Schloss bezogen, das dem unsrigen zunächst gelegen ist. Muss ich mich nun auch überzeugt halten, dass der Prinz die Veranlassung zu jener geheimnissvollen Reise nach Spanien ward, die uns auf immer trennte, und bedenke ich, dass meines teuern Gemahles ganzes übriges Leben keinen Schatten des Vorwurfes zuliess, war er auch in dem einen, mir Kummer und Verdacht erregenden Punkte zu fehlen im stand gewesen – so sagt mir eine innere stimme, dem Hasse verwandt, dieser Prinz leitete und beförderte das einzige, was ihm zum Vorwurfe gereichen kann. –
Teures Kind! unterbrach hier die alte Herzogin ihre Schwiegertochter, welche diese lange und angreifende Erzählung mit einem Eifer und einer Glut der Gefühle bis hierher geführt hatte, die kein Wort dazwischen einzuschalten zuliess, teures Kind, wie tief erschüttern mich Deine Mitteilungen! Wie schmerzlich und als ein Versäumtes will mir die Vergangenheit erscheinen! So habe ich mich in der Hoffnung Euers ungetrübten Glückes gewiegt, indess Dein edles Herz so manchen geheimen Schmerz erlitt um meinen Sohn, der mir jetzt mit dem besten Teile seines Daseins in ein unheimliches Dunkel gehüllt erscheint! Grossmütiges edles Wesen, das lieber den Schmerz in sich durch Verschliessen verdoppelte, als den dennoch geliebten Gemahl in den Augen Anderer herabgesetzt sehen wollte! Auch als Mutter fühle ich mich Dir so innig verpflichtet; Du hast in Wahrheit meinen geliebten Sohn beschützt. –
Und habe ich das, gleichviel ob in Wahrheit oder nur in Euerm liebevollen Glauben? rief hier lebhaft die Herzogin, habe ich das bisher allein und in eigener Kraft? O, so kommt mir nun zu hülfe, da mein Werk noch nicht vollendet, da, nachdem sein geliebtes Leben an meiner Seite mich nicht mehr stärken und jedes stille Opfer versüssen kann, mir doch noch das grössere und schwerere auferlegt ist. Mutter! sagte sie leiser mit strömenden Augen und glühenden Wangen, die unstäten Blicke umhergleiten lassend, Mutter! das Mädchen, das der Wille des himmels mich retten liess, das ich tot zu meinen Füssen fand, sie, die wir Gräfin Melville nennen, ist – wenn Gott nicht ein Wunder schickt, einen Lichtstrahl, um die dunkeln mir jetzt nicht erkennbaren Wege zu erhellen, ist seine und der Gräfin Buckingham Tochter!
Ein Schrei entfuhr den Lippen der alten zitternden Mutter, und die Herzogin drückte ihr erhitztes Haupt in den Schooss der unglücklichen Greisin; aber sogleich fuhr sie wieder empor. Zu heftig war sie erregt, sie konnte noch keinen Ruhepunkt finden, und wenig den heftigen Eindruck berücksichtigend, den sie bei ihrer Zuhörerin hervorgerufen, fuhr sie immer schneller fort: Ein blick auf diese Züge, obwol noch von Ohnmacht entstellt, zeigte mir eine so völlige Gleichheit mit denen jener schönen Gräfin, dass ich wähnte, sie selbst zu sehen; aber kurzes Nachdenken liess mich erkennen, dass die Zeit ihr nicht still gestanden haben könne, und dass dies schöne Wesen vor meinen Augen noch in der zartesten Jugend sei. Da ergriff mich ein unaussprechliches Gefühl. Wenn sie es nicht selbst ist, so kann es nur ihre Tochter sein, so riefen alle Stimmen meiner Brust. Aber mehr noch, als dies, nenne es Ahnung, nenne es den nie bekämpften Argwohn dieses Herzens, dass sie auch seine Tochter sei, das tönte zugleich ohne Aufhören in mir, und dies Gefühl leitete all' meine Schritte. Ach, ich hatte ein ahnendes Herz! Als man sie entkleidet, brachte mir Morton mit allen Zeichen schwer bekämpfter Unruhe die Juwelen, die man an ihr gefunden. Da sahen meine Augen die Armbänder wieder, die mein Gemahl so kunstreich bestellt hatte, die mir vom Juwelier überbracht waren, und die man nicht verwechseln kann, wenn man sie je gesehen. Auch Morton hatte sie erkannt; aber die edle bescheidene Freundin ehrte meine stummen Gefühle. Als ich sie entlassen, öffnete ich ein Portefeuille, was dazu gehörte. Ich fand einen unvollendeten Brief mit der Adresse an meinen Gemahl; er entielt nur diese Worte: Der Tod ereilt mich, eile und rette unser Kind, ehe es in die hände meiner Brüder fällt! O, warum wird mir nicht der Trost, in Deinen Armen zu sterben, und warum suchen Dich meine Gedanken überall vergeblich, so lange ohne Nachricht. – Hier hörten diese Zeilen auf, die in der höchsten Erschöpfung geschrieben schienen. Dabei lagen zwei Wechsel, jeder von tausend Pfund, auf den Banquier meines Gemahls. Ich habe den Brief herausgenommen. Zu diesem Dokument seiner Verirrung durfte ich mich als Erbin erklären. Doch wären mir noch Zweifel geblieben, was wohl unmöglich ist, so hat Gaston übernommen, mich völlig zu enttäuschen. Er entdeckte und erkannte sie, und war dann nicht mehr von ihr zu trennen. Aber vor meinen Augen wiederholte sich die Erkennungsscene, und sie selbst nannte, ihn mir als den steten Begleiter der beiden einzigen Männer, die je ihre Tante besuchten. Ausserdem sendete ich Stanloff, auf dessen schweigsame Treue ich bauen kann, nach dem schloss der Gräfin von Buckingham, und alle Anzeichen treffen hier vollständig mit der Erzählung des unglücklichen Mädchens überein; aus diesem schloss ist sie entflohen! Ach, und trotz alle dem, wirst Du es glauben, trotz dieser Zeichen, deren eins schon mich überzeugen musste, dennoch hoffte ich auf Rettung von dieser überzeugung! Daher meine Hoffnung, Archimbald solle ihren Oheim kennen; darum die Pläne, in die ich einging, Näheres von ihrer Geburt zu erfahren, und dann wieder die qualvollste Angst, diese Nachforschungen würden die