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in der Du ja früher, ehe Dein Herz sie heiligte, die Wünsche Deiner Familie erfülltest, und die durch Deine letzten Auszeichnungen für jene Familie zu einer Gewissheit erhoben sind, dass man mich schon als nächsten Verwandten ansah und dem gemäss behandelte.

grosser Gott! rief der Herzog hier, indem er mit Heftigkeit beide hände vor seine Augen drückte und dann mit steigendem Eifer fortfuhr, was sprichst Du aus, auf wen beziehst Du mein Gefühl, was für Verpflichtungen machst Du geltend, mich auch um den Trost Deiner Teilnahme zu betrügen? Richmond! nicht diese Gräfin Dorset, die Du unbezweifelt meinst, die ich nie geliebt, der ich keine Hoffnungen erregt, die mir gänzlich fremd ist, nicht die meine ich. Den Engel, den ich anbete, umschliesst dies Schloss; es ist die Gräfin Melville, deren wunderbare Auffindung auf den Terrassen dieses Gartens meiner Mutter aufgehoben war. Ach, und gerade diese wendet nun von ihr, die fast durch ein Wunder uns gesendet, die geschaffen ward, das Herz ihres Sohnes mit allen Seligkeiten zu beglücken, ihr Herz weit ab, als könnte sie den ehrwürdigen Platz entehren, den ich ihr anbieten will!

Du, Robert? rief Richmond, und Ueberraschung und Erstaunen malten sich gleich stark in seinen Zügen, Du wolltest dies unglückliche Mädchen zu Deiner Gemahlin erheben? Ist es möglich, mein teuerster Bruder! Wie viel hat ein unbewachtes Gefühl Dich übersehen lassen, dass Dir ein solcher Schritt möglich und wünschenswert erscheinen konnte. Vergieb, setzte er ernst hinzu, dem Herzog nachgehend, der halb zürnend, halb schmerzlich sich von ihm gewendet hatte, wenn ich Dich kränken muss; aber was wären wir beide, und wo fände ich mich wieder, wenn die stimme der Wahrheit unter uns nicht mehr gälte? Lass es nie zu! rief er mit warmer Liebe, dass uns eine entgegengesetzte Meinung zum Schweigen brächte; Robert, wende Dich zu mir, mache es Deinem treusten Freunde nicht so schwer, Dir nützlich zu sein!

Robert widerstand nicht länger; er wandte sich, ergriffen von dem tiefen melodischen Ton dieser schönen und ihm so teuern stimme, und schaute mit seinem glühenden Angesicht und dem von Schmerz getrübten Blicke in so lichte, offene Augen, in so edle, ernste und doch mitleidige Züge, dass er, davon erschüttert, jenen schnell umschloss und mit dem vollen Ueberströmen eines zärtlichen Bruderherzens seinen Namen unter tausend liebevollen Zunamen ausrief. Ja, Richmond, seufzte er dann, ich bin ausser mir, ich fühle es; ich kannte vor wenigen Wochen diesen Zustand nicht; ja, ich hätte ihn für mich unmöglich gehalten. Aber sieh' sie nur erst, dann wirst Du mich begreifen und sie des Platzes wert halten, den ich ihr bieten will. Es war, als ob Richmond zurückschauderte; der Gedanke, eine namenlose Fremde, wie er die Gräfin aus den Briefen seines Oheims hatte ansehen lernen, auf dem platz zu sehen, den seit Jahrhunderten die edelsten Frauen aus den vornehmsten Geschlechtern des Landes eingenommen, erschreckte sein stolzes Herz. Dem haupt des erlauchten Stammes schien in seinen Augen eine Verpflichtung auferlegt, die ihm gegen jede Affection des Herzens, die dieser Würde zu nahe träte, eine Art von Schutzwehr geben müsse. Es kam ihm zugleich unmännlich vor, so in die Gefühle für ein Weib sich zu verlieren. Denn ungeachtet einer hohen Verehrung für dies Geschlecht, liebte er es doch bis jetzt fast noch ausschliesslich in seiner Mutter und Grossmutter, und nur die Reife, die er in Beiden antraf, schien ihm befriedigend; ein jüngeres Wesen dagegen, wie er die zahllosen Schönheiten der Mädchen im In- und Auslande beobachtet, schien ihm ganz ausser stand, eine so unmännlich erscheinende Hingebung zu rechtfertigen.

Er hatte sehr häufig im Ernste geäussert, was man ihm als Scherz ausgelegt, dass er viel lieber seine Grossmutter heiraten würde, als die reizendste Schönheit unter zwanzig Jahren. Ihm schien eine Verbindung in den festen Grenzen vollkommener Hochachtung vollständig genügend, da er stets überzeugt war, mit den zärtlichsten Gefühlen seines Herzens bis zu dem späteren und reiferen Alter seiner einstigen Gemahlin verwiesen zu sein. Es war ihm daher ein zürnender Schmerz gegen seinen Bruder um so weniger zu verargen, als Robert, zu eigener Feststellung seiner Meinung nicht so geneigt, mit der sorglosen Laune eines, der da denkt, es habe damit wenig auf sich, bisher den Ansichten seines Bruders sich angeschlossen und dadurch in Richmond die Hoffnung geweckt hatte, dass jede Gefahr dieser Art für ihn aufgehört habe. Die zärtliche Liebe jedoch, die Richmond für ihn trug, und die wohl etwas den charakter eines Beschützers hatte, veranlasste dies sonst so edle und gerechte Gemüt wohl zu dem Versuch in dieser Angelegenheit, den grösseren teil des Vorwurfs von seinem Bruder ab und auf jenes fremde Mädchen hinüber zu leiten. Ihre ganze Lage erschien ihm so zweifelhaft, dass es ihm beinahe unmöglich ward, sie anders, als in einem zweideutigen Lichte zu sehen; ja, es schien ihm, in dieser Empfindung weiter gehend, beinahe gefährlich und unbesonnen, dass dies unbekannte Wesen zur Gesellschaft des Schlosses und namentlich zum Umgange seiner Schwestern gezählt ward. Diese Gedankenfolge bildete sich freilich schneller in ihm, als wir Zeit gebrauchten, sie hier nieder zu schreiben, und sie bestimmte die Antwort, die er, erhoben durch die Wichtigkeit dieser unglücklichen Verirrung, mit Schonung und Festigkeit aussprach.

Lass mich hoffen, mein teurer Robert, dass, wie ausgezeichnet auch an Naturgaben diese fremde