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Frage unter solchen Umständen wagt, denn jedes Unverständliche beantwortete mein unglücklicher Verdacht stets so genügend, dass ich mir grossmütig erschien, an ihn keine Frage zu tun. So hörte ich es auch mit bitterem, aber ihm völlig verborgenen Schmerze, als er mir abermals eine kleine Reise ankündigte, deren Dauer er nicht bestimmen könne. Nach einigen Wochen empfing ich von ihm einen zärtlich innigen Brief, worin er mir acht Tage später seine Rückkehr ankündigte. Denselben Tag liess sich der Juwelier meines Gemahls bei mir melden, und da ich ihn nicht annehmen wollte, brachte mir Morton die von meinem Gemahl bestellten Armbänder. Es waren zwei Brillant-Armbänder, deren ausgezeichnete Schönheit und ganz wunderbare Arbeit mir so auffallend war, dass ich sie lange Zeit mit der Hoffnung betrachtete, es sei eine mir von meinem Gemahle zugedachte Ueberraschung. Aber nicht lange überliess ich mich dieser ruhig beglückenden Vorstellung. Wohin sich meine Gedanken aufs Neue verirrten, könnt Ihr denken. Morton musste die Armbänder zurücktragen; dem Juwelier, welcher beteuerte, der Herr Graf habe sie selber so ausgesucht und die Zeichnung verändert, um einige kostbare Juwelen noch hinzuzufügen, wurde das strengste Verbot auferlegt, nicht die Uebersendung an mich zu entdecken, da mein Gemahl mich damit zu überraschen dächte; und der Juwelier, der selbst eigenmächtig gehandelt hatte, indem ihm von einer Ablieferung nichts geboten war, hielt um so sicherer Wort.

Er kam zurück mit der alten Liebe, strahlend von Güte und Zärtlichkeit, sorgsam und edel für mich und Alle, die ihm anvertraut, – aber ich empfing die Armbänder nicht. Morton gab mir die traurige Gewissheit, dass sie wieder in die hände meines Gemahls gekommen waren, der Juwelier hatte es ihr voll Freude erzählt, und Morton, die sie nun am selben Tage in meinen Händen glaubte oder die Freude mir doch nahe wähnte, sagte mir, dass mein Gemahl sie selbst abgeholt habe.

Wir kehrten nach Godwie-Castle zurück. Doch mein Gemahl, welcher Pferde in London gekauft und sie mit sich führen liess, hatte mit einem derselben kurz vor Godwie-Castle einen Unfall, der ihn heftig am kopf beschädigte. Er ward nach seinen Zimmern gebracht; da Stanloff aber in dem Schlafzimmer bei nahendem Abende das Licht fehlte, die Wunde zu untersuchen, ward mein Gemahl in dem angrenzenden saal verbunden. Ich entfernte mich während dessen auf die dringende Forderung Stanloff's wegen meines Zustandes, aber nur bis zu seinem Schlafgemache, wo ich ihn erwarten wollte, und zwar liess mich Schmerz und sorge, die ich empfand, Niemanden mir zur Seite dulden. Ich war allein und lehnte dem Bette gegenüber an eine mit Schnitzwerk bekleidete Wand, und unruhig in meinen Bewegungen, matt und abgespannt von sorge, ergriff ich eine vorspringende Blume in den Verzierungen, um mich daran zu halten. Aber wie gross war mein Schrecken, als sie nachgab, das Getäfel hinter mir sich in die Wände schob und mich, die Schwankende, fast zur Erde geworfen hätte. Ich eilte den Lehnstuhl an dem Bette meines Gemahls zu erreichen und sank so ermattet hinein, dass ich meine Augen schloss. Aber die Furcht, ihn, wenn er mich so fände, zu erschrecken, raffte mich auf, ich richtete mich empor, ich schlug die Augen auf. O Gott, was erblickten sie! Eine weisse hohe Gestalt, mit Blumen geschmückt, in dem Glanze einer mir nur zu wohl bekannten Schönheit, schien aus dem aufgedeckten raum der Wand zu mir hernieder zu schweben; ja, Mutter, es war das völlig gleiche Bildniss der Gräfin von Buckingham, welches dem Bette meines Gemahls gegenüber mich anlächelte, und welches Du heute noch auf derselben Stelle finden kannst. Ich weiss nicht, wie es kommt, dass oft der grösste Schmerz, der unser Leben zu zerstören droht, uns eine Wiederbelebung geben kann, die uns, im Falle der notwendigkeit zu handeln, physische und geistige Kraft dazu verleiht. Es ging ein kurzes Gelächter, das mich vor mir selber schaudern liess, aus meinem mund; dann fiel mir ein, das Bild wieder zu verhüllen. Ich stürzte auf die Wände zu und erkannte die Blume, welche mich die Entdeckung machen liess. Es gelang; die Wände fügten sich so leise und fest in einander, dass nichts verraten ward, und ich stand vor der Wand, die dies geheimnis barg, als hätte ich geträumt. Als man meinen Gemahl in sein Bette führen wollte, lag ich auf dem Boden ohne alles Leben. In der Nacht gebar ich Arabella; ein hitziges Fieber schloss sich daran und brachte mich an den Rand des Grabes. Als mein Bewusstsein wiederkehrte, erkannte ich meinen Gemahl und Morton. Er hatte seine Wunde nicht in seinem Bette, sondern an dem meinigen geheilt, wo er Tag und Nacht mit Morton mir zur Pflege gewesen. Ach, meine Phantasien mussten ihm oft meine geheimen Qualen verraten haben! Wir erklärten uns dennoch nicht, und Mortons Lippen waren versiegelt. Aber nie hat ein menschliches Wesen ohne Worte beredter zum Herzen gesprochen, als mein Gemahl; sein ganzes Wesen flehte Verzeihung, sein ganzes Tun bezeugte Liebe und Treue. Ja, ich hätte von da an mich glücklich nennen können, hätte der Prinz, der uns nun besuchte, nicht mir als ewig störender böser Geist dagestanden, da er nicht abliess, meinen Gemahl zu Reisen zu verführen, die mich nie ohne schmerzlichen Verdacht liessen. Ich wusste nämlich, die Gräfin von Buckingham war unvermählt geblieben und hatte das