Du solltest der Erste werden, der dem eben so glorreichen Geschlechte unserer Ahnmütter ein, wenn auch noch so schönes, doch ein namenloses, ein zweifelhaftes Mitglied zugesellte? Sag, was Du willst, ich glaube diesen Worten nicht, ich glaube Deinem bessern Selbst und Deiner männlich festen Seele. Du wirst siegen; denn es mag sein, dass die Gefühle des Herzens eine seltsame Tyrannei über uns ausüben, aber wo wäre die männliche Brust, die sich nicht gegen jede Gewalt aufgelehnt fühlte, die uns zu beherrschen droht? Lass uns mit einander Alles wohl bedenken, entziehe Dich mir nicht.

Richmond, erwiderte der Herzog, es ist dies das einzige, was ich Dir versprechen kann, aber ich hege eben so fest die Hoffnung, Dich zu meiner Meinung überzuführen, wie Du jetzt von mir dasselbe hoffest; ich sage Dir noch ein Mal, sieh sie nur erst! –

In ihrer Liebenswürdigkeit werde ich gewiss die Rechtfertigung Deines Gefühls finden, denn das Unedle und Gemeine konnte Dich nie verführen. Doch nie werde ich in ihr die Rechtfertigung eines Wunsches finden, der die Grenzen anerkennender Gerechtigkeit gegen sie überschreitet und Dich gegen Verpflichtungen blind macht, die Du in Wahrheit gegen die Familie Dorset eingegangen bist, und an deren Erfüllung Niemand mehr zweifelt. Du selbst, mein teurer Freund, hättest nicht zugegeben, daran zu zweifeln, bevor dies unglückliche junge Mädchen Dein natürliches Rechtsgefühl umwandelte. –

Der Herzog schwieg und wendete sich in einem unbeschreiblichen Zustande von seinem Bruder. Es gibt vielleicht kein Gefühl der menschlichen Brust, welches so grausame Widersprüche zu erregen vermöchte, als dies eine der Liebe. Es teilt gleichsam unser Wesen in zwei streitende Personen, und während uns die Liebe mit ihren gesteigerten Anforderungen ein heiliges unbestreitbares Recht zu besitzen scheint, Alles umzustürzen, was ihr störend entgegen tritt: bleibt uns oft zu unserer grössten Qual ein richtiges Wahrnehmungsvermögen für die Wichtigkeit solcher Schwierigkeiten.

Der junge Herzog fühlte sich in dieser Lage. Er musste sich gestehn, dass sein Bruder ihm nur in Erinnerung brachte, was er selbst einst mit überzeugung anerkannt hatte; aber das Verlangen seines Herzens, dem er sich so unbesonnen hingegeben, übte eine Gewalt über ihn, die er nicht anders als überwältigend nennen konnte.

Richmond merkte den unstäten Bewegungen und Blicken des Herzogs diesen Zustand des unbehaglichsten Schwankens nur zu sehr an. Es war eben sowohl Klugheit, als jenes liebevolle Vertrauen, welches edlen Menschen anrät, die Vollendung des Angeregten in der eigenen entwicklung des Anderen zu erwarten, was Richmond abbrechen liess. Beide Brüder gaben sich alsdann den äusseren Pflichten hin, welche die Ankunft der Gäste ihnen auferlegte.

Zweiter teil

Wir sind geneigt, den Leser aus dem Familienkreise, in dem er sich bereits bekannt fühlen mag, auf einige Zeit zu entführen, um ihn an einem andern Orte für die Ereignisse vorzubereiten, von denen wir die Familie Nottingham später erreicht sehen werden, zugleich aber über das bereits von ihr Erlebte einen Aufschluss zu erteilen, der ihr selbst erst am Ende der uns vorliegenden Zeit gegeben war. Da wir nicht beabsichtigen, die uns mitgeteilten Papiere und ihren einfachen Inhalt mit schlagenden romanhaften Hauptentwickelungsmomenten zu verzieren, so hoffen wir den Leser dadurch, dass wir ihm die Fäden in die hände geben, die er später zu bedrohlichen Verwickelungen sich verwirren sieht, in die Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen, der die Gefahren kennt, wie sie zu vermeiden wären, weiss und doch ausser Stand gesetzt ist, schützend oder warnend einzuschreiten.

Diese Absicht auszuführen, müssen wir einige Zeit zurückgehn, und treffen mehrere Tage nach der Ankunft des Prinzen von Wales aus Spanien in dem alten Stadtteil von Westmünster, dem glänzendsten und prachtvollsten Teile Londons, ein. Es ward damals, wie jetzt, dieser dem alten Whitehall, der wohnung des Königs, zunächst gelegene Stadtteil als ein privilegirter Wohnsitz des höhern Adels angesehen, der sich noch als ausschliesslich geschaffen betrachtete, sowohl die person des Königs zu umgeben, als auch eine Vormauer zu bilden gegen das Volk. Wie wenig auch von der eigentlichen Veranlassung, die dieser Vorstellung in frühester Zeit einigen Rechtsgrund verliehen haben mochte, durch die entwicklung, die sich über alle Stände nachgrade zu verbreiten begann, übrig geblieben war: die damit verknüpften Vorrechte und Auszeichnungen blieben ein ängstlich vom Adel bewachtes Gut, in dem Maasse vielleicht ängstlicher bewacht, als eine unlustige Wahrnehmung sich hin und wieder aufdringen mochte, wie das Volk zu einem festeren Verbande mit seinem Fürsten herangereift war. Der Adel war damals jeder Zügellosigkeit hingegeben, in seiner moralischen Kraft herabgekommen, untereinander entzweit und sich verfolgend bis an die Stufen des Trones, und nur das alte Herkommen sicherte ihm noch seine Bevorrechtung