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So lass uns denn, erwiderte die alte Herzogin, den Augenblick erwarten, wo Robert mir sein beabsichtigtes Vertrauen schenkt, ich will alsdann mit all dem Ernste, der hier nur zu sehr gerechtfertigt ist, meine Meinung über seine Verpflichtungen gegen die Gräfin Anna ihm vorhalten. Ich würde so in Wahrheit handeln müssen, wenn ich auch nicht Teilnehmerin Deines traurigen Geheimnisses geworden wäre; denn ich kann Robert den Brief der Gräfin Dorset zeigen, worin sie von diesem verwandtschaftlichen Verhältnisse, das uns näher noch zu vereinen bestimmt sei, als von einer ausgemachten Sache spricht. Beweis genug, wie sie durch das Benehmen Roberts über jeden Zweifel sich erhoben wähnt. Auch dürfen wir, wo dies nicht ausreichen sollte, auf Richmond hoffen, der stets so viel Gewalt über seinen Bruder hatte, und dessen zartes Ehrgefühl und richtiger Verstand uns seine Mitwirkung verbürgt. Doch scheint mir vor Allem eine Trennung nötig. Hier bei einander, verführt durch jeden Augenblick, gelingt Robert der Sieg über sein Herz so leicht wohl nicht, besonders da die Gräfin unschuldig freundlich, unbewusst ihm stets neue Nahrung gibt, und sie aus ihrer Sicherheit zu wecken, möchte zweifelhaft für uns alle sein. Ich habe wohl gehört, dass keine grössere Gefahr dem edlen weiblichen Herzen droht, als die Liebe zu erkennen, die sie in einem edlen mann unbewusst erregte! die süsse lockende Gewalt, die dadurch in ihre Macht gegeben wird, ihn zu beglücken, verführt zur Teilnahme. Daher glaube ich, dass meine nahe Abreise eine leichtere gelegenheit bietet, sie zu entfernen, ohne ihre Lage dabei zu gefährden. Du vertraust mir wohl Deinen unglücklichen Schützling an. Sie, die mir so freundlich ergeben scheint, folgt meinen Bitten wohl, mich zu begleiten; Robert und Ihr alle gewinnt indessen Zeit, Euch in das Unabänderliche zu schikken, und nach Maassgabe seiner Fassung begleitet er Euch dann zu mir, wo er die schöne Anna zum Ersatze findet; oder Ihr denkt, ist seiner Heilung noch nicht zu trauen, einen andern Weg aus, ihn länger noch von ihr zu trennen.
So sei es! rief die Herzogin und atmete tief, als habe eine schwere Bürde sich von ihr gehoben, so bleibe ich ihr gerecht und schütze den Namen des teuern Freundes vor den Zweifeln seiner Kinder! Jedoch wenn auch die nächste Zeit damit gerettet scheint, das müssen wir uns immer sagen! es wird der letzte Kampf nicht sein, den wir in dieser trüben, dunkeln Sache zu bestehen haben. Zunächst wird uns jetzt der Vorwurf treffen, dass wir dem Schicksale unsers Schützlings den für seine Lösung nötigen Eifer entziehen. Dies wird nicht ohne grosse Schwierigkeiten zu vermeiden sein, und wir werden gar leicht mit ihr selbst dafür zu sorgen haben, ausserdem aber mit Archimbald und Robert; und hier will meine Seele sich empören gegen die mir so fremden und meinem charakter so wenig passenden Ausflüchte, deren ich dann nicht entbehren kann, um die Wahrheit dem Auge zu entziehen. O Mutter, kann es eine heilige, dringende Anforderung der Tugend werden, von der Wahrheit uns zu trennen! Trügt diese stimme nicht, die mir gebietet, um diesen grossen Preis den Gatten in seinem grössten wichtigsten Besitztume, in seiner Ehre, die nach seinem tod noch bedroht wird, zu beschützen?
Mutter! wenn ich mich dennoch täuschte, wenn die Motive, die mich leiten, nicht alle rein, wenn der Stolz in dieser Brust, der nur zu viel Gewalt darin geübt, wenn er mich triebe, gleich stark vielleicht, die Verirrung des Geliebten zu verhehlen, um selbst nicht offenkundig als Verschmähte, Vergessene zu erscheinen, die mit langer, nur zu wohl bekannter Liebe, mit ihrem ganzen Werte, den Mann ihrer Liebe dennoch nicht zu fesseln vermochte? –
Es ist wohl schwerer, als wir wähnen, erwiderte die alte Herzogin, die Motive unserer Handlungen ganz zu beherrschen und sie frei zu erhalten von selbstischem Einfluss! Der schönste Zustand, der das Rechte sowohl in Handlungen, als Gedanken vereint, scheint vollkommen hier nicht errungen werden zu können, und unserer Seele scheint die Fähigkeit, ihn uns zu denken und herbei zu sehnen, nur verliehen, um auf dem Wege dahin nicht allzufern hinter ihm zurück zu bleiben. So möchte ich, Dir Dein Gefühl, wie menschlich und weiblich gerecht es auch sei, auslegend, Dich gegen jeden nachteiligen Einfluss gesichert halten. Der Fall, der uns so ungewöhnlich in Anspruch nimmt, kann uns gar leichte Befürchtungen für unsere eigene reine Selbstbehauptung eingeben, ja, vielleicht erregt Gottes Güte absichtlich solch' Bedenken in uns, um von verderblicher Sicherheit uns abzuhalten, denn allerdings bleiben bei unserer fast zweifellos guten Absicht die Schritte, die wir vielleicht genötigt sind zur Täuschung Anderer zu tun, ein schwer zu lösendes Problem! Doch lass uns jetzt enden. Nur zu sehr, will es mich bedünken, bedarfst Du der Ruhe.
Beide Frauen wollten sich jetzt erheben, aber nur der alten Lady gelang es. Denn die Anspannung, welche die Herzogin bisher aufrecht erhalten hatte, war in dem Maasse verringert worden, als sie ihre sorge von der würdigsten Seite her geteilt sah. Daher trat ihre bisher und seit lange vorbereitete physische Erschöpfung eben in dem Augenblick ihrer geistigen Erleichterung unabweisbar hervor; ohne einen laut sank sie zurück.
Die alte Herzogin hatte gelegenheit genug, hier ihre Besonnenheit zu zeigen. Die eigene Erschütterung überwindend, eilte sie, Mistress Morton herbeizurufen. Es zeigte sich aber bald, dass diese hülfe nicht ausreichend